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Erste Großdemo nach 30 Jahren

Gronau erlebte die bislang größten Proteste gegen die Urananreicherungsanlage

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Seit 1981 kämpfen die Aktivisten vor Ort gegen die Urananreicherungsanlage in Gronau. Gestern fand dort erstmals eine Großdemonstration statt, mit dem Motto: »Alle Atomanlagen sofort stilllegen und Atomwaffen vernichten«.

In der Westmünsterlandbahn, die die Westfalenmetropole Dortmund mit dem niederländischen Enschede verbindet, ist die Stimmung gelöst. Junge Damen parlieren mit mittelalten Familienvätern über die bayerische Trinkkultur und die Vor- wie Nachteile von Ingwer-Chili-Bier aus Sri Lanka. An ihren Jacken und T-Shirts prangen Buttons. Sie zeigen eine rote Sonne nebst fernöstlicher Schriftzeichen: »Atomkraft, nein danke!« auf Japanisch. »Sofort aussteigen«, ist, diesmal in deutscher Sprache, auf einem T-Shirt zu lesen. Knäckebrot knackt.

Doch zunächst ist nicht Aussteigen (aus der Atomkraft), sondern Einsteigen angesagt. Sukzessive füllt sich der Zug, je weiter er in die Provinz vordringt, desto unbürgerlicher das Outfit der Atomkraftgegner, die auch an Weilern wie Lette oder Holtwick dazukommen und ihre Transparente verstauen. Doch die Bummelbahnfahrer sind nicht die einzigen, die gestern den Weg ins Münsterland suchten: Über 50 Busse mit AKW-Gegnern sind unterwegs und ein paar Dutzend Traktoren noch dazu. Das Ziel ihres Ostermontagsausfluges: Die Stadt Gronau, kurz vor der deutsch-niederländischen Grenze gelegen. Udo Lindenberg wurde hier geboren, das weiß der Popmusikfan, und entsprechend haben die Stadtväter und -mütter ein »rockn-pop«-Museum bauen lassen. Überregional von noch größerer Bedeutung ist jedoch die Urananreicherungsanlage der Firma Urenco. Die ist zwar die einzige ihrer Art in ganz Deutschland und liefert Uran an die halbe Welt – auch nach Japan. Doch findet just an diesem Tage zum ersten Mal eine wirklich große Demonstration gegen die UAA statt. Über 10 000 Menschen werden es.

Udo Buchholz ist sichtlich zufrieden: Seit 1981 kämpft sein Arbeitskreis Umwelt Gronau (AKU) gegen die Urananreicherung. Bisher meist in kleinem Rahmen. »Das ist auf jeden Fall die größte Demo hier, das ist ein Riesenerfolg für Gronauer Verhältnisse.« Rund 130 Initiativen, Verbände und Parteigliederungen hatten zur Teilnahme am Ostermarsch Gronau aufgerufen, einer von zwei zentralen Abschlussaktionen des Ostermarsches in NRW. Die Organisatoren forderten die rot-grüne Landesregierung auf, die Betriebsgenehmigungen der UAA aufzuheben. Weder sei die Anlage gegen Flugzeugabstürze gesichert, noch könne der in großen Mengen dort anfallende Uranmüll sicher entsorgt werden, so ihre Argumentation.

Die Demonstranten nahmen auch Bezug auf die Tschernobyl-Katastrophe vor einem Vierteljahrhundert und die jüngsten Ereignisse in Japan. Niemand könne eine Technik verantworten, »die keine Fehleinschätzung verzeiht und solche langandauernden, nicht wiedergutzumachenden Schäden verursacht«. Das sei die klare Botschaft aus Fukushima, so Paul Kröfges, NRW-Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Das Grundrecht auf Leben und Gesundheit stehe über dem Recht auf Gewinnerzielung, betonte der Verbandsfunktionär. Die Tausenden Teilnehmer demonstrierten zugleich gegen die militärische Nutzung der Atomkraft. NRW sei nicht nur von Atomkraftwerken umgegeben, sondern auch von US-Atomwaffen, betonte Joachim Schramm von der DFG/VK. Auch könne die in Gronau verwendete Technologie zur Herstellung von atomwaffenfähigem Uran genützt werden. »Die zivile Nutzung der Atomkraft ist das Einfallstor zur Herstellung von Atomwaffen«, so Schramm.

Uranmüll aus Gronau wird auch an vier russische Standorte transportiert, berichtet Raschid Alimow von der Umweltorganisation Öko-Perestrojka. Völlig ohne Dach stünde der radioaktive Müll. Man könne die Fässer sogar auf Satellitenbildern sehen. »Wir haben die Lektionen von Tschernobyl nicht gelernt«, kritisiert Alimow. Postsowjetische Schlamperei? Nicht ganz. »Auch bei uns in Gronau stehen die Fässer unter freiem Himmel«, erinnert Udo Buchholz. Die Rede ist von über 50 000 Tonnen Uranmüll.

Bereits eine halbe Stunde vor der Auftaktkundgebung ist der Gronauer Bahnhofsvorplatz prall gefüllt. Man muss zusammenrücken, damit die neu Hinzuströmenden Platz finden. Rote Fahnen (DIE LINKE, SPD, IG Metall) sind durchaus nicht selten, dominieren aber nicht. Präsenter sind die gelben Anti-AKW-Flaggen. Auf der improvisierten Bühne singt ein in Ehren Ergrauter: Klaus der Geiger, Protest-Urgestein im Westen der Republik. Er stimmt ein Lied an, das er bereits Ende der 1970er-Jahre zum Besten gab – nach der Katastrophe in Harrisburg, bis Tschernobyl der übelste Unfall in der Geschichte der angeblich friedlichen Nutzung der Atomkraft. »Das ist noch erstaunlich aktuell«, ärgert sich der Kölner.

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