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Wenig Hoffnung rund um Fukushima

Ein Augenzeugen-Bericht von Greenpeace aus dem Katastrophengebiet

  • Von Susann Witt-Stahl
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ein düsteres Szenario beschreibt Thomas Breuer: Innerhalb der Evakuierungszone um den havarierten Atomreaktor und in den angrenzenden Gebieten liegen verlassene Spielplätze und die Bauern können ihre Felder nicht bestellen. Er trifft überall rat- und hilflose Menschen.

Eine Mutter läuft in Fukushima City, rund 60 Kilometer von dem Reaktor entfernt, mit ihrer kleinen Tochter auf einem Bürgersteig. Das Kind lässt sein Spielzeug fallen. Die Mutter hebt es auf und gibt es der Kleinen zurück. »So wird die Kontamination in die Wohnung und in das Kinderzimmer getragen«, sagt Thomas Breuer, Leiter des Klima- und Energiebereiches von Greenpeace, mit ernster Miene. Das Spielzeug hätte unbedingt entsorgt werden müssen.

Breuer ist vergangenen Freitag von einer gefährlichen Japan-Reise nach Hamburg zurückgekehrt. Seit Anfang des Monats hat er ein internationales Greenpeace-Team bei Radioaktivitätsmessungen rund um die Kernkraftwerk-Ruine Fukushima Daiichi unterstützt. »Die japanische Regierung ist beständig damit beschäftigt, das Ausmaß des Unfalls herunterzuspielen«, nennt Breuer den Hauptgrund für die Expedition.

Die meisten Menschen seien von ihrer Regierung nicht einmal über die einfachsten Verhaltensregeln informiert worden, die in verstrahlten Gebieten unbedingt zu beachten sind, lautet eine bittere Bilanz von Breuers Reise. Selbst Experten, die die Schutzmaßnahmen kennen, haben es schwer: »Es erfordert eine ungeheuere Konzentrationsleistung, ständig alles zu beachten, beispielsweise bloß keine mitgeführten Gegenstände auf dem verseuchten Boden abzustellen«, gesteht Breuer.

Die Reise ging zunächst in die Stadt Minamisoma, deren Bürgermeister Katsunobu Sakurai unlängst über Youtube einen verzweifelten Hilferuf an die Welt gesendet hat. Sakurai fühle sich von der Zentralregierung komplett im Stich gelassen, berichtet Breuer. Die Stadt mit rund 70 000 Einwohnern liegt im Gefahrengebiet, rund 25 Kilometer nördlich vom Reaktor. Zunächst war sie von dem schrecklichen Tsunami heimgesucht worden. 1000 Menschen starben. Dann der Atomunfall. Weil sie außerhalb des Sperr-Radius von 20 Kilometern liegt, wurde sie nicht evakuiert und bekam kaum Unterstützung.

Ähnlich ergeht es anderen Städten in der Gefahrenregion. Das Leben gehe »ganz normal weiter«, sagt Breuer. Nicht einmal die extrem kontaminierten Sandkästen in den Kindergärten seien gesperrt worden. Einige Menschen fliehen vor der tödlichen Strahlung. »In einem Flüchtlingslager trafen wir einen Vater mit drei Kleinkindern, der instinktiv richtig gehandelt, sein Haus und seinen Arbeitsplatz verlassen hat«, berichtet Breuer. Der Mann konnte seine Familie vor dem Tod retten, aber seine wirtschaftliche Existenz ist bedroht: »Viele Unternehmen verlangen, dass die Beschäftigten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.« Wer dem nicht nachkommt, dem droht die Entlassung.

Auch viele Landwirte suchten bei dem Greenpeace-Team Rat. Sie wissen nicht, ob sie ihr Wintergemüse ernten, essen oder verkaufen können und wann sie wieder neue Saat ausbringen können. In der Region Fukushima trafen die Greenpeace-Mitarbeiter eine Ökobäuerin. »Die Frau räumte ein, dass sie noch nie über die Atomkraft nachgedachte habe«, so Breuer. »Sie hat das starke Bedürfnis, sich bei ihren Kindern zu entschuldigen, weil sie nichts gegen die Gefahr unternommen hat.«

Breuer und sein Team haben, wie erwartet, beängstigende Ergebnisse ihrer Strahlenmessungen zu präsentieren, die sie an insgesamt 261 Punkten in einem Radius von 70 Kilometern um das Atomkraftwerk vorgenommen haben. In Fukushima City haben sie durchschnittlich drei Mikrosievert pro Stunde gemessen. Das entspricht auf's Jahr gerechnet der 26-fachen tolerierbaren Strahlendosis. Noch schlimmer die Werte in Iitate, 40 Kilometer von der Unfallstelle entfernt, mit 20, an einer Stelle sogar 48 Mikrosievert pro Stunde. »Diese Orte müssen umbedingt evakuiert werden«, fordert Breuer. Erster Erfolg: Die Regierung hat mittlerweile Maßnahmen angekündigt und erste Orte evakuiert.

Greenpeace verlangt flächendeckende Lebensmittelüberwachung und Kontaminationsmonitoring, eine Kontrolle des Verkehrs, damit radioaktives Material nicht durch belastete Fahrzeuge im Land verbreitet werden kann, sowie eine effektive Unterstützung der Landwirte – und endlich eine transparente und verständliche Aufklärung der Bevölkerung.

Warum verschleiert die japanische Regierung die harten Fakten der Katastrophe? Warum handelt sie nur zögerlich? »Sie ist eng mit der Atomindustrie verbandelt und will sie schützen«, vermutet Breuer. »Außerdem will sie auch in Zukunft auf die Kernenergie setzen.«

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