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Hochschulpolitik auf Europäisch

Chancengleichheit im Bildungssystem ist nur ohne nationale Scheuklappen möglich

»Die Berliner Mauer zwischen Hochschulen und Wirtschaft ist gefallen«, sagte die französische Wissenschaftsministerin Valérie Pécresse. Das Resümee ihrer Hochschulreformen der letzten Jahre trifft auch auf Deutschland und alle anderen EU-Staaten zu.
Populäre Forderung, doch wie sehen die Konsequenzen aus? ND-
Populäre Forderung, doch wie sehen die Konsequenzen aus? ND-

Es ist ein großes Manko der wissenschaftspolitischen Diskussion in Deutschland, dass die Umwälzung der Hochschulen mit nationalen Scheuklappen geführt wird. Wie die Mahnung auf Plakaten zur Europawahl 2010, dass ein Großteil der Gesetze mittlerweile in Brüssel gemacht wird, bleiben auch bei diesem »Mauerfall« der Universitäten die europäischen und globalen Kräfte außerhalb des Blickfeldes. Die reichen Erfahrungen unserer Nachbarn bleiben ungenutzt – von denen, die auf immer mehr Liberalisierung drängen ebenso wie von den Gewerkschaften, die sich mit der berechtigten Forderung nach Hochschuldemokratie und Chancengleichheit um sich selbst drehen. Das an sich wünschenswerte europäische Projekt versumpft verkannt in lokalpatriotischen Diskursen – und der Rechtspopulismus etwa in Dänemark, Holland und Belgien gedeiht.

Nehmen wir die Scheuklappen ab und sehen uns um. Zum Beispiel beim Thema Studiengebühren. Die Sozialdemokratin Gesine Schwan plädiert für Bildung als öffentliches Gut und schreibt in ihrem neuen Buch, dass »Gerechtigkeit als Chancengleichheit auf Bildung nicht von der Kaufkraft und sozialen Stellung der Bürgerinnen und Bürger abhängen darf. Sonst entziehen wir der gleichen Würde aller Menschen als gleichem Recht auf Freiheit und gleicher realer Chance, Freiheit auch auszuüben, den Boden.« Aller Menschen? Dann ist die Lösung der Frage keine nationale mehr. Innereuropäische Migration, die u. a. durch die Einführung von Studiengebühren ausgelöst wird, stellt schon heute für viele nationale Bildungssysteme eine Kraftprobe dar: Deutsche Medizinstudenten fliehen nach Österreich, französische nach Wallonien. Nachdem in England die Gebührenobergrenze aufgehoben wurde und Studenten in Kürze bis zu 9000 Pfund (10 300 Euro) jährlich löhnen müssen, weiß das gebührenfreie Schottland nicht, ob es den zu erwarteten Zulauf schultern kann. In den letzten Wochen und Monaten fanden in Portugal, Serbien, Kroatien, Griechenland, Italien, den Niederlanden, zuletzt in Brüssel und London Massenproteste gegen die Sparpolitik der Regierungen statt. In den Niederlanden sollen die Universitäten ihre Studenten bald selbst auswählen und Gebühren von ihnen fordern dürfen, nebenan in Flandern erwartet man nun die Abgewiesenen mit den schlechteren Noten. Bei einem aktuellen internationalen Vergleich des British Council bekam Deutschland die besten Noten für ausländerfreundliche Studienbedingungen: dank niedriger Studien- und Lebenskosten, englischsprachiger Kurse, Subventionen, die Ausländer Einheimischen gleichstellen, Bemühungen, die Hälfte aller Studenten zum Auslandssemester zu bewegen, und festen Regeln für die Arbeitserlaubnis ausländischer Absolventen.

Lauter gute Gründe gegen Studiengebühren? Auf den ersten Blick ja, doch so einfach ist es nicht. Migration hängt nicht nur von Gebühren ab. Wenn auch nicht in Deutschland, so doch in vielen anderen EU-Staaten zahlen nicht-europäische Studierende ein Vielfaches. Viele Studenten wandern auch aus, weil sie einen Abschluss mit höherer Qualität und einem besseren Ruf und bessere Berufschancen wünschen. Griechenlands Bildungsministerin Anna Diamantopoulou hat jüngst an die über 100 000 emigrierten hellenischen Studenten und Absolventen appelliert, heimzukehren – welch ein Exodus aus einem Land, in dem es nur 500 000 Studenten gibt! Das größte Problem mit den Studiengebühren haben jedoch die Universitäten. Sie sind überall außer in Skandinavien unterfinanziert und sollen bei steigenden Studentenzahlen und sinkenden Budgets in Konkurrenz um nationale und europäische Finanzmittel und um die besten Wissenschaftler weltweit eine immer höherwertige Ausbildung gewährleisten.

Studiengebühren sollten trotzdem kein Tabu sein. Blasphemie? Wer an einer erstklassigen höheren Bildung interessiert ist, muss zur Kenntnis nehmen, dass sie nur neun Prozent der Hochschulmittel Europas ausmachen. Von ihnen allein hängt die Chancengleichheit beim Zugang zur Universität nicht ab. Das Buch »Eine Chance für europäische Universitäten« von Jo Ritzen erscheint im Mai auf Deutsch. Der ehemalige niederländisch Bildungsminister rechnet darin vor, in welchem Dilemma zwischen sinkender staatlicher und privater Solvenz die Hochschulen stecken. Und ihr weiterer Niedergang kann nicht im allgemeinen Interesse sein. Ritzen argumentiert überzeugend, dass niedrige Gebühren kombiniert mit sozialen Fördermechanismen und von der EU vergebene Studiendarlehen mit subventionierten Zinsen allen europäischen Studenten zugute kämen. Damit würde nicht nur, so Ritzen, die Chancengleichheit gefördert, sondern auch die Hochschulen könnten davon profitieren und zugleich »europäischer«, d.h. unabhängiger von nationalen Geldmitteln, werden. Die EU hat eine Machbarkeitsstudie für ein solches europäisches Darlehenssystem für Studenten anfertigen lassen. Dabei wird untersucht, ob Studienkredite unabhängig vom Herkunftsland einen Beitrag zur innereuropäischen Mobilität und Integration leisten können.

Das 4. University-Business Forum vor wenigen Wochen in Brüssel zeigte, wie sehr die Wirtschaft, besonders große Konzerne wie Microsoft oder Bayer, deren Vertreter anwesend waren, die Hochschulen braucht. Denn nur letztere können die hoch qualifizierten Fachleute und Erfinder von morgen ausbilden, für die Europa nur ein kleiner Fleck auf dem Globus ist. Die Integration der Universitäten in Regionen und Städte, ihre engere Verflechtung mit lokalen und internationalen Unternehmen ist in vollem Gange. Nur eine stärkere sozial orientierte Politik auf europäischer Ebene kann der Privatwirtschaft den geschuldeten Sold für diesen gesellschaftlichen Dienst abringen. Doch nur mit einer prosperierenden Wirtschaft um unsere Hochschulen herum kann eine bessere Bildung für alle finanziert werden.

Der Autor ist Direktor der Agentur für europäische Hochschulnachrichten ESNA in Berlin (www.esna.tv).

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