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Merkwürdig zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Jutta Ditfurth hat den Kampf nicht aufgegeben: Im ND-Verlagsgebäude stellte sie ihr neues Buch vor

Es ist lange her, dass sie die Vorsitzende der Grünen war. Jetzt hat sie für ihre ehemalige Partei nur noch Verachtung übrig. Trotzdem kreisen Jutta Ditfurths Gedanken noch heftig um die Grünen. Besser: Über ihnen.

Wie der Adler zieht sie ihre Bahnen über den Stellungen der Ökopartei, der sie das Öko ebenso abspricht wie das Linkssein. Nichts entgeht ihrem scharfen Blick, und sorgsam sammelt sie alle Informationen. So dass sie besorgte Fragen nach der Zukunft der Grünen, nach den Gefahren ihres Abdriftens nach rechts nicht nur mit süffisantem Lächeln, sondern auch mit einer Unzahl von Fakten beantworten und sogleich ad absurdum führen kann. Klar, dass diese Fakten die Soziologin in ihr drängen, überprüft, verglichen und aufgeschrieben zu werden. Klar, dass das irgendwann zu einem weiteren Buch führen musste. Weniger klar, dass der Verlag des Neuen Deutschland als eine zur Vorstellung und Werbung geeignete Stätte akzeptiert wird.

Doch so ist es, der Kampf gegen das neokonservative Rollback verlangt Geschick und zuweilen Opfer. »Autoren sind ja nicht doof«, sagt Ditfurth in den gut gefüllten Münzenbergsaal am Donnerstagabend hinein und erklärt so, dass sie nicht das ganze Buch lesen werde, weil man es sonst ja nicht mehr zu kaufen brauchte. Eigentlich aber sind ihr das ND wie die LINKE und wahrscheinlich die meist nicht mehr ganz jungen Besucher dieser Veranstaltung etwas suspekt. Längst hat sie nachgewiesen, dass die LINKE auf dem gleichen Weg ist, den die Grünen bereits durchschritten haben, und eine Frage nach der Linkspartei beantwortet sie kokett, aber wohl auch aus tiefstem Inneren mit der Gegenfrage: »Muss das sein?«

Nein, natürlich beantwortet sie auch unangenehme Fragen, und eigentlich ist es ihr auch gar nicht unangenehm, die Dinge nach ihrem Wesen zu befragen, und was kann sie denn dafür, dass dabei immer wieder das Gleiche rauskommt? Dass die Parteien, sobald sie Regierungsverantwortung anstreben, für die unorthodoxe, die libertäre Linke verloren sind. »Keine Partei kommt in Deutschland an die sogenannte Regierungsmacht, ohne mit grundlegenden linken Positionen zu brechen ...« So sagt sie es in ihrem neuen Buch.

Parteien haben die Aufgabe, verlängerter Arm der sozialen Bewegungen zu sein, davon ist Ditfurth überzeugt. Und was sie bei ihrem Rundflug über die Parteienlandschaft zu sehen kriegt, bestätigt ihre Auffassungen immer wieder. Dass es irgendwann tatsächlich Stellungen sind, die man zu sehen kriegt, weil selbst der Krieg irgendwann ein geeignetes Mittel der Politik wird – wenn sie mehr sein wollen, die Parteien. Mehr als der Stoßtrupp der außerparlamentarischen Bewegung.

Jutta Ditfurth bekennt, dass es ihr Spaß macht, die Führungsleute der Grünen vorzuführen, und sie werde es immer wieder tun. In ihrem Buch tut sie es wie an diesem Abend, so genüsslich, dass Ditfurths Stimme vor Vergnügen schaukelt und zustimmendes Murmeln den Raum füllt. Jürgen Trittin, Joschka Fischer – die haben die AKW-Laufzeiten verlängert und den Krieg hoffähig gemacht. Schwer fällt es ihr ruhig zu bleiben, wenn sie hört, dass die Grünen alternativ seien. In einer Verklärung, »die mich so ankotzt«. Die Grünen seien allenfalls merkwürdig. In ihrem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Mit Illusionen aufräumen. Attac, sagt sie in »alter Schroffheit«, sei eine der »am schnellsten integrierten und befriedeten sozialen Bewegungen der Nachkriegszeit«. Doch schwer kommt man gegen Stereotype an. Ein Besucher fragt gar, wie sie klarkomme als Grüne mit ihren Auffassungen. Milde erklärt sie, dass sie 1991 die Partei »unter Absingen schmutziger Lieder« verlassen habe. »Wahrscheinlich nicht laut genug.«

Jutta Ditfurth, Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen. Rotbuch-Verlag.
ISBN: 978-3-86789-125-7

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