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Der unsterbliche Ritter von der traurigen Gestalt

Fritz Rudolf Fries

Fritz Rudolf Fries, 1935 in Bilbao, Spanien, geboren, kam 1942 nach Leipzig und wurde zu einem der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Beginnend mit »Der Weg nach Oobliadoh« und »Das Luftschiff« hat er an die 20 Bücher veröffentlicht. Verdient machte er sich auch als Herausgeber und Übersetzer aus dem Spanischen (z.B. von Julio Cortázar, Pablo Neruda, Luis Buñuel).

Sein jüngster Roman, »Alles eines Irrsinns Spiel«, erschien bei Faber & Faber.
Fritz Rudolf Fries, 1935 in Bilbao, Spanien, geboren, kam 1942 nach Leipzig und wurde zu einem der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Beginnend mit »Der Weg nach Oobliadoh« und »Das Luftschiff« hat er an die 20 Bücher veröffentlicht. Verdient machte er sich auch als Herausgeber und Übersetzer aus dem Spanischen (z.B. von Julio Cortázar, Pablo Neruda, Luis Buñuel). Sein jüngster Roman, »Alles eines Irrsinns Spiel«, erschien bei Faber & Faber.

Von Werner Krauss lernten wir im Romanischen Seminar der Leipziger Universität, dass in jedem die Zeiten überlebenden Werk der Literatur eine sich fortschreibende Idee stecke. Ein verborgener Rest, der die Absichten des Autors erst nach und nach preisgibt. Ein Aufruf, wie Krauss vermutlich ironisch formuliert haben würde, der immer neue Generationen von Literarhistorikern, Philologen, Kritikern und nicht zuletzt Übersetzern antreten lässt, das geniale Werk zu deuten. Nicht vergessen der naive Leser, also wir alle, die wir unsere Erfahrungen einbringen und im Lesen den Text noch einmal schreiben.

Kein besseres Buch bietet sich hier an als der »Don Quijote« von Miguel de Cervantes, ein Roman in zwei Teilen, 1605 und 1615 erschienen. Ein goldenes Zeitalter, war längst zu einem eisernen Zeitalter der Kriege und Inflationen geworden. Das spanische Weltreich war unterm Zepter des königlichen Bürokraten Philipp II. unter Akten begraben worden. Seine Nachfolger hielten nicht viel von der Politik ihrer Vorfahren. Schon damals bevorzugte die Gesellschaft Spaß und Spiel und verschloss die Augen vor dem drohenden Ruin. Beliebtester Treffpunkt war das Theater, in ebenbürtiger Konkurrenz mit dem elisabethanischen Theater William Shakespeares. Das protestantische England aber war der Erzfeind Philipp II. Eine Armada schwerfälliger Schiffe wurde ausgerüstet und versank 1588 im Ärmelkanal. Die wendigen englischen Segler, die vom Wind der neuen Zeit profitierten, sollten von nun an die Weltmeere beherrschen.

Miguel de Cervantes, 1547 als Sohn eines Wundarztes in Alcala de Henares geboren, wurde in den Strudel dieser zwischen Schein und Sein taumelnden Gesellschaft hineingerissen. Er will, verzehrt von literarischem Ehrgeiz, ihr Chronist werden. Ein Liebling des Theaterpublikums wie Lope de Vega möchte er sein oder erfolgreich auffallen wie Mateo Alemán, der Autor eines populären Schelmenromans. Doch schließlich folgt er dem Beispiel seines Bruders Rodrigo und wird Soldat. Das katholische Spanien, im Verbund mit dem Vatikan und dem Stadtstaat Venedig rüstet zum Krieg gegen die muselmanische Welt, die im Mittelmeer Piraterie großen Stils betreibt, an der sich Türken, Araber und christliche Überläufer beteiligen. Philipp II. beauftragt seinen Halbbruder Don Juan de Austria, eine gewaltige Armada aufzustellen. Die Schlacht von Lepanto wird zum Triumph der Christenheit – und zum ersten gnadenlosen Vernichtungskrieg neuerer Zeiten. Soldat Cervantes wird verwundet, seine linke Hand verstümmelt, so dass seine Mitstreiter ihn von nun an spöttisch den »Einhändigen von Lepanto« nennen. Sein Leben lang versteht er das Wort als Auszeichnung, auch als in Spanien keiner mehr etwas über einen Krieg wissen will, der immer mehr zur Legende wird.

Auf der Heimfahrt nach Spanien kapern Piraten das Schiff und schicken die Besatzung in die Sklaverei nach Algier. Zwischen Algier und Spanien vermitteln eifrige Patres den Freikauf. Die Korsaren sind geschickte Taktierer; je grausamer ihre Foltermethoden, desto schneller kommt das in Spanien von Familienangehörigen und Freunden zusammengekratzte Geld. Trotz wiederholter Fluchtversuche bleibt Cervantes am Leben und wird wie ein Schatz gehütet; man hatte in seinen Taschen ein Empfehlungsschreiben des legendären Juan de Austria an den spanischen Hof gefunden. Der seltsame Gefangene, den seine Mithäftlinge verehrten, er musste, so er nicht ein Vertrauter des Königs war, in der Gnade Allahs stehen. Nach fünf Jahren ist das Geld beisammen. Die Familie ist nun gnadenlos verarmt. Der Held von Lepanto, man lacht ihn aus, wenn er seine Geschichten erzählt.

Er bewältigt den Jammer seiner Existenz und bändigt seine Illusionen und Enttäuschungen, indem er in seinem Don Quijote einen Doppelgänger erschafft, den er ebenso bedauern wie verspotten kann. Nachlesen kann man das im Roman »Cervantes« von Bruno Frank, in der Emigration geschrieben und 1950 im Henschelverlag erschienen – zum Wiederlesen empfohlen! Um seiner Misere und den Schulden zu entkommen, wird er Steuereintreiber Seiner Majestät. Und so zieht er auf einem klapprigen Pferd, den Amtsstab wie eine Lanze haltend, über die Dörfer. Die Bauern protestieren, verjagen ihn, er lässt sich erweichen. Die Bürokratie aber rechnet nach, was er eingetrieben hat, und bezichtigt ihn der Unterschlagung. Cervantes kommt in den Schuldturm von Sevilla. In einer von Bruno Frank blendend beschriebenen Episode liest er den Sträflingen das Kapitel vor, wie der Ritter von der traurigen Gestalt die Galeerensklaven befreit und diese, als sie ihre Wächter los sind, überfallen ihn mit Spott und Steinwürfen und machen sich aus dem Staub. Sie fürchten das Auftauchen der Santa Hermandad, einer Staatspolizei, die den Schuldigen auf der Stelle per Pfeilschuss ins Jenseits schickt. Auch Don Quijote, für den Augenblick von Vernunft geleitet, versteckt sich im Gebirge. Er behauptet, Buße zu tun wie einst Ritter Amadis von Gallien, als er meinte, seiner geliebten Oriana nicht würdig zu sein. – Großes Gelächter bei den Zuhörern im Schuldturm. Der Autor begreift: Er kann mit seinem Helden kein Mitleid erregen. Der Leser will seinen Spaß, und der Krautjunker aus einem Dorf in der Mancha wird immer mehr der Lächerlichkeit preisgegeben.

Denn von zu viel Lektüre hat sich sein Geist verwirrt. Er sattelt seinen Klepper Rocinante, schützt den ausgemergelten Leib mit einer rostigen Rüstung und reitet davon, um das Zeitalter ritterlicher Herrlichkeit wiederherzustellen. Zweierlei fehlt ihm, so er ein Ritter werden will. Er braucht eine Dame seines Herzens, die er schützen, notfalls aus den Fängen von Zauberern und Raubrittern befreien muss. Da verwandelt sich für ihn die Stallmagd Maritornes in die schöne Dulcinea del Toboso. Und warum sollten die Windmühlen am Weg nicht verzauberte Riesen sein, die blökende Schafsherde kein anstürmendes Heer? Es kommt darauf an, den Erscheinungen, dem unerkennbaren »Ding an sich« der Philosophen, die verborgene Existenz zurück zu geben.

Und Don Quijote braucht einen Knappen. Er kann den dicken Bauern Sancho Pansa gewinnen, indem er ihm die Statthalterschaft über eine Insel verspricht. Der Bauer füllt seinen Schnappsack mit Brot und Zwiebeln, besteigt seinen Esel – und seit Jahrhunderten reitet dieses ungleiche Paar durch die Literaturgeschichte. Auf den Wahn-Sinn seines Herrn reagiert der Knappe mit Nachsicht, mit praktischer Hilfe, mit einem Sturzbach von Sprichwörtern, die den Realitätssinn – und den Starrsinn – des spanischen Volkes zeigen.

Der Roman beginnt in den meisten deutschen Übersetzungen wie folgt: »In einem Dorf in der Mancha, an dessen Name ich mich nicht erinnern will« ... In anderen Übersetzungen endet der Satz mit den Worten ... »an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann.« Cervantes aber wollte sich nicht an einen Ort erinnern, wo er mittellos, von bigotten Schwiegereltern misstrauisch beobachtet, seine zweite Ehe einging, nachdem seine erste Frau ihn verlassen hatte und ihm zum Trost das gemeinsame Töchterchen hinterließ. Dass ihn die zweite Frau samt Kind mit offenen Armen empfing, hatte – wenn wir uns einmal mehr von Bruno Franks Roman verführen lassen – mit den Ritter- und Schäferromanen zu tun, die sie sozusagen im Dauerabonnement bekam und verschlang. Da tauchte dieser abgerissene, ältliche Herr auf, welcher der Held von Lepanto war und der ihr alle die Romane empfehlen konnte, die sie noch nicht kannte. Verwirrten nicht die Ritterromane die Sinne seiner törichten Frau? Und war es nicht an der Zeit, eine gewisse Ordnung in den Wahnsinn des Ritters zu bringen, der am Ende seiner Tage die Ausgeburten der Fantasie dem Scheiterhaufen übergibt und die Romane, welche die Taten historischer Figuren wie des Cid oder der Entdecker Amerikas preisen, zum Wiederlesen beiseite legt. Verschont werden mit dem ironischen Einverständnis des Autors die Liebes- und Schäferromane, die ein von Nymphen bewohntes Arkadien ausmalen, ein Utopia ersehnter Toleranz und heiterer unbeschädigter Natur. Vielleicht die aktuelle Vorlage für eine grüne Partei?

Nach Erscheinen des ersten Bandes ist Don Quijote eine populäre Figur. Und noch ehe Cervantes die versprochene Fortsetzung vorlegen kann, erscheint ein zweiter Teil. Sein Autor nennt sich Avellaneda, bis heute bleibt seine Identität im Dunkeln. Die beiden Helden werden bis zur Karikatur entstellt. Don Quijote ist ein einfaltiger Narr, Sancho Pansa ein verfressener Rüpel. Schlimmer sind die Beleidigungen, die der Plagiator dem alternden und schreibmüden Cervantes an den Kopf wirft, der sich nun seinerseits mit der Abfassung des zweiten Teils beeilt. Sensationslüsterne Leser konnten sich nicht nur auf eine Begegnung des echten mit dem falschen Don Quijote freuen, sie erleben den Autor, den Ritter und den Knappen auf der Höhe ihres Könnens und ihres Erfolgs.

Wie, Sancho Pansa wartet noch immer auf die versprochene Insel? Der Herzog von Aragón schenkt sie ihm. Die Insel ist ein armseliges Dorf von tausend Seelen, von einer Mauer umgeben. Sancho ist hocherfreut, denn nun kann er, der ewig Hungrige, sich endlich satt essen. Er merkt nicht, wie er vom ersten Tag an gefoppt wird und ein vermeintlicher Arzt ihm jeden Bissen untersagt, welcher der Gesundheit des Herrn Statthalters schaden könnte. Man stellt ihm Aufgaben, ernennt ihn zum Richter in kniffligen Streitigkeiten. Er löst sie alle mit Witz und getragen von der Weisheit seiner Sprichwörter. Don Quijote hat ihn mit einem Fundus an Verhaltensregeln auf die Reise geschickt, und nie war sein Geist hellsichtiger und vernünftiger. Dafür aber lebt Sancho nun im Wahn, er könne nicht nur seiner Teresa das Leben einer Herzogin einrichten, er werde auch mit Korruption, Meineid und falschen Maßen und Gewichten aufräumen. Da beendet das Herzogspaar das Spiel, und der Gouverneur wird wieder der Bauer, dem Brot und Zwiebeln genügen und das Leben an der Seite seiner braven Ehefrau. Sancho Pansas Geschichte – ein Lehrstück auf dem argen Weg der Erkenntnis?

Die Verhältnisse würden in Spanien für Jahrhunderte keine Revolution erlauben. Sanchos von Sprichwörtern angetriebener Pragmatismus mag auch als Beginn des spanischen Anarchismus verstanden werden, der im Bürgerkrieg von 1936 Spanien in die Widersprüche entzweiter Parteien trieb. Auf Regierungsebene der ausgerufenen Republik glänzte die spanische Gelehrtenwelt, die ihren Idealismus nicht zuletzt aus den Ansichten des Ritters von der traurigen Gestalt bezog. Keiner deutete ihn so radikal wie der Rektor der Universität von Salamanca, Miguel de Unamuno (1864-1936). Nach dem Verlust der letzten spanischen Kolonie 1898 in Kuba wollte man sich auf die spanischen Werte besinnen. Für die einflussreiche »98iger Generation« galt es zum Geist der Toleranz, der Nächstenliebe, der Ritterlichkeit zurückzukehren – aus einer Welt, wie Unamuno seinen Studenten und Lesern nicht müde wurde zu wiederholen, in der sich der Krämergeist einer gewinngeilen Bourgeoisie breit machte. Don Quijote, diesen Streiter für Gerechtigkeit und Liebe, der wie ein deutscher Romantiker die in den Dingen verborgene, verzauberte Schönheit aufdecken wollte, nahm Unamuno in Schutz gegen seinen Autor, der ihn der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Sein Wahnwitz sei oft nur vorgetäuscht, und seine Intelligenz offenbare sich in seinen Tischreden ...

Der geistvolle Don Quijote von der Mancha und sein Sancho Pansa: Lassen wir uns auch in diesem Jahrhundert von ihnen begleiten und unterhalten. Die bittere Komik seiner Abenteuer kommt ja zustande, wenn unser verbohrter Realitätssinn sich gegen jeden Ausflug in die Fantasie – in die Freiheit der Literatur – sperrt.


Durch seinen »Don Quijote« ist Miguel de Cervantes (1547- 1916) zu Spaniens Nationaldichter geworden. Seit der frühesten »Eindeutschung« – 1621, »Don Kichote de la Mantzscha« von Pahsch Basteln von der Sohle – hat es zahlreiche Übersetzungen gegeben. Die Diskussion, welche dem Original am nächsten kommt, reißt nicht ab. Thomas Mann favorisierte den Romantiker Ludwig Tieck. Werner Krauss empfahl seinen Studenten die Übertragung von Ludwig Braunfels (Dieterichsche Verlagsbuchhandlung 1953).

2009 erschien im Carl Hanser Verlag eine neue Fassung von Susanne Lange. Die Romanistin und Übersetzerin gibt im Nachwort eine kluge, zuverlässige Analyse der Übersetzungen, deren Kunst dem Zeitgeist verpflichtet war und ist. Von Takt und Respekt geleitet, nennt sie nur die Parameter, die ein heutiger Übersetzer zu beachten hätte. Nach wenigen Seiten Lektüre in ihrer Übersetzung des geistvollen Hidalgos wird der Leser mit mir übereinstimmen, dass ihre Übertragung uns in den Bann schlägt. Susanne Lange bewahrt nicht nur den Glanz und den Witz des Originals, sie erinnert, was uns deutschsprachige Autoren der Gegenwart oft vergessen machen: dass die deutsche Sprache den Reichtum einer Weltliteratur wiedergeben kann, wenn sie die Höhe ihrer eigenen Möglichkeiten erreicht.

Miguel de Cervantes: Don Quijote von der Mancha. Übersetzt von Susanne Lange. C. Hanser Verlag. 1488 S., geb., 68 €.

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