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Mein Sprung ins Alter mit Oskar

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In zehn Jahren werde ich achtzig Jahre alt sein. Eine respektvolle Zahl, mit der ich jetzt schon besser umgehen kann als vor meinem Geburtstag mit der Siebzig. Das war sozusagen der Sprung ins Alter, der zu meistern war. Heute freue ich mich: Geschafft, viele Freunde haben mir dabei geholfen. Ich habe sogar schon gelernt, mich in manchen Situationen dahinter zu verstecken und zu sagen. Das brauche ich nicht, und das will ich nicht, oder aber das darf ich, ich bin siebzig!

Wie wir darauf gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Ich befrage meine Kinder nach den Begriffen debil und senil. Das reimt sich, sagt die Tochter. Debil kann jeder sein, ist angeboren, sagt der Sohn. Senil bedarf einer gewissen Reife, sage ich. Wir lachen, aber wirklich komisch ist das nicht, zumal ich Alte mir immer wieder mal Sorgen mache: Wenn ich nicht weiß, was ich gestern im Fernsehen gesehen habe, wenn mir ein Name nicht einfällt, wenn ich vergessen habe, was ich aus der Küche holen wollte. Ja, ja, was du dazu sagen willst, ist mir bekannt: Geh an den Ausgangsort zurück, dann fällt es dir wieder ein.

Neue Erkenntnisse besagen, verkündet der Gesundheitsmensch im Fernsehen, besser als Kreuzworträtsel lösen, hilft Bewegung an frischer Luft, warum wissen die Forscher noch nicht, wird wohl was mit Durchblutung zu tun haben.

Warum begebe ich mich trotzdem nicht hinaus? Da gibt es einen Hund, meinen inneren, den man Schweinehund schimpft, ich nenne ihn Oskar, der erstaunlich viele Ausreden kennt, die mich hindern. Der Spruch im Wartezimmer beim Doktor mahnt: Gehen Sie mit Ihrem Hund spazieren, egal ob sie einen haben oder nicht! Gehen wir also mein lieber Oskar, denke ich. Da zieht er den Schwanz ein, und ich mach mich auf den Weg, Oskar trottet hinter mir her.

Ich beobachte einen Schwarzspecht beim Ameisen sammeln. Seine rote Kappe leuchtet in der Sonne. Meine Laune bessert sich, und nun läuft Oskar zügig voraus.

Was war es noch, was helfen soll beim richtigen Umgang mit der gewissen Reife? Richtig, Musik machen, möglichst neue Stücke probieren. Den richtigen Fingersatz zu den Noten suchen, Tempo, Töne, Rhythmus in Einklang bringen, Sinne und Gehirn vielseitig ankurbeln. Ich entstaube meine Gitarre, stimme sie, grabe Noten aus, probiere. Die Gitarre schnarrt und klirrt beleidigt. Mein Hund jault jämmerlich! Ganz schön holprig, denke ich. Die Spielfertigkeit hat gelitten, nur langsam komme ich voran. Oskar hat sich verkrochen. Ich nehme mir vor, jeden Tag ein bisschen zu üben, dann muss er sich nicht mehr verstecken.

Aber da war noch etwas, was hat der Mensch im Fernsehen als Drittes gesagt? Es fällt mir absolut nicht ein …

Telefon! Bring dir warme Sachen mit, sagt meine Freundin, damit wir im Garten sitzen können. Wir werden siebzehn Leute, die passen nicht alle ins Haus.

Aha, jetzt weiß ich's wieder: Soziale Kontakte sind wichtig!

Dazu sagt Oskar gar nichts mehr. Ich aber setze mich an den Computer und sortiere meine Stimmung:

Siehe da, zwar spärlich noch,

aus der dunkelgrauen Decke

lugt hervor ein blaues Loch

und der Wind ruft: Recke

Himmel deine Schönheit,

breite sie gleich Flügeln aus!

Dicke Wolken fliehen eilig,

schau die Sonne äugt heraus.

Trüb und grau war auch mein Sinn.

Die Gedanken lasteten –

warum ich hier, wozu ich bin,

gingen rückwärts, haspelten –

altes Glück, vorbei, vorbei.

Im Voraus nur diese Sicht –

Zipperlein und Tee von Salbei,

schönes Wetter kommt mir nicht.

In der Sonne berghoch saß ich,

unter mir ein Wattewogen,

Flugzeug durch die Wolken stieß

adlergleich hinauf, nach oben.

Strahlend schön war's,

nichts von grau.

Ich denk freudig,

über Wolken ist der Himmel

auch bei trübem Wetter blau.


Edda Winkel, 15366 Hönow

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