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Ordnung. Sauberkeit. Toleranz

Vorurteile

Irgendwo an einer Berliner Straßenecke: Der Putz bröckelt von den Häuserwänden, leere Einkaufswagen stehen auf dem Gehsteig, ein außer Dienst gestelltes Fahrrad rostet vor sich hin. Ein Ambiente, dass für manche Berlin-Touristen und Linke alternatives Lebensgefühl ausstrahlt. Wenn wir Wissenschaftlern der beiden niederländischen Universitäten Tilburg und Groningen glauben dürfen, fördert dieses Ambiente aber geradezu die Intoleranz gegenüber Minderheiten. Wie die Forscher in der Fachzeitschrift »Science« berichten, könne eine heruntergekommene, schmuddelige Umgebung bei einer Mehrheit der Menschen die Sehnsucht nach Ordnung auslösen.

Zu dieser Erkenntnis ist das Wissenschaftler-Team durch ein Experiment gelangt. Während eines Streiks des Reinigungspersonals am Bahnhof Utrecht, der zu einer Vermüllung des Bahnhofgeländes führte, befragten die Forscher wartende hellhäutige Zugreisende. Auf einer Skala von 1 bis 9 sollten diese angeben, welche Eigenschaften besonders auf Muslime, Homosexuelle und Niederländer zuträfen. Die Probanden wurden dabei gebeten, auf einer Stuhlreihe Platz zu nehmen, wobei die erste Sitzgelegenheit von den Wissenschaftlern mit einem dunkelhäutigen oder weißen Niederländer besetzt worden war. Eine Woche später, nach Ende des Streiks, wurde das Experiment wiederholt, diesmal auf einem sauberen Bahnhof.

Ergebnis: In der verschmutzten Umgebung beschrieben die Studienteilnehmer Minderheiten deutlich häufiger mit negativen Stereotypen als auf einem sauberen Bahnhof. Gleichzeitig hielten sie inmitten von Unrat und Dreck eine größere körperliche Distanz zu dem vorher platzierten farbigen Sitznachbarn als zu einem weißen Niederländer. Auf dem aufgeräumten Bahnhof war der Abstand zum weißen wie zum farbigen Sitznachbarn dagegen annähernd gleich.

Der kleinbürgerliche Imperativ, wonach Ordnung das halbe Leben sei, erfährt so einen unerwarteten aufklärerischen Impuls: Dort wo Ordnung und Sauberkeit herrscht gibt es auch Toleranz.

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