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Tanz in Videowelten

Das Staatsballett Berlin verzaubert in der Komischen Oper mit »OZ – The Wonderful Wizard«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wie modern Tanz und Theater sein können, wie poetisch auch: Das Staatsballett Berlin begeisterte mit seiner jüngsten Premiere Jung und Alt. Dies war Konzept der Produktion, denn Lyman Frank Baums 1900 verfasstes Buch »The Wonderful Wizzard of OZ« lieben sie alle. Mindestens Judy Garlands Song »Somewhere Over The Rainbow« aus dem 1939 nach Baums Vorlage gedrehten Film hat man im Ohr.

Jenem Medium freilich kommen die Abenteuer der kleinen Dorothy in Ländern der Fantasie besonders entgegen. Dass nach Zeichentrick und Musical auch die Tanzbühne über Möglichkeiten verfügt, die Geschichte zu erzählen, genießt man mit doppelter Freude. Dazu hat sich Choreograf Giorgio Madia, seit »Alice's Wonderland« 2007, ebenfalls fürs Staatsballett, auch in Berlin eingeführt, mit den Videokünstlern von »fettFilm« zusammengetan und einen tempogeladenen, staunenmachenden Bilderbogen aus Tanz und Projektion für ein TV-sehverwöhntes Publikum entworfen.

Was Bruno Schwengls extravagante Kostüme, Cordelia Matthes' dezente Dekoration in Weiß beitragen, Franck Evin in ein zauberisches Licht hüllt, dem addiert sich als mächtiger Partner Dmitri Schostakowitschs Musik. Lange habe Madia gesucht, liest man: Seine Abfolge von 32 Nummern aus dem enorm tänzerischen Erbe des Komponisten schmiegt sich dem Geschehen wie eigens verfertigt an. Aus zwei Balletten stammen sie, »Der helle Bach« und »Der Bolzen«, aus diversen Suiten zu Oper und Ballett, vorrangig aus Schöpfungen für den Film. Bezeichnend: Wo Schostakowitsch Dekadenz des Westens zu illustrieren hatte, entströmten ihm funkelnd ironische Miniaturen.

Indikativ des Abends ist sein wohl berühmtester, schmissigster Walzer, der, vielerlei instrumental, Dorothys Streifzüge sowie offene Verwandlungen der Szene begleitet. Besonders von ihnen auch lebt die filmisch angelegte Inszenierung aus 18 Bildern. Ein Nebelvideo weist auf das Land OZ hin.

Hinter der Kurtine spielt Dorothy mit einem Roboter, Tante und Onkel verharren wie auf einem surrealen Gemälde von Edward Hopper. Und schon braut sich über der Prärie von Kansas ein Sturm zusammen. Das mutige Mädchen bleibt, wird samt Haus und Möbeln in eine fremde Gegend gewirbelt: Das stürzende Gebäude rammt jemanden in den Boden. Zwerge, die Munchkins, bevölkern den Ort, tanzen nanaische Spiele. Silberfee Glinda vererbt Dorothy die Zauberschuhe der erschlagenen Hexe des Ostens, drehend wird die Szene zum Feld mit Vogelscheuche. Dorothy verjagt die Krähen, findet in dem sonderbaren Gesellen einen Freund und hilft ihm, aufrecht zu gehen. Bei der Wanderung durch Munchkin Country stoßen sie im weißen Wald auf den Blechmann: Rostig knarren seine Glieder, steif tapsend schließt er sich ihnen an. Vierter im Bund wird ein Löwe, der brüllend dem Metro Goldwyn Mayer Emblem entsteigt und von Dorothy gebändigt wird: Von da an erweist er sich als eher ängstlich.

Hindernisse und Wurzelhände haben die Freunde zu überwinden und erkennen dabei: Jeder bringt ein, was er kann, wird wichtig für das Quartett. Effektvolle Wesen aus Mensch und Videofigur sind die neckenden Quadlings. Das Mohnfeld benebelt Dorothy und den Löwen als Realgestalten, der Blechmann schlägt heldenmütig die gelbe Katze und rettet so die Mäuseschar. Endlich naht das Land des Zauberers von OZ. Über ein Treppengewirr steigt virtuell ein Wärter herab und verordnet den Besuchern Brillen: Durch sie sehen sie, was sie sollen. Wie Traumblasen füllen den Boden die Luftballons, mit denen die Einwohner der Smaragdenstadt virtuos jonglieren.

Der Zauberer verwirrt in wechselnder Gestalt; WWW, die böse Hexe des Westens, und ihre leuchtäugigen Affen werden von Dorothy besiegt. Dem entlarvten Zauberer bleibt nur, den Besuchern die gewünschten Geschenke zu geben: ein Herz dem Blechmann, ein Hirn der Vogelscheuche, Mut dem Löwen, Dorothy eine Montgolfiere, die sie verpasst. Dank Glinda findet sie nach 100-minütiger Reise dennoch heim zu ihrem Spielzeug.

Gut 40 Mitwirkende in allerlei Fabelgestalt hat der Abenteuerspaß, eine spielfreudig frische Mannschaft von Format. Polina Semionova ist eine präsente, modern wendige Dorothy, Federico Spallittas Vogelscheuche, Vladislav Marinovs Löwe sind tänzerisch wie darstellerisch Bravourstücke, stählern stapft Artur Lills Blechmann. Als Zauberer darf Vladimir Malakhov in dieser ästhetisch brillanten Inszenierung alle Register ziehen.

Nächste Vorstellung: 18. 4.

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