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Die modernen Mogule

Dominic Johnson über die »Afrikanische Renaissance«

  • Von Birgit Morgenrath
  • Lesedauer: 4 Min.

Alles wird anders« in Afrika – so lautet die gewagte These von Dominic Johnson, der die Geschichte des postkolonialen Afrika als Generationsgeschichte darstellt. Interessant ist die von ihm vermittelte Tatsache, dass heute der »demographische Ausnahmezustand der vergangenen 500 Jahre« beendet ist: In Afrika leben wieder so viele Menschen wie vor dem Sklavenhandel. Und sie werden immer jünger. Diese neuen »afrikanischen Löwen«, so Johnson, nehmen sich die »asiatischen Tiger«, die schnell wachsenden asiatischen Staaten, zum Vorbild. Dynamische, clevere, weltweit vernetzte Jungunternehmer hätten sich der »Erblasten« des Kolonialismus, der Ideologien und der postkolonialen Diktaturen selbstständig entledigt.

Dagegen sei den ersten Präsidenten afrikanischer Staaten die Unabhängigkeit in den 60er Jahren »auf dem Silbertablett« serviert worden. Sie hätten die vorhandenen staatlichen Strukturen einfach übernommen und Europa nachahmen wollen. Diese Generation brachte, so in Nigeria und Zaire, Diktatoren hervor. Wo bleiben bei dieser Aufzählung jedoch der charismatische Patrice Lumumba von Kongo, der afrikanische Sozialist Julius Nyereres in Tansania, Kwame Nkrumah in Ghana und andere Präsidenten mit durchaus eigenen und kritischen Zukunftsvisionen? Sie ordnet Johnson der »zweiten Befreiung« zu. Jene begann seiner Ansicht nach, als der junge Yoweri Museveni in Kampala die Macht übernahm. Das sei »der erste erfolgreiche Guerillakrieg zum Sturz einer afrikanischen Regierung ohne Zutun von außerhalb« gewesen, wie andere »Volkskriege« dieser Zeit »befreit von den Referenzen an außerafrikanische geopolitische Konflikte und an die Kämpfe gegen koloniale Fremdherrschaft«. Die Guerillagenossen im südlichen Afrika passen indes nicht in Johnsons Bild. In Südafrika und Rhodesien wurden durchaus noch antikoloniale Kämpfe ausgefochten.

Auf das Jahr 1994, Wahljahr in Südafrika und das Jahr, in dem der Genozid an den Tutsi in Ruanda geschah, datiert Johnson eine »zweite Gründungsstunde des neuen Afrika«: Die Rückkehr der Tutsi und der Sieg des ANC seien »ohne fremde Hilfe«, »ohne fremde Modelle« und »aus eigener Kraft« geschehen. (Das trifft auf den ANC keineswegs zu.) Der Autor zählt auch die »Ambivalenzen« dieser Entwicklungen auf, zum Beispiel die Ermordung des »einzigen erfolgreichen Revolutionärs« in Westafrika, Thomas Sankara 1987 in Burkina Faso, und die »zwiespältigen« Regime etwa in Äthiopien und Somalia. Die »panafrikanische Intervention« zur Vertreibung Mobutus aus Zaire 1996/97 mündete schließlich in den blutigen Kongokrieg – da ging es um die Ressourcen des Landes.

Auch andere Details blendet der kühne Höhenflug Johnsons über den afrikanischen Kontinent aus: Ist zum Beispiel die Ära der »big men« tatsächlich beendet, obwohl in Ländern wie Simbabwe, Kamerun und im Tschad noch üble Diktatoren herrschen? Und sind nicht auch einige Präsidenten der neuen Generation inzwischen moderne big men? Der ruandische Paul Kagame, durch Wahlbetrug an die Macht gekommen, regiert mittlerweile seit zehn Jahren. Sein ugandischer Kollege Yoweri Museveni ist durch wiederholte Verlängerungen seiner Amtszeit seit fast 25 Jahren an der Macht.

Mit der »Afrikanischen Renaissance« ab 1996 habe die neue Generation afrikanischer Politiker selbstbewusst die »Ideologie des erhobenen Hauptes« entwickelt, erklärt Johnson. Sie regierten mit »knallhartem, illusionslosem Pragmatismus«, mit dem Ziel, die eigene Macht zu bewahren und sich weiter zu bereichern. Der Staat werde wie ein Familienunternehmen geführt. Da fragt man sich: Ist das wirklich neu? Im Unterschied zu den alten Kleptokraten könnten sie »plumpen Absolutismus« nicht mehr widerspruchslos durchsetzen, schreibt Johnson. Die Ideen demokratischer Partizipation seien dafür in Afrika zu stark verankert.

Im letzten Kapitel berichtet der Autor begeistert über die neuen afrikanischen Mogule von Kongo bis Südafrika, die mit und ohne staatliche Förderung afrikanische Konzerne in Telekommunikation, Ölförderung, Bergbau und im Fernhandel aufgebaut haben. Vorbildlich sei das – in Südafrika selbst heftig umstrittene – »Black Economic Empowerment« (BEE), das Kapital und Unternehmermacht systematisch in schwarze Hände transferiert hat. Zwar dokumentiert Johnson die damit verbundene Vetternwirtschaft, dennoch hält er BEE für den wichtigsten Motor der Modernisierung.

Das Buch will positiv auf den Kontinent schauen. Das ist ehrenwert. Doch Johnson landet ganz konventionell beim klassisch-konservativen Credo von der freien und globalisierten Marktwirtschaft als Bedingung für Demokratie und afrikanische Einheit. Hohe Wachstumsraten, ausländische Investitionen und Kapitalströme seien Indizien für den beginnenden »großen Sprung« Afrikas.

40 Jahre Diskussionen über die Gefahren der kapitalistischen Wirtschaftsweise für Umwelt und soziale Gleichheit sind an ihm offenbar spurlos vorübergegangen. Von den Opfern dieser »Modernisierung« ist an keiner Stelle die Rede. Dennoch lautet das vorsichtige Fazit des Autors: »Die Zukunft ist offen.«

Dominic Johnson: Afrika vor dem großen Sprung. Wagenbach, Berlin. 108 S., br., 9,90 €.

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