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Körper als Schlachtfeld

Zum fünften Mal zeigt »move berlim« im Hebbel am Ufer Tanz aus Brasilien

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.
Szene aus »Auf Tatsachen beruhend« von Ângelo Madureira
Szene aus »Auf Tatsachen beruhend« von Ângelo Madureira

Mit 191 Millionen Einwohnern ist Brasilien der bevölkerungsreichste Staat Südamerikas, mit gut acht Millionen Quadratkilometern der flächen- und bevölkerungsmäßig fünftgrößte der Welt. Europa quetscht auf knapp zwei Millionen Quadratkilometern mehr zwar vier Mal mehr Einwohner zusammen, passt dennoch beinah in die Ausdehnung von Brasilien. Außer an Chile und Ecuador grenzt der Mammutstaat an alle übrigen Länder des Kontinents, überstreicht 47 Prozent seiner Fläche. Wie viele Ethnien und Religionen, Überzeugungen, Entwicklungen, freilich auch soziale Spannungen in einem solchen Land aufeinanderstoßen, ist gut vorstellbar. Näher bringen uns diese Monumentalrepublik seit 2003 Wagner Carvalho und sein Vize Björn Dirk Schlüter mit ihrem Festival »move berlim«. Alle zwei Jahre verwandelt es das Hebbel am Ufer in ein Laboratorium aus Veranstaltung und reger Debatte. Auch wenn Tanz im Zentrum der Ambitionen steht, ist er doch Spiegel dessen, worüber in Brasilien gerade gestritten, was eben auch politisch verhandelt wird. Insoweit vermittelt das Festival bei aller notwendigen Beschränkung schlaglichtartig ein Bild von Brasilien.

Auch die Jubiläumsausgabe von »move berlim« präsentiert wieder aktuelle Tendenzen des zeitgenössischen Tanzes im Riesenreich. Vom 7. bis 17. April zeigen sieben Compagnien oder Solisten acht Programme mit prononciert sozialer Stoßrichtung. Gleich der Eröffnungsabend greift brasilianische Geschichte auf. Denn »Matadouro« (Schlachthof) ist nicht nur Finale einer Trilogie von Marcelo Evelin, sondern basiert auf realen Geschehnissen. Ende des 19. Jahrhunderts wagten in der Stadt Canudos zumeist Arme und ehemalige Sklaven einen Ort der Gerechtigkeit, wurden von Klerus, Medien, Großgrundbesitzern diffamiert, von Truppen der Regierung besiegt. Angesichts von 20 000 Toten schrieb der Journalist Euclides da Cunha einen Identität stiftenden Roman, den wiederum Evelin zur Basis seines Stücks machte: der Körper als Metapher für ein Schlachtfeld, wie es acht Tänzer atemlos darstellen. Evelin selbst fragt anderntags in seinem Solo »Ai, Ai, Ai« von 1995 nach den eigenen Wurzeln.

»Auf Tatsachen beruhend« von Ângelo Madureira verwertet Fotos und Material seiner Tänzer aus früheren Arbeiten und setzt sie neu zusammen. Das Publikum soll so mit deren Welt der Bilder konfrontiert werden. In ihrem Solo der Serie »Für den Helden« setzt sich Paula Carneiro Dias in Beziehung zu Literatur von Mário de Andrade: Dessen Buch »Macunaíma« war Absage an die Kolonialära, ließ satirisch Urwaldmensch und Großstadtbewohner zusammenprallen. Zweiter Teil dieses Doppelprogramms: Charlene Sadds Soloperformance »Etikett« um Schönheitsideale, den Körper als Ware. Auch Anderson Leaos »Die Heilung« greift Zeitaspekte auf. In unserer Konsumgesellschaft, postuliert er, erschafft sich der Mensch und vernichtet sich durch sein Waffenarsenal. Wo Heilung für diese Probleme liegt, recherchiert sein Ensemble aus Behinderten und Nichtbehinderten. Ein Spiel mit Identitäten betreibt André Masseno in der Soloperformance »Outdoor Corpo Machine«, die den eigenen Körper mit Werbeikonen an Jugend, Kraft, Schönheit vergleicht.

Carlos Laertes »Was uns bewegt«, wie die meisten Beiträge eine europäische Erstaufführung, fragt, was unsere Haut über unsere Wünsche sagt, was wir verschleiern, wenn wir uns bekleiden, und wie sich dadurch die Beziehung zur Umwelt ändert. Eine Struktur aus stoffverhülltem, bewegbarem Eisen ist Gleichnis auf jene Haut. Workshops, Masterclasses, Vorträge mit Gespräch bringen Akteure und Zuschauer in direkten Kontakt. In der Langen Nacht der Opern und Theater laufen Kurzversionen weiterer Stücke.

7.-17.4., Hebbel am Ufer, Kreuzberg, Kartentelefon 25 90 04 27, Infos unter www.moveberlim.de

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