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Der Sergeant aus Hannover

Wie Hans Herzberg dem Holocaust entging, Soldat der britischen Armee wurde und den Tag des Sieges feierte

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Den 8. Mai 1945 erlebte Hans Herzberg in Abergavenny, einer Bergarbeiterstadt in South Wales. Er trug die Uniform der British Army. Drei Streifen und eine Krone am Ärmel wiesen ihn als Staff-Sergeant aus. »Wir hatten frei. Weil Victory-Day war. Und Churchill eine große Rede halten wollte zum Ende des Krieges«, erinnert sich der 89-Jährige beim Gespräch in seiner Berliner Wohnung. Wie kam der Sohn eines Ledergroßwarenhändlers aus Hannover auf die Insel und in die britische Armee?
Hans Herzberg mit einer Aufnahme aus seiner Zeit als britischer Soldat
Hans Herzberg mit einer Aufnahme aus seiner Zeit als britischer Soldat

Er war das Nesthäkchen, das jüngste Kind von fünf. Hans Herzberg wuchs in einer Villa in Hannover auf, die der Vater nach der Inflation hat bauen lassen. Doch im zweiten Jahr der Hitler-Diktatur wurde der Frontsoldat im Ersten Weltkrieg von deutschen Antisemiten aus dem Geschäft gedrängt, drei Jahre später ins KZ Buchenwald verschleppt. In der so genannten Reichskristallnacht ist der Vater verhaftet worden. »Meine Mutter hatte zwei nicht jüdische Freundinnen. Die eine war Malerin und sehr links, die andere unsere Haushilfe. Beide haben im November '38 zu ihr gehalten, sie versteckt. Man wusste ja nicht, ob die wiederkommen«, erinnert sich Hans Herzberg.

Rothschilds Gärtner

Er erlebte den Pogrom vom 9. November 1938 auf einem Gut bei Breslau, wo er einen Auswandererlehrgang besuchte. Ein Trupp SA kam, hat die Jugendlichen in Pferdeställe eingesperrt und im Gutshaus alles zerschlagen: Fensterscheiben, Geschirrschränke, Betten. »Und geklaut, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst unseren Mädels haben sie das bisschen Schmuck weggenommen.« So überraschend, wie die SA kam, so plötzlich war sie verschwunden.

Hans Herzberg machte sich auf schnellstem Wege nach Hause und erfuhr, dass der Vater abgeholt worden war. Sein älterer Bruder hatte also Recht. Er hatte den Vater gedrängt, nicht in diesem Deutschland zu bleiben, wo ein Judenhasser Kanzler geworden ist. »Meine Geschwister sind schon 1933 nach Südafrika emigriert«, erzählt Hans Herzberg. Wochenlange, leidvolle Haft in Buchenwald hatten den Vater ernüchtert. Die Eltern schicken ihren Jüngsten mit einem Kindertransport nach England. Im Folgejahr wandern auch sie aus, über Südfrankreich, nach Spanien und Portugal.

»Sie wollten in die USA. Die haben aber keine Deutschen mehr aufgenommen. Also haben sie den Krieg in Kuba verbracht.« Danach übersiedelten sie in die USA; ihren Lebensabend verbrachten sie beim älteren Sohn in Kapstadt. Hans Herzberg stand mit ihnen in Briefkontakt. »Ich habe in der DDR keinen Hehl daraus gemacht.« Für eine Staats- oder Parteikarriere war er darob aber nicht geeignet. »Ich trachtete auch nicht danach«, sagt der pensionierte Journalist, der bei der Nachrichtenagentur ADN und im Rundfunk gearbeitet hat.

Doch zurück auf die Insel. Nachdem der 17-Jährige glücklich in London angelangt ist, wird ihm eine Adresse in Südengland genannt: »Hampshire. Ich wurde von Lionel Rothschild als Assistenzgärtner eingestellt.« Die Titulierung amüsiert ihn. Und dann schwärmt der Veteran vom »herrlichen Rhododendronpark« des Lionel Rothschild. Hat er den Bankier persönlich kennengelernt? »Ja, ich hatte die Ehre. Es war eher ein Small Talk. Ein interessanter Mann.« Verschmitzt fügt Hans Herzberg hinzu: »Ich glaube, er war nicht einmal so groß wie Gregor Gysi. Er trug stets Schuhe mit hohen Absätzen.« Wie auch immer, der spätere Kommunist ist dem Finanzmagnaten auf ewig dankbar: »Mein Gott, er hat unser Leben gerettet.«

Bis Pfingsten 1940 kümmert sich Hans Herzberg um Rothschilds Garten. Dann wird er interniert. Er ist deutscher Nationalität und die deutsche Wehrmacht ist soeben in Frankreich eingefallen. »Da haben sie uns also alle eingesperrt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend und zugleich ängstlich wir waren.« Doch, ich kann, möchte aber Näheres wissen. »Ich hätte den Engländern keine Chance gegeben, wenn die deutschen Truppen nicht abgezogen worden wären, um in die Sowjetunion einzufallen und stattdessen an der englischen Küste gelandet wären. Das habe ich offen gesagt. Ich habe mir die Zunge verbrannt«, sagt Hans Herzberg, der damals sogar in den Verdacht geriet, Sympathisant der Nazis zu sein. Die Sache ging glimpflich aus.

Aug' in Aug'

Der Junge aus Hannover landet in einem Internierungslager in Liverpool. Die Flüchtlinge werden in einer Drill Hall, einer ehemaligen Exerzierhalle für Soldaten untergebracht. Dort müssen 500 Menschen mit drei Wasserhähnen und fünf Toiletten auskommen. Die jungen Leute bilden Cliquen, diskutieren über dies und das. »Ich hatte Dostojewski gelesen und hielt nun in unserer Gruppe einen ›Vortrag‹ über sein Werk. Als ich endete, stand ein blonder, blauäugiger Mann auf, der Jahre älter war als wir. Er fragte: ›Sie kennen russische Literatur?‹ Ich bejahte, musste aber dann erkennen, dass ich von Gorki nicht viel verstand.«

Der Mann aus Oberschlesien namens Helmut Schmidt, vormals Redakteur und nun Politemigrant, verwickelt den jungen Herzberg auch in eine Diskussion darüber, wie und warum die Nazis in Deutschland an die Macht gekommen sind. »Innerhalb von fünf Minuten stellte sich heraus, dass er es erheblich besser wusste als ich. Ich wusste nur den Antisemitismus zu benennen.« Nun erfährt er von den Hintermännern Hitlers, denen die Ideologie der Nazis egal war, wenn diese nur in ihrem Sinne Deutschland und die Welt regieren.

Vom Namensvetter eines späteren Bundeskanzlers lernt Hans Herzberg viel. Helmut Schmidt politisiert ihn, ist verantwortlich dafür, dass er im britischen Exil der FDJ und der KPD beitritt. Doch bis es soweit ist, hat der Hannoveraner eine Odyssee über die Isle of Man nach Kanada durchzustehen. »Den Kanadiern hatten sie gesagt: ›Es kommen ganz rabiate Nazis.‹ Wir waren eine sehr gemischte Gesellschaft, unter uns gab es auch ganz fromme Juden, mit Kippa auf dem Kopf und langen Löckchen an den Schläfen.« Ihr Entsetzen ist heillos bei der Ankunft im kanadischen Internierungslager. »Denn es schallte uns das deutscheste deutsche Lied entgegen: ›Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's nochmal so gut.‹« Im Lager waren deutsche Fischer interniert, die in kanadischen Gewässern gefischt hatten, als der Krieg ausbrach. »Wir weigerten uns, mit denen in einem Lager zu sein und protestierten mit Sitzstreik«, berichtet Hans Herzberg. Alsbald laufen die Drähte zwischen Toronto und London heiß. »Wegen uns gab es sogar Stunk im Unterhaus.«

Kurzum, kurz darauf erlässt die Regierung Churchill ein Gesetz, das alle Internierte in die Freiheit entlässt, die in kriegswichtigen Betrieben, in der Landwirtschaft oder in Krankenhäusern Dienst zu tun bereit sind. Hans Herzberg ist kurzzeitig in der Landwirtschaft beschäftigt, dann bietet man ihm an, ins Pionierkorps der Armee einzutreten. Das will er nicht. »Ich wollte lieber mit der Waffe in der Hand gegen die Faschisten kämpfen.« Er wird der Infanterie zugeteilt, absolviert eine Grundausbildung in Glasgow und wird eingekleidet – für den südostasiatischen Kriegsschauplatz. Er soll nach Indien. Wieder protestiert er. »Ich bin nicht in die Armee eingetreten, um irgendwo gegen die Japaner zu kämpfen. Ich will an die Zweite Front.« Aug' in Aug' mit Landsmännern in Wehrmachtsuniform. Das wollte Hans Herzberg.

In die Schlacht wird er zwar nicht geschickt, aber sein Wunsch Aug' in Aug' wird erfüllt. Er soll in Kriegsgefangenenlagern bei Verhören dolmetschen. Was empfand er dabei? »Ich fühlte mich auf der Seite der Sieger.« Und was entnahm er den Gesprächen mit den Gefangenen? »Das waren nicht alle fanatische Nazis. Und manche begannen nachzudenken.«

Heine und Chaplin

Beim Nachdenken hilft Hans Herzberg. Er fährt nach London, kauft Bücher. »Die hatten im Lager ja nur den Schrott aus Wehrmachtsbeständen.« Als erstes gibt er den Gefangenen Heinrich Heines »Harzreise« zu lesen. »Und dann habe ich ihnen gesagt, wer Heine war.« Bei einer Londoner Filmverleihfirma borgt er sich Charlie Chaplins »Der Große Diktator« aus – »auch wenn die Partei den Film nicht sehr geschätzt hat«. Die Wehrmachtssoldaten schauen sich den Streifen schweigend an. »Ab und an wagte es jemand, zu lachen.« Hans Herzberg wird mutiger. Jetzt will er seinerseits mit den Gefangenen darüber diskutieren, wie und warum die Nazis an die Macht gelangt sind. »Der Speisesaal war voll. Ich hatte 300 Zuhörer. Es gab eine heiße Diskussion. Siedend heiß. Mir wurde Angst und Bange. Wenn die sich jetzt kloppen! Ich habe also die Versammlung aufgelöst, alle in ihre Baracken geschickt und Sprechverbot erteilt.«

Und wie war das nun am achten Maientag 1945? Staff-Sergeant Herzberg hat frei und begibt sich in die Stadt. Die Labour Party von Abergavenny hat eine Versammlung anberaumt. »Ich hörte zu, wie sie über die Zukunft Großbritanniens, über Nachkriegseuropa und das Nachkriegsdeutschland debattierten. Es herrschte Aufbruchstimmung. Kein Zurück in die Vorkriegsverhältnisse, keine Krisen, keine Arbeitslosigkeit, keine Kriege mehr!« Plötzlich wird der Deutsche in britischer Uniform gebeten, auch etwas zu sagen. Und er spricht: »Wir freien Deutschen wollen, dass von Deutschland nie wieder Krieg ausgeht, dass Deutschland ein friedliches Land wird und bleibt. Ich hoffe, dass ihr Engländer uns dabei unterstützt.« Der 24-jährige Soldier aus Hannover erntet stürmischen Beifall. Das war der schönste 8. Mai im Leben des Hans Herzberg.

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