Ärzte machen rüber in den Westen

Umfrage vom Marburger Bund: Medizinern geht es nicht um Geld, sondern mehr Familienleben

Rund die Hälfte der Krankenhausärzte in Berlin und Brandenburg denken darüber nach zu kündigen. Das ergab eine Mitgliederbefragung von der Gewerkschaft Marburger Bund zur Situation der Ärzteschaft, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Grund sind der steigende wirtschaftliche Druck im Krankenhausalltag und die hohe Arbeitsbelastung, die Familie und Beruf kaum vereinbar machen.

»Den Ärztinnen und Ärzten geht es nicht mehr primär um bessere Bezahlung, sondern um Tarifabschlüsse mit qualitativen Verbesserungen«, erklärte Kilian Tegethoff, Vorstandsvorsitzender des Landesverbands Berlin/Brandenburg vom Marburger Bund. Das Problem seien die hohe Zahl von Bereitschaftsdiensten, Nachtschichten und Überstunden. Im Durchschnitt betrage die Wochenarbeitszeit insgesamt über 50 Stunden. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, machte die fehlerhafte Weichenstellung der Politik dafür verantwortlich. Zum einen habe man die Krankenhauskapazitäten verringert, um Kosten zu sparen, zum anderen den Renditedruck erhöht. Betriebswirtschaftliche Überlegungen stünden heute höher als das Patientenwohl. Den gestiegenen Verwaltungsaufwand müssten nun die Ärzte ausbaden. Für eine 15-minütige Behandlung in der Rettungsstelle sei mitunter eine halbe Stunde für die Dokumentation nötig.

In der Umfrage befand nur ein knappes Viertel der Ärzteschaft eine höhere Bezahlung für »am wichtigsten«, etwa 60 Prozent hingegen setzten die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit an diese Stelle.

Bessere Arbeitsbedingungen seien auch nötig, um die Krankenhäuser für den Nachwuchs attraktiv zu machen. Jonitz sprach von einer »neuen Völkerwanderung«: Viele junge Ärzte »machen rüber in den Westen«, nach Holland, England oder Frankreich, wo sie sich als Ärzte besser behandelt fühlen und eine höhere Lebensqualität haben. Diesem Problem müsse man sich stellen. »Die vorhandene Arbeitszeitgesetzgebung muss endlich konsequent umgesetzt werden«, so Tegethoff.

Udo Wolter, Präsident der Ärztekammer Brandenburg, sieht besonders in Brandenburg einen Ärztemangel. An dem werde sich voraussichtlich auch ab dem 1. Mai, wenn die volle Arbeitnehmer-Freizügigkeit in Kraft tritt, nichts ändern. Die ankommenden Arbeitskräfte etwa aus Polen würden dann einfach ebenfalls weiter nach England und in andere Länder ziehen, schätzt Wolter.

Erst am Montag hatte der Marburger Bund die Ärzte der Berliner Helios-Kliniken zum Warnstreik aufgerufen, an dem sich über 1200 Mediziner beteiligten. Die Gewerkschaft wollte damit Druck auf die seit einem Jahr laufenden Tarifverhandlungen machen. Gefordert werden neben fünf Prozent mehr Gehalt vor allem höhere Zuschläge für Nachtarbeit, Überstunden und Samstagsdienste, die Freizeit und Familienleben zusätzlich belasten. Bisher habe der Streik noch nichts erreicht, so Tegethoff. Wann die Verhandlungen fortgesetzt werden, sei noch unklar.

Der Landesverband Berlin/Brandenburg des Marburger Bunds hat etwa 7000 Mitglieder und vertritt damit nach eigenen Angaben über 50 Prozent der angestellten Ärzte.

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