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Zum Siegen geboren, zum Unglück verdammt

»Und der Haifisch, der hat Tränen« in Cottbus – tänzerische Reflexionen zum Amoklauf von Winnenden

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Nicht einfach, was sich Sven Grützmacher und die kleine Compagnie am Staatstheater Cottbus vorgenommen haben: mit nur acht Tänzern eine ganze Lebenstragödie zu beleuchten. Im Tanz bloßzulegen, weshalb ein junges Leben scheitern muss. Anlass dazu bot der tödliche Amoklauf eines Schülers 2009 in Winnenden. Was dafür, neben der eigenen Verfasstheit, Gründe gewesen sein mögen, fächert Grützmacher, seit 2005 Direktor am Tanz Theater Trier, dort aufgefallen durch ambitioniert zeitverwurzelte Inszenierungen, in starken Bildern für die Cottbuser Kammerbühne auf. Und findet in den rauen Tönen der Band Rammstein die poetische Zeile, die den Titel gibt.

»Und der Haifisch, der hat Tränen« spielt zwar mit Brecht, kehrt dessen Aussage vom reißenden Monster aber um: Der Hai, heißt es bei Rammstein, weint seine Tränen ins Meer, man merkt sie nur am salzigen Wasser. Ein weinender Hai auch Victor, der vom Namen her zum Siegen geboren ist. Die Umstände tragen ihn auf die Seite der Verlierer. Dort lässt Grützmacher sein Stück beginnen.

In einem aquariumblauen Raum mit leicht schrägen Wänden lungern fast Nackte lethargisch herum. Das Gestühl dieser Anstalt hängt unerreichbar in der Höhe; nur einer hat darauf Platz gefunden, Victor. Drei Türen führen aus der sterilen Atmosphäre in ein entzündlich rotes Außen. Geduckt laufen die Eingesperrten, von einer Schwester in ordnende Raster gebracht; Schuhe sind der einzige Gegenstand, mit dem sie umgehen dürfen. Zeit genug für den Sonderling, sich an wichtige Stationen seines Weges zu erinnern. Glockengeläut hallt durchs Elternhaus, Cello im Kontrast zu Rammstein suggeriert inneren Frieden. Den findet der Junge nur bei der liebenden Mutter; der kaltherzige Vater drangsaliert beide, trägt heimlich seine Geliebte als lebendes Spielzeug herum.

Mit Freunden in rockigem Leder feiert Victor Party, lernt dort seine erste Liebe kennen, tanzt mit dem Mädchen in Rot wie im Taumel. Doch die Welt voller Aggression, Neid, Eigensucht verlangt nach anderem. Die Stühle an der Wand dienen zum Pfählen unliebsamer Konkurrenten, werden Objekt für Besitzstandwahrung, für einen Platz in der Ständehierarchie. Den möchte auch das Mädchen und entzieht sich der als unbehaglich empfundenen Zuneigung. Victor schlägt verzweifelt die Wand, die Schläge des Mädchens zielen auf den eigenen Körper.

»Ich tanze mit dir in den Himmel hinein«, zitiert Max Raabe den UFA-Schlager. Dass die heile Welt, in die sich Victor wünscht, Risse und Brüche hat, die Tanzenden letztlich nur Marionetten sind, feuert, wie im projizierten Video, seine Pulsfrequenz an, ebenso seinen Selbsthass. »Bang-bang« und »Feuer frei« tönt es als Ausdruck für Victors inneren Aufruhr, der seine Wahrnehmung verwirrt: »Ich habe Pläne, große Pläne: Ich baue dir ein Haus. Jeder Stein ist eine Träne – und du ziehst nie wieder aus«, heißt es im Song zur Gefühlslage.

Gewaltfantasie wird zur Tat, als im Tanz dreier Paare die Frauen misshandelt werden; Victors Partnerin überlebt nicht, er sitzt in der Falle, steht im Handstand an der Wand. Die Eltern wissen keinen Trost, die Rote ist nur mahnende Erinnerung an eine verblichene Chance. In ohnmächtiger Verweigerung halten die Freunde sich Ohren und Mund zu. Unter einer Dusche sucht Victor nach dem tilgenden Reinigungsritual, endet verknotet und zusammengekauert. Countrystar Johnny Cash klagt dazu, was aus ihm geworden sei und dass er, könnte er nochmals beginnen, gewiss seinen Weg finden würde.

Treffend ist die Musik von John Zorn und Depeche Mode bis zum Kronos Quartet, die Grützmacher seiner Bilderfolge unterlegt, auch um ein junges Publikum zu aktivieren. Dem und allen anderen bietet er 70 Minuten lang einen dichten Flor bis ins Akrobatische virtuoser Bewegung, die in ihrer Plastizität, Präzision, Gestik stets der Aussage dient. Kaum je reißt die Spannung ab, die durch dynamische Wechsel zwischen rasantem Tempo und Zeitlupe zusätzlich gewinnt. Dem Cottbuser Ensemble bedeutet das enorme Herausforderung, der Gasttänzer aufhelfen. Dass die Compagnie in dem jungen Christian Schreier einen bravourös auftrumpfenden Victor stellen kann, spricht für das wachsende Format des einzigen dem Land Brandenburg verbliebenen Balletts.

Nächste Vorstellungen: 3., 23.4.

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