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Babyboom an der Elbe

Dresden wächst und muss sich auf die vielen neuen Kinder einstellen

  • Von Harald Lachmann, Dresden
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sachsens Landeshauptstadt ist derzeit die fruchtbarste Metropole der Republik. Doch schon fehlen damit auch Kitas, Pädagogen und bezahlbare Wohnungen

Eben noch hieß es, Sachsen gehen die Kinder aus. Und nun fehlt es speziell in Dresden an nichts weniger als an Kindern. Mit fast 6000 neuen Erdenbürgern 2010 toppte die Halbmillionenstadt noch das gute Ergebnis von 2009 (5609) und katapultierte sich so an die Spitze aller deutschen Großstädte. Die Quote von 11,4 Kindern je 1000 Einwohner liegt klar über der des früheren Primus München (10,8).

Manches Krankenaus registriert seit Monaten Geburtenzahlen, die ein Drittel über dem Durchschnitt des letzten Jahrzehnts liegen. Auch auf den Straßen begegnet man wieder zuhauf schwangeren Frauen, Kinderwagen schiebenden Müttern oder jungen Eltern mit ein, zwei Sprösslingen. Die Gründe dafür geben selbst im Rathaus noch manches Rätsel auf. Denn bislang lag Dresden eher im ostdeutschen Trend – und der ist seit Jahren bereits fruchtbarer als im Westen, wo jede vierte Frau nie Mutter wird. Im Osten sind das nur zwölf Prozent.

Betreuungsangebote

reichen nicht mehr aus

Die medizinische Psychologin Dr. Yve Stöbel-Richter von der Uni Leipzig, die sich schon lange mit der Thema Fertilität (Fruchtbarkeit) ostdeutscher Frauen beschäftigt, sieht in der Gebärzurückhaltung früherer Jahre rein wirtschaftliche Gründe. Demnach schöben Frauen ihren Kinderwunsch so lange auf, bis sie sich die größere Familie auch leisten könnten. Generell gebe es aber eine »Tendenz zum Zweitkind«.

Dresden als wirtschaftlich prosperierendste Stadt im Osten belegt das nun offenbar exemplarisch. Die Erstmutter ist hier im Schnitt 27 Jahre jung und meist noch unverheiratet – auch das entspricht dem Trend anderer ostdeutscher Großstädte. Zum Vergleich: Im Westen sind die Eltern dann bereits zwei Jahre älter und überwiegend im Hafen der Ehe gelandet.

Fraglos partizipiert auch Dresden von der gewachsenen Betreuungsdichte Ost aus den Zeiten vor der Einheit. Nach Rathausangaben gibt es 18 600 Kindergarten- sowie 6500 Krippenplätze. Denn traditionell besucht fast die Hälfte aller Knirpse unter drei Jahre eine Krippe. Nach 1990 entstanden zudem 2000 neue Plätze. Dennoch zeigt sich nun: Das Angebot reicht vorn und hinten nicht. Wer seinen Spross nicht rechtzeitig anmeldet oder aber in besonders »fruchtbaren« Vierteln wie der Dresdner Neustadt lebt, hat schnell Pech.

Mindestens 350 Krippenkinder fänden 2011 keinen Betreuungsplatz, bedauert Sabine Bibas, die Chefin des städtischen Eigenbetriebs Kindertagesstätten. Im Februar fehlten sogar 430 Plätze. Einerseits stoßen nun verstärkt private Anbieter und Tagesmütter in die Nachfragelücke. Andererseits greifen auch Unternehmen, die nicht jahrelang auf gut ausgebildete junge Mütter verzichten wollen, bereits zur Selbsthilfe. Wie zu DDR-Zeiten entstehen betriebliche Krabbelgruppen und Kitas. Die TU Dresden schuf neben zwei Kindergärten zudem ein »Campusnest« für die Kurzzeitbetreuung. Denn 3000 der 40 000 Dresdner Studenten sind Eltern – drei Prozent mehr als im Bundesschnitt. Das Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik richtete sogar eine hauseigene Stillgruppe ein.

Dennoch überfordert das Babyhoch laut einem internen Rathausdossier die Stadtplaner. Hält die Entwicklung an, fehlen bis 2015 über 4000 Kitaplätze. Denn Prognosen sagten bisher sinkenden Geburtenzahlen ab 2013 voraus. Nun erwartet man bis 2016 jährlich 6000 kleine Neudresdner. Dabei war das Kita-Bauprogramm für 2012 längst beschlossen – und das sah gerade noch 67 neue Plätze vor. So plant man nun weitere 2000 Plätze bis 2014.

Bezahlbarer Wohnraum

ist Mangelware

Doch damit der Nöte nicht genug. Mittlerweile fehlt es auch schon an bezahlbaren Wohnungen für junge Familien, auch weil der Zuzug nach Dresden weiter anhält. Immobilienmarktexperten von Aengevelt sehen damit bis zum Jahr 2025 gut 10 000 zusätzliche Haushalte in der Stadt entstehen. Demgegenüber stehen nur noch fünf Prozent leere Wohnungen.

Und wer, so fragt man im Rathaus, soll in den neuen Kindereinrichtungen arbeiten? Der geforderte Betreuungsschlüssel von sechs Krippen- und 13 Kindergartenknirpsen pro Erzieher sei ohnehin längst unhaltbar. So will man nun auch Quereinsteigern, vor allem Männern, den Wechsel in dieses Metier leichter machen. Doch auch bei Lehrern wird ab 2016 ein Manko offenbar. Denn dann hören 450 Pädagogen auf, mithin jede achte Lehrkraft an den staatlichen Schulen. Doch junge Absolventen zieht es wegen der deutlich besseren Löhne nach Bayern, Hessen oder Baden-Württemberg.

Erwähnt sei aber auch dies: Jedes vierte Kind in Sachsen gilt statistisch als arm. Laut einer Bertelsmann-Studie leben hier im Vergleich zu anderen Flächenländern besonders viele Kids in Hartz-IV-Familien. Und trotz der auch landesweit höchsten Geburtenzahl seit 1990 sinkt auch weiter Sachsens Einwohnerzahl. Lediglich Dresden wie auch Leipzig weisen unterm Strich derzeit eine positive Bevölkerungsentwicklung auf.

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