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Die Welt der unsichtbaren Hürden

In München will eine Seelsorgerin ein Netzwerk für Blinde aufbauen

  • Von Anna Ringle-Brändli, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Als Seelsorgerin kümmert sich die Münchnerin Angelika Sterr um die Belange von blinden Menschen. Insbesondere dann, wenn Blindheit abrupt eintritt, stehen viele Betroffene vor großen Problemen, sagt die katholische Gemeindereferentin.

München. Im Büro von Angelika Sterr geht es hektisch zu. Ständig klingelt das Handy, dennoch strahlt sie Ruhe und Gelassenheit aus. Die 51-Jährige ist eine Frau mit einem offenen Lächeln. »Das läuft hier etwas unkoordiniert, das ist eben alles noch sehr neu«, sagt sie. Sterr kümmert sich als Seelsorgerin in der Erzdiözese München und Freising um blinde und sehbehinderte Menschen.

Fall in die Isolation

Nur vereinzelt gibt es in Bayern Menschen, die sich ganz gezielt dem Schicksal von Blinden und Sehbehinderten widmen, wie der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) erläutert. Angelika Sterr ist eine von ihnen. »Die Kirchen legen bei der Betreuung von Blinden den Schwerpunkt auf den religiösen, seelsorgerischen Aspekt«, sagt BBSB-Pressesprecherin Elke Runte. Um alle sozialrechtlichen Fragen, wie die Beantragung von Hilfsmitteln, kümmere sich hingegen der Verein. »Beides bietet ein ganzheitliches Angebot«, findet Runte.

In Bayern leben laut BBSB rund 80 000 Menschen mit einer Sehbehinderung, davon sind 16 000 blind. »Vor allem ältere Menschen sind betroffen«, sagt Runte.

Eigentlich wollte die gelernte Religionspädagogin Sterr als Jugendliche Pfarrerin werden. Eines war ihr aber immer klar: »Ich will in meinem Beruf Menschen Mut machen.« In der Blindenseelsorge trifft sie viele, denen gerade dieser abhanden gekommen ist. »Menschen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit erblinden, verkraften den plötzlichen Verlust der Sehkraft nicht. Viele stehen vor großen Problemen«, erläutert Sterr. In solchen Situationen will sie da sein und zuhören.

Blinden- und Sehbehindertenseelsorge hat an der Erzdiözese München und Freising Tradition seit mehr als vierzig Jahren. Blinde hätten oftmals ganz eigene Themen und Interessen und seien froh, wenn sie einmal unter sich sein können, sagt die Beauftragte für Behindertenseelsorge, Annegret Kunzmann. Zudem wolle man damit im Gemeindeleben ein stärkeres Bewusstsein für blinde Menschen schaffen.

Dieses musste auch bei Sterr nach und nach wachsen. »Es kam schon vor, dass ich gedankenverloren ins Nebenzimmer gegangen bin, um etwas zu holen. Ich vergaß völlig, dass ich mit einer blinden Person zusammensaß. Jetzt spreche ich immer aus, wohin ich mich bewege«, sagt sie. Dass gerade im Alter mit dem zunehmenden Nachlassen der Sehkraft Nöte entstehen, weiß auch Eva-Maria Müller. Die alte Dame ist seit ihrer Geburt sehbehindert und kennt viele Altersgenossen, denen es peinlich ist, um Hilfe zu bitten. »Viele fallen dann in die völlige Isolation«, sagt sie. Mittlerweile ist die Sehkraft der Seniorin sogar unter ein Prozent gesunken.

Es fehlt an Zahlen

Aber nichts lässt bei der quirligen Frau darauf schließen, dass sie mit ihrem Schicksal hadert. »Man kann das alles auch positiv sehen: Sobald Passanten meinen Blindenstock hören, machen sie Platz und ich habe immer freie Bahn«, sagt sie und lacht. Müller pflegt engen Kontakt zu Angelika Sterr. »Es ist wichtig, dass man eine vertrauenswürdige Person hat, an die man sich wenden kann«, sagt Müller.

Angelika Sterr hat sich für ihre Arbeit viel vorgenommen. Sie lernt Blindenvollschrift und Lormen, ein Tast-Alphabet. So will sie die Kommunikation mit Betroffenen verbessern. Ihr Traum ist es, ein großes Netzwerk von blinden und sehbehinderten Menschen in München aufzubauen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. »Niemand weiß genau, wie viele blinde und sehbehinderte Menschen es in unserer Diözese gibt und wo sie leben«, beklagt sie. Sterr will ihre Pläne in der Gemeinde und bei Blindenverbänden präsentieren und Gesprächsrunden sowie ein Bibelcafé einrichten. »Je bekannter unsere Angebote werden, desto leichter erreichen wir die Menschen, die uns brauchen.«

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