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Spaltungen im Seelenkern

Zur Angst vorm Atom

  • Von Wolfgang Schmidbauer
  • Lesedauer: 4 Min.

Können wir verstehen, dass der Mensch so intelligent ist, Atomkraftwerke zu konstruieren – und gleichzeitig so töricht, sie tatsächlich zu bauen? Gibt es eine psychologische Erklärung? Ich will hier versuchen, diese Frage zu beantworten.

Der Prozess, in dem Menschen erwachsen werden, endet erst mit ihrem Tod. Vorher sind Rückfälle in kindliche Spaltungen auch bei hoch verdienten Wissenschaftlern und mit allen Wassern gewaschenen Politikern an der Tagesordnung. Spaltung bedeutet, dass sich die Realität vor meinem Erleben teilt wie die Wasser des Meeres vor dem Stab von Moses. Es gibt dann eine helle und sichere Seite, die meinen Wünschen und Hoffnungen entspricht, und eine dunkle und böse Seite, die ich um jeden Preis vermeide, leugne und verdränge.

In dem Glauben, dass es besser ist, Atomkraft zu besitzen, wurden die Meiler gebaut, vor denen wir uns heute fürchten. Sie stehen für den Wunsch, stark zu sein, vermischt mit der Angst, dass andere stärker sein könnten. Wenn es darum geht, die Macht der eigenen Gruppe zu stärken, ihr und anderen zu beweisen, dass sie jedem Feind überlegen ist, konnten schon in Mykene und Babylon die Mauern gar nicht eindrucksvoll genug sein.

Bei den Atomwaffen ging es um ein Gleichgewicht des Schreckens. Aber wirklich friedlich ist auch die Konkurrenz um Energiequellen nie gewesen. Die stärkste, die eindrucksvollste, die unerschöpfliche Energie für sich zu nutzen, symbolisierte den Machtbeweis der eigenen industriellen Potenz. Windräder oder Solarkraftwerke wirken neben dem AKW wie ein Bogenschütze neben einem Panzer. Wer kein solches Kraftwerk hat, wünscht sich bis heute eines, wie gegenwärtig die Türkei.

Diese Sicht der Dinge entspricht dem urmenschlichen Bedürfnis nach einem sicheren Ort, der Zuflucht bietet und vor Ängsten schützt. Es gibt in uns eine schlummernde, nie wirklich überwundene kindliche Fantasie, die nach der mächtigen Mutter sucht und abspaltet, was nicht zu dieser Sehnsucht passt. Dem Erwachsenen bleibt sie erhalten als die Bereitschaft, jede dreiste Lüge zu glauben, wenn sie nur diesen sicheren Ort verspricht, eine Zuflucht, die darin liegt, stärker zu sein als andere. Alles Widerständige leugnet, wer sich diesen Glauben bewahren will.

Die Atomenergie war einmal die gute, unerschöpfliche Kraft spendende Mutter, nicht nur in den Augen der Kapitalisten, sondern auch in denen der Sozialisten, die beispielsweise ein neues Paradies der Werktätigen unter dem durch atomare Macht geschmolzenen Grönlandeis ausmalten.

Wenn Kinder träumen, wünschen sie sich niemals eine schwache Mutter. Schwach sind sie selber, schwach brauchen sie nicht. Stark soll die Mutter sein, stärker als alles, was es sonst noch gibt, fehlerlos. Für den Politiker tritt die eigene Partei an die Stelle dieser Mutter: Stark muss sie sein, Fehler hat sie nicht, Fehler machen die anderen. Die Verteidigung primitiver Spaltungen mit elaborierter Rhetorik spiegelt die Psychogenese der Atomindustrie und macht politische Diskussionen in Talkshows so schwer erträglich. Kluge Menschen, denen Entscheidungen über unsere Zukunft anvertraut sind, inszenieren dümmliche Schattenspiele: Alles Licht bei mir, alles Dunkel bei euch.

Die Spaltung wird von dem ersten und stärksten menschlichen Affekt gespeist: von der Angst. Wer dem Publikum klar machen kann, dass er Sicherheit bietet, gewinnt die Wahl, auch wenn er keines seiner Versprechen wahr machen wird.

Die Informationspolitik der Kernkraftbetreiber bestätigt die Macht der Spaltung. Der Wunsch, in einer Illusion von Sicherheit zu verharren, wird durch Verleugnungen unterstützt, so lange es nur irgend geht. Niemand konnte, ja kann sich zu der schlichten Einsicht durchringen, dass angesichts einer komplizierten Maschinerie mit hochaggressiven Substanzen Störungen unausweichlich sind.

Schriftsteller haben die Zukunft der Erde schon vor fünfzig Jahren in finsteren Farben gezeichnet: Der Mutterplanet ist eine von radioaktivem Fallout bedeckte Wüste, den die Piloten der Raumschiffe meiden. Die Science Fiction übertreibt im Großen, die Ingenieure im Kleinen, wenn sie wie jüngst in Schweden versprechen, dass die Kupferummantelung strahlenden Abfalls hunderttausend Jahre hält.

Und wenn die Verleugnungen zusammenbrechen, welche bisher die Spaltung aufrecht erhalten haben? Dann verwandelt sich ein bisher im Erleben verankerter, sicherer Ort in einen Ort tödlicher Gefahr. Das desillusionierte Ich wird von Ängsten überschwemmt. Jetzt ist auf einmal alles gefährlich. Die Geigerzähler sind ausverkauft, um eine Strahlendosis, die man bisher bei jedem Interkontinentalflug gedankenlos ertrug, durch panisches Bemühen abzuwehren.

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