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Jetzt oder Knie

Irrwege einer Kassenpatientin auf der Suche nach der richtigen Therapie

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Andere haben Rücken, ich habe Knie. Noch gehöre ich nicht zu den Heerscharen von Patienten, die jedes Jahr aus diesem Grunde auf einem Operationstisch landen, aber ich kann mir inzwischen vorstellen, wie schnell das geht. Es genügt, am Abend nach der Straßenbahn zu rennen, ein kleiner Fehltritt im verharschten Großstadtschnee und schon war es das. Jede Bewegung des rechten Beines sendet unglaubliche Schmerzsignale. Mein linkes Bein könnte zwar problemlos gehen, aber ohne Gesellschaft will es anscheinend nicht. Also geht gar nichts mehr, rien ne va plus. Ungeschickt hüpfe ich auf dem linken Bein zu einer Bank an der Straßenbahnhaltestelle. Eine Passantin stützt mich, ein Mann schaut skeptisch zu uns herüber. Kenn ick, brubbelt er. Sieht aus wie Meniskus. Könnta gleich den Notarzt holen. Empört wende ich mich ab. Habe ich ihn um seine Meinung gebeten?

Ich schaue an meinem Bein herunter. Kein Meniskus zu sehen. Selbstverständlich werde ich gleich in die Straßenbahn einsteigen, nur einen Augenblick sitzen, etwas ausruhen... Eigentlich tut gar nichts mehr weh, oder? Steigen Sie nur ein und fahren Sie nach Hause, sage ich zu meiner netten Gehhilfe, als eine Straßenbahn vorfährt, ich nehme dann die nächste. Um ihr zu beweisen, dass das gar kein Problem für mich ist, stehe ich auf und falle zum zweiten Mal in die Arme der Unbekannten. Wir überlegen beide, wie ich auf einem Bein in die Straßenbahn kommen könnte und später wieder heraus. Es fällt uns nichts ein. Ich entscheide mich für den Telefonjoker und rufe meine Tochter an. Sie löst die freundliche Fremde ab, die nun endlich nach Hause fahren kann. Morgen ist es bestimmt schon viel besser, tröstet mich das Kind. Wahrscheinlich nur ein bisschen verrenkt. Das wird schon wieder. Von wegen Notarzt.

Am nächsten Morgen ist gar nichts geworden. Der Schmerz hat sich in der Kniekehle verkrochen. Ich kann mir weder Socke noch Schuh anziehen und der Weg in die chirurgische Ambulanz auf der anderen Straßenseite gestaltet sich zum Hürdenlauf, ohne familiäres Zupacken unmöglich. Eine freundliche Ärztin steht in einem abgedunkelten Raum an ihrem Computer und füttert ihn mit meinen Daten. Ziehen Sie doch schon mal die Schuhe aus, die Hose auch. Und dann legen Sie sich bitte auf die Liege dort. Die Sprechstundenhilfe schaut gelangweilt über mich hinweg aus dem Fenster. Ich beiße die Zähne zusammen, während ich versuche, meinen rechten Schnürsenkel zu erreichen. Bloß nicht heulen. Wir müssen abwarten, meint die Spezialistin, nachdem ihre Hand mit meinem Bein Kontakt aufgenommen hat. Keine Schwellung, kein blauer Fleck. Das ist schon mal gut. Bei einem Muskelfaserriss gibt es meistens einen Bluterguss.

Ich freue mich, dass ich schon mal erfahren habe, was es wahrscheinlich nicht ist und ziehe mich wieder an. Vor lauter Anstrengung habe ich kleine Schweißperlen auf der Stirn. Versuchen Sie es mal mit Kühlen, empfiehlt die Chirurgin. Wenn das nicht hilft, dann wärmen Sie. Ich muss an Fußball denken. Haben nicht Spieler immer diese Muskelfaserrisse und wälzen sich dann mit schmerzverzerrten Gesichtszügen auf dem Rasen umher? Bislang hatte ich das für eine mittelmäßige Darstellung von Höllenqualen gehalten. Jetzt sehe ich es in einem anderen Licht. Wenn die Jungs nur halb so viele Schmerzen haben wie ich, oh mein Gott! Ich stelle mir vor, wie Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt mit dem kleinen Koffer auf den Platz gerannt kommt, sich zu dem Verletzten hinunter beugt und sagt: Versuchs mal mit Kühlen. Wenn das nicht klappt, wärmen wir ...

Ich versuche wirklich beides. Zwischendrin schlucke ich Schmerztabletten und absolviere die verordnete Physiotherapie. Während mir die mitfühlende Masseurin in die Augen schaut, knetet sie mein Knie, bis ich sie durch den Tränenschleier nicht mehr erkennen kann. Wenn es weh tut, sind wir an der richtigen Stelle, erklärt sie betont heiter. Ich frage, woher sie die Gewissheit nimmt, dass ihre Handlungen sinnvoll sind, wo doch niemand richtig weiß, was in meinem Knie los ist. Sie meint, Physiotherapie sei Physiotherapie, egal um welche Verletzung es sich handelt. Und man merke schließlich, ob es besser wird. Wahrscheinlich hat sie Recht, rede ich mir ein. Immerhin schaffe ich es ohne Begleitung zum Arzt und kann definitiv schöner humpeln.

Allerdings sind auch schon einige Wochen vergangen und ich konnte in dieser Zeit meine Kenntnisse über mögliche Knieverletzungen enorm vergrößern. Ich klickte mich durchs Netz und telefonierte mit vielen Menschen, die schon mal etwas ähnliches hatten oder jemanden kannten, der das hatte. Und das waren fast alle um mich herum. Eine Kollegin hatte die Arthrose im Verdacht und eine befreundete Ärztin wusste, dass Schleimbeutelentzündungen sehr weh tun können. Bänderzerrungen kamen ins Gespräch, die auch ziemlich schmerzhaft sein sollen und lange dauern. Von der Nachbarin bekam ich den Rat, zu einem Orthopäden zu gehen, der nach einem Blick auf das Schuhwerk des Patienten angeblich ohne weitere Untersuchungen immer die richtige Diagnose stellen kann. Ein literarisch bewanderter Verwandter sah die Sache ganz und gar unmedizinisch. Es ist ein Knie, sonst nichts, rezitierte er Christian Morgenstern. Immerhin konnte das Morgensternknie ganz ohne den übrigen Menschen laufen, entgegnete ich grimmig. Meins packt das ja nicht mal mit einem gesunden zweiten Bein zusammen.

Ich informierte mich über Meniskusrisse, Patellabrüche, Knorpelödeme und Kreuzbandverletzungen. Binnen Kürze war ich im Besitz zahlreicher Adressen und Telefonnummern. Parallel dazu war meine Angst gewachsen, nie wieder richtig laufen zu können. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sagte der Chirurgin beim nächsten Besuch, dass ich fest entschlossen sei, das Innere meines kränkelnden Körperteiles genauer zu erforschen und mich nicht mit der trügerischen Röntgenaufnahme, die ein ungebrochenes Innenleben meines Knies vorgaukelte, zufrieden zu geben. Sie hatte auch gleich eine Idee und schickte mich in eine Kniesprechstunde.

Nun hatte ich nicht wirklich geglaubt, dass mein Knie plötzlich zu sprechen anfangen würde. Es war ein Knie, sonst nichts. Aber auch der Experte in der Sprechstunde sagte überraschend wenig. Er deutete mit dem Kopf auf die Liege, griff nach dem Knie und sprach: Sie haben kein Knieproblem, sie haben ein Problem mit dem Rücken. Suchen Sie sich mal einen guten Orthopäden. Nach zwei Minuten war die Sprechstunde beendet. Sie war unter den Sprechstunden der Welt, in denen die wenigsten Worte fallen, die heißeste Anwärterin auf einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde. Habe ich nun etwa doch Rücken? Oder vielleicht beides, Rücken und Knie? Habe ich dazu vielleicht noch Kopf? Im Wartezimmer hatte ich in der Zeitung gelesen, dass die Deutschen im Durchschnitt 18 Mal im Jahr zum Arzt gehen. Ich schämte mich. Das hatte ich ja jetzt schon in einem knappen Vierteljahr geschafft.

Ich beschloss, die Sache zu beschleunigen. Jetzt oder nie. Zunächst besorgte ich mir bei meinem Bruder, der Getriebeexperte ist und eine Menge Leute kennt, einen Termin für eine Magnetresonanztomografie. Angeblich sieht man da fast alles. Nach einigen Tagen hatte ich die Diagnose: Reizerguss, Riss im Außenmeniskus, ein paar kleine Zysten und ein wenig Arthrose. Ein bunter Kniecocktail sozusagen, der jeden Hypochonder in helle Freude versetzt hätte.

Auf den Termin beim Orthopäden musste ich dann allerdings sechs Wochen warten. In der Zwischenzeit las ich alles zu diesem Thema im Internet. Auf die Frage, wie lange Beschwerden infolge eines Reizergusses dauern, schrieb dort ein Dr. med. R. Schneiderhan: »Der Verlauf kann hier sehr unterschiedlich sein, so dass man eigentlich keine exakte Prognose stellen kann. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie sich immer wieder erneut ärztlich vorstellen.« Die letzte Vorstellung, die mein Knie gab, war der Auftritt vor dem guten Orthopäden. Da konnte es sich eigentlich schon wieder ganz munter verbeugen. Wann ist das passiert, fragte der Facharzt. Vor vier Monaten, erklärte ich wahrheitsgemäß.

Und da kommen Sie erst jetzt?

Mit der Reform werden die Voraussetzungen für einen funktionsfähigen Wettbewerb geschaffen, der zu mehr Qualität und Effizienz in der medizinischen Versorgung führt und den Versicherten und Patienten zugute kommt.
Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler am 22.09.2010

Nutzen Sie das Arztgespräch, um offene Fragen zu klären und persönliche Ängste dem Arzt gegenüber anzusprechen.
www.neues-kniegelenk.de

Eigentlich sollte der Arzt seine Kenntnisse und Erfahrungen stets zum Wohl der Patienten einsetzen. Aber immer häufiger beeinflussen kaufmännische Abwägungen die medizinischen Entscheidungen.
Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) vom 13.04.2010

Wir haben den Weg frei gemacht für fairen Wettbewerb und eine stärkere Orientierung am Wohl der Patienten. Denn der Zusatznutzen für Patienten und Vertragswettbewerb bestimmen künftig den Preis. Wir haben gleichzeitig sichergestellt, dass die Patienten auch künftig einen schnellen Zugang zu neuen und innovativen Arzneimitteln erhalten.
Aus einer Pressemitteilung des Bundesgesundheitsministeriums vom 17.12.2010

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