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Istanbuler Jagd auf ein Manuskript

Polizei will Enthüllungsbuch über den Einfluss einer religiösen Vereinigung verhindern

  • Von Jan Keetman, Istanbul
  • Lesedauer: 3 Min.
In Istanbul jagt die Polizei nicht nur Verbrechern hinterher, sondern auch dem Manuskript für ein ungedrucktes Buch. Geschrieben hat es der Enthüllungsjournalist und Professor an der Istanbuler Bilgi-Universität Ahmet Sik. »Die Armee des Imam« – so soll der Titel heißen. Man vermutet, dass es vom Einfluss der religiösen Vereinigung des Fethullah Gülen auf Polizei und Staatsanwaltschaft handelt.

Viel weiß man über das ominöse Buch nicht und soll man nach dem Willen von Zekeriya Öz, Staatsanwalt mit besonderen Vollmachten, auch nicht erfahren. Denn es sei geplant, durch den Druck des Manuskripts »Sensation und Desinformation« zu erzeugen. So steht es jedenfalls in einem von Öz erwirkten Gerichtsbeschluss. Außerdem sollten durch das Buch angeklagte Mitglieder der Terrorgruppe Ergenekon ermutigt und motiviert werden.

Von den mutmaßlichen Mitgliedern der Ergenekon-Gruppe gibt es mittlerweile so viele, dass sich hierfür im türkischen ein eigener Begriff eingebürgert hat – »Ergenekoncu«. Auch Ahmet Sik soll ein solcher »Ergenekoncu« sein. Mit einer Reihe weiterer Journalisten wurde er am 3. März inhaftiert. Staatsanwalt Öz will Beweise für seine Schuld haben, die er aber nicht der Öffentlichkeit mitteilen könne. Nachdem der Autor schon dingfest gemacht ist, jagt man nun seinem Manuskript hinterher.

Fündig wurde die Polizei in der vergangenen Woche zuerst im Ithaki Verlag in Istanbul. Man nahm eine Kopie mit und löschte vorsorglich den Text auf dem Computer. Obwohl die Sicherheitskräfte den Verlag sieben Stunden lang durchsucht hatten, vergaßen sie aber etwas, kamen deshalb einen Tag später wieder – und nahmen dieses Mal auch die Computerfestplatte mit. Sicher ist eben sicher; dass auf ihr auch andere Manuskripte abgespeichert sind, stört wohl nur den Verleger.

Nach dem Verlag war die Zeitung »Radikal« an der Reihe. Auf dem Computer eines mit Ahmet Sik befreundeten Journalisten fand sich das Manuskript erneut, wurde von der Polizei wieder kopiert, die Datei dann gelöscht. Auch an anderen Orten wurde nach dem Manuskript gesucht. Ein Anwalt, der in dem Ergenekon-Verfahren verteidigt und ebenfalls eine Kopie besaß, gab nach Aufforderung durch die Staatsanwaltschaft gleich die Festplatte seines Computers bei der Polizei ab.

Die Beschlagnahme des Manuskripts wurde selbst von der regierungstreuen Zeitung »Taraf« kritisiert. Sie gehört normalerweise zu jenen Medien, die das Vorgehen der Staatsanwaltschaft in dem umstrittenen Ergenekon-Verfahren vehement verteidigen. Der Chefkolumnist der »Taraf«, Ahmet Altan, bedauerte, dass durch die Causa Sik das gesamte Ergenekon-Verfahren in der Öffentlichkeit seine Glaubwürdigkeit einbüße. Der ehemalige Justizminister Hikmet Sami Türk bezeichnete das Vorgehen gegen Siks Buch als Rückfall in die Vorzensur, wie sie unter Sultan Abdülhamid vor über 100 Jahren bestanden habe.

Das Massenblatt »Milliyet« verglich die Beschlagnahme des noch ungedruckten Buches mit dem berühmten Roman von Ray Bradbury »Fahrenheit 451«, in dem die Feuerwehr vor allem dazu da ist, nach Büchern zu suchen, um sie zu verbrennen. In der Türkei ist man allerdings weiter als dieser utopische Roman. Hier schwärmt nicht erst die Feuerwehr aus, um Bücher zu finden und zu zerstören, die Polizei vernichtet bereits die Manuskripte.

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