Von Katja Eichholz

Die Angst des Printprofis vor 140 Zeichen

MEDIENgedanken: Ein twitternder Regierungssprecher verunsichert die Hauptstadtjournalisten

Christian Lindner ist der Chefredakteur des im Internet sehr erfolgreichen Lokalblatts »Rhein-Zeitung«. Er beklagte jüngst in einem Vortrag die geringe Wertschätzung der Online-Journalisten gegenüber den Print-Journalisten. Wer in dieser Woche einen Blick in die einschlägigen Medien geworfen hat, musste feststellen, dass er mit dieser Einschätzung leider so falsch nicht liegt. Der noch immer tiefe Graben zwischen online und tradierter Medienwelt zeigte sich in der Bundespressekonferenz am Freitag vergangener Woche.

Was ist passiert? Regierungssprecher Steffen Seibert hat seit Ende Februar einen offiziellen Twitter-Account (@regsprecher). Hier werden Kurznachrichten mit einer Länge von 140 Zeichen veröffentlicht. Per Twitter wurde am 22. März 2011 durch den Regierungssprecher mitgeteilt, dass Angela Merkel zu einem offiziellen Besuch in die USA reist und dort mit der »Medal of Freedom« ausgezeichnet wird. Erst im Anschluss wurde diese Information auf den üblichen Kanälen den Journalisten und Presseagenturen mitgeteilt, hierzu gehören Fax und E-Mail. Anlass genug für einen Journalisten, den Stellvertretenden Regierungssprecher Christoph Stegmann bei der Pressekonferenz (Video: vimeo.com/21654630) zu fragen, ob er sich nun einen Twitter-Account zulegen müsse, um über relevante Termine der Bundeskanzlerin informiert zu sein.

Die Antwort Stegmanns hätte knapp mit »Nein« ausfallen können, denn Twitter-Nachrichten kann jeder lesen. Stegmann aber, eloquent und süffisant, hielt entgegen: »Im Informationsgeschäft wissen Sie: Viel hilft viel«, um dem Bemühen der Bundesregierung Ausdruck zu verleihen, möglichst viele Kanäle zu bedienen. Er beeilte sich, den Journalist mit dem Hinweis zu düpieren, dass das Bundespresseamt von seinen professionellen Kunden erwartet, dass diese mit Twitter umzugehen wüssten.

Diese Frage war der Auftakt einer knapp 20-minütigen Diskussion zwischen Stegmann und anwesenden Journalisten, die tief blicken lässt im Hinblick auf die Frage, wie der traditionelle Journalismus gegenüber den Herausforderungen des Social Web in Form von Twitter, Facebook & Co. gewappnet ist. Es wurde diskutiert, wie sicher Nachrichten von Twitter sind und ob die Bundesregierung daran festhalten möchte, Twitter in der Information einzusetzen. Eine Frage, die Stegmann positiv beantwortete.

Wer einen Blick in das im Internet verfügbare Protokoll der Pressekonferenz geworfen hat, wähnt sich im Tal der Web-2.0-Ahnungslosen. Die Online-Journalisten beeilten sich, Spott und höhnisches Schenkelklopfen über die scheinbar unwissenden Journalisten im Netz auszuschütten, Kommentatoren beklagten Arroganz im Umgang mit den neuen Medienformen. Manch Blogger hat gleich einen »zutiefst verunsicherten Berufsstand« ausgemacht, andere warfen den Hauptstadtjournalisten elitäres Gebaren vor. Sie würden sich um ihre Informationshoheit ängstigen und sollten im Jahr Fünf nach Twitters Geburt eigentlich in der Lage sein, dieses Medium zu nutzen. Da ist was dran, aber es sollte weder vorschnell geurteilt noch pauschalisiert werden, denn schließlich macht die teils sehr arrivierte, will heißen ältere männliche Hauptstadtjournaille nicht die Mehrheit der Journalisten aus. Zu bedenken ist auch: Twitter und Co. sind nicht einfach eine Verlagerung des geschriebenen Wortes vom Analogen ins Digitale, sondern sie verändern auch die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger. In dieser Kommunikation ist der Journalist bisher als Mittler aufgetreten und ein Dialog mit dem Empfänger (dem Leser) fand nur begrenzt statt. Jetzt redet die Bundesregierung auf einem Kanal, auf dem die Menschen direkt antworten und in einen Dialog treten können.

Mancher Journalist mag sich da überflüssig vorkommen. Dies zeigt, dass ein Teil der Journalisten – und hier ist es falsch, gleich auf einen ganzen Berufsstand zu schließen – das neue Medium noch nicht verstanden haben. Es kann für sie ein hervorragendes Werkzeug für die Recherche sein, um neue Kontakte zu knüpfen und sich Unterstützung zu holen – wenn nötig. Publizistische Reichweite, direkter Dialog mit den Lesern und nicht zuletzt die Möglichkeit, das eigene journalistische Profil zu schärfen sind weitere Gründe, sich mit dem Social Web auseinanderzusetzen und es in die tägliche Arbeit einzubeziehen.

Viele Redaktionen haben dies bereits erkannt, so die BBC, der britische »Guardian« oder auch die »Rhein Zeitung«, die ihren Mitarbeitern den Umgang mit Twitter als Teil ihrer redaktionellen Arbeit und Recherche verordnen, ohne aber die teils altersbedingten Vorbehalte der Kollegen aus dem Auge zu verlieren. Denn, so hat Christian Lindner von der »Rhein Zeitung« richtig erkannt, nicht jeder der schreibenden Gattung, hat Talent mit einem Medium wie Twitter oder Facebook umzugehen. Das sollte man dann auch akzeptieren. Aber, und das haben die Berliner Hauptstadtjournalisten missen lassen, die Leser dürfen zurecht erwarten, dass sich die Journalisten wenigstens über neue Möglichkeiten informiert haben. Grundsätzlich gilt: Twitter ist keine Bedrohung, sondern ein weiterer Informationskanal für die tägliche Arbeit. Sein nicht zu unterschätzender Vorteil aber ist die Vernetzung und der schnelle Dialog.

Die Autorin ist Internet-Redakteurin dieser Zeitung.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken