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Fährt der ICE an Erfurt vorbei?

Nicht jeder Fernzug auf der Neubaustrecke Nürnberg-Halle/Leipzig soll in der Landeshauptstadt halten

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.
Durch Thüringen wird in ein paar Jahren eine neue ICE-Trasse führen – doch der Freistaat muss befürchten, nichts davon zu haben.

Mit seiner Aussage, dass nach der für 2017 geplanten Inbetriebnahme der ICE-Neubaustrecke Nürnberg-Erfurt-Halle/Leipzig möglicherweise nicht alle hochmodernen Schnellzüge in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt halten werden, hat Bahnvorstand Ulrich Homburg im Freistaat neue Ängste ausgelöst. Homburg hatte kürzlich erklärt, dass bei zu geringer Fahrgastnachfrage und angesichts neuer Konkurrenz durch Fernbusse die ICE-Züge unter Umständen ohne Halt von Nürnberg bis Leipzig durchfahren und damit die Fahrzeit um kostbare Minuten verkürzen könnten. Die Trasse durch den Freistaat ist Kernstück einer neuen Achse, auf der die ICE-Züge künftig in weniger als vier Stunden, und damit zwei Stunden schneller als bisher, von Berlin nach München durchbrausen. Damit will die Bahn auch dem Flugzeug Konkurrenz machen. Erste Fahrplanentwürfe für den Betrieb ab 2017 gehen dem Vernehmen nach davon aus, dass ICE-Züge in »Tagesrandlage«, also frühmorgens oder spätabends, ohne Halt in Erfurt durchfahren könnten.

Großprojekt ohne Nutzen für den Freistaat

»Über eine mögliche Nichtbedienung des ICE-Bahnhofs Erfurt auch nur nachzudenken, ist nicht nur eine Missachtung des im Grundgesetz für die Bahn formulierten Verfassungsauftrages zur Daseinsfürsorge und Mobilität für die Bevölkerung, sondern auch eine Zumutung für Thüringen«, regt sich Gudrun Lukin, verkehrspolitische Sprecherin der Thüringer Linksfraktion, auf. Damit wäre das milliardenschwere Großprojekt, das den Freistaat in Nord-Süd-Richtung durchquert, weitgehend ohne Nutzen für die Masse seiner Bewohner und Gäste. Ein »schlechtes Geschäft« nennt Lukin in diesem Zusammenhang die der Bahn von der Thüringer Landesregierung von 2007 bis 2013 übertragenen Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung in Höhe von 239,5 Millionen Euro für den Bau der Neubaustrecke bis zur Landesgrenze.

Wer ohne Auto in das »Grüne Herz« Deutschlands gelangen wolle, müsse künftig wohl zunehmend auf Regionalzüge oder Fernbusse ausweichen, befürchtet die Parlamentarierin. Thüringen drohe damit zum reinen »Transitland« mit einer »Vogelfluglinie« zu werden, spielt sie auf die Weichenstellungen in den 1990er Jahren unter dem damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU) an, als in Erfurt die Würfel für die Trassierung der Neubaustrecke fielen. Deren schwierigster und teuerster Abschnitt verläuft von Erfurt nach Coburg (Oberfranken) und wird wegen der vielen Tunnel durch den Thüringer Wald von Kritikern auch als »längste U-Bahn-Strecke« Deutschlands bezeichnet. Auch aus der früher angedachten Anbindung der Universitäts- und Goethestadt Ilmenau am Nordrand des Thüringer Waldes an die Neubaustrecke dürfte nichts werden, denn ein Haltepunkt für schnelle Regionalzüge wenige Kilometer östlich vom Stadtgebiet oder ein Abzweig nach Ilmenau sind hier nach dem aktuellen Stand der Dinge offenbar nicht vorgesehen.

So dürften die meisten Anwohner von der Neubaustrecke in der Tat keinerlei Nutzen haben. Dafür erfahren sie nun tagtäglich die Folgen der Erdarbeiten. So etwa in Großbreitenbach (Ilmkreis), wo derzeit tief unter der Stadt der 7,4 km lange Silberberg-Tunnel gebaut wird und etwa 30 Hektar Wald einer Deponie für den Gesteinsaushub weichen mussten. Bürgermeisterin Petra Enders beklagt hier eine deutliche Absenkung des Grundwasserspiegels und befürchtet unabsehbare Folgen für das ökologische Gleichgewicht.

Weimar bald ohne ICE-Anschluss

Nachteile nach Inbetriebnahme der neuen ICE-Strecke befürchtet man vor allem in Ostthüringen. Denn derzeit verläuft die direkteste ICE-Fernverbindung von Berlin über Leipzig und Nürnberg nach München durch das Saaletal und bedient hier regelmäßig Bahnhöfe in Jena und Saalfeld. Weil die Deutsche Bahn sicher nicht in einem Abstand von etwa 40 km Luftlinie zwei parallele Fernverkehrskorridore in Nord-Süd-Richtung betreiben wird, dürfte ab 2017 hier Schluss mit dem Fernverkehr sein, befürchten Bahnfahrer, Kommunalpolitiker und Wirtschaft. Das noch weiter östlich gelegene Gera mit seinen knapp 100 000 Einwohnern, früher ein wichtiger Haltebahnhof zwischen Berlin und München, hat schon seit Jahren keinen Fernzug mehr gesehen. Ein von den Anliegern herbeigesehnter zweigleisiger Ausbau mit durchgehender Elektrifizierung der »Mitte-Deutschland-Verbindung«, die im Freistaat die dicht besiedelte Thüringer »Städtekette« von Eisenach über Gotha, Erfurt, Weimar, Jena und Gera verbindet, ist derzeit nicht in Sicht. Dabei würde er nur einen Bruchteil der Kosten für die ICE-Neubautrasse verursachen.

Unterdessen kann sich auch die Klassikerstadt Weimar schrittweise auf das Nach-ICE-Zeitalter einstellen. Weil die Neigetechnik der ICE-Züge nicht voll funktioniert, verlängern sich die Fahrzeiten auf der kurvenreichen Strecke von Frankfurt am Main nach Dresden. Um Verspätungen aufzuholen und den Fahrplan nicht aus den Fugen geraten zu lassen, wurden hier die meisten Stopps gestrichen.

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