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»Bundesliga-Tabelle« mit wenig Aussagekraft

CHE-Hochschulranking zunehmend in der Kritik / Fragwürdiges methodisches Vorgehen

Vor einer Woche veröffentlichte das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) sein aktuelles Hochschulranking. Während der Vergleich vor Jahren innerhalb der Universitäten und Hochschulen noch für Aufsehen sorgte, hält sich dort das Interesse mittlerweile allerdings in Grenzen. Ein Grund ist, dass bei den vergleichenden Erhebungen immer weniger akademische Lehrstätten mitmachen wollen. Bemängelt wird u.a. die angewandte Methodik des Bertelsmann-Ablegers CHE.

Gerade im Zuge der finanziellen Kürzungen vieler Bundesländer im Bereich der Hochschulpolitik, sind die meisten Universitäten und Fachhochschulen immer mehr dazu übergegangen, sich noch stärker an positive Erfolgsmeldungen zu klammern, denn eine positive öffentliche Wirkung bedeutet in der Logik des durch die Bolognareform ausgerufenen Hochschulmarktes auch bessere Chancen im Kampf um die klügsten Nachwuchsköpfe, welche wiederum zusätzliche finanzielle Mittel nach sich ziehen könnten. Besonders beliebtes Instrument sind hier seit einigen Jahren so genannte Hochschulrankings, von denen das Bekannteste seit dem Jahr 1998 jährlich vom Centrum für Hochschulentwicklung erstellt wird. Anfangs noch in Kooperation mit der Zeitschrift »Stern«, fand sich ab 2005 mit der Wochenzeitung »Die Zeit« ein neuer Medienpartner, welcher für die möglichst breite Streuung der Ergebnisse sorgen soll. Und dies mit Erfolg: Landauf und landab finden sich in der Mehrheit der Tageszeitungen wahlweise Lobgesänge oder lehrerhafte Tadelungen über das Abschneiden der vor Ort ansässigen Hochschuleinrichtungen.

Laut Eigendarstellung bietet das CHE das »umfassendste und detaillierteste Ranking deutscher Universitäten und Fachhochschulen« an und hätte sich damit bei Studierenden und anderen Interessierten als »fair, informativ und qualifiziert durchgesetzt«. In der Tat wirken die Zahlen beeindruckend. Das CHE-Hochschulranking wirbt mit einer Datengrundlage von mehr als 250 000 befragten Studierenden. Während im vergangenen Jahr die Ingenieurwissenschaften im Fokus der Betrachtung standen, haben an der aktuellen Auswertung nach Angaben des CHE etwa 45 000 Studierende teilgenommen, welche zum Befragungszeitpunkt in den Fächern Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, der Journalistik sowie den Medien- und Kommunikationswissenschaften eingeschrieben waren. Dazu mussten die Beteiligten einen Fragenkatalog mit bis zu 37 unterschiedlichen Kriterien ausfüllen, von denen viele anhand einer Notenskala beantwortet werden konnten. So wurden die Studierenden etwa gefragt, wie sie die Ausstattung der Bibliotheken oder die Berufsorientierung ihres Studienganges einschätzen. Allein woher aber sollen die Befragten für ihre Einschätzung einen einigermaßen objektiven Maßstab hernehmen und wissen, ob ihre Hochschule im Vergleich zu anderen Bildungsstätten nun eher gut oder schlecht dasteht? Mit Sicherheit haben die wenigsten Befragten bereits an mehreren Universitäten gepaukt.

Solche und andere Unklarheiten führen dazu, dass sich immer mehr kritische Stimmen von einer Zusammenarbeit mit dem CHE distanzieren. So bezeichnet der Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, Professor Werner Plumpe, das Ranking ironisch als »Bundesliga-Tabelle« mit wenig Aussagekraft. Der Historikerverband lehnt das CHE-Ranking schon seit einigen Jahren als Irreführung der Studierenden ab. »Das Ranking konstruiert eine Scheinobjektivität auf einfachen Parametern, welche die komplexe Universitätslandschaft nicht widerspiegeln können«, behauptet Verbandsgeschäftsführerin Nora Helmli gegenüber dem ND. Kritisch ist laut Helmli vor allem, dass subjektive Faktoren mit anderen Parametern, wie etwa den Mietpreisen am Universitätsstandort, in einen Topf geworfen und so »scheinbar objektiviert« werden. Generell hätten Rankings ohnehin kaum eine Aussagekraft. »Rankings erzeugen die Hoffnung, mehr zu wissen, etwas besser einschätzen zu können als vorher, doch dies ist selten der Fall«, erklärt Helmli.

Wohl auch deshalb haben in den letzten Jahren immer mehr Universitäten und Fachhochschulen erkannt, dass eine Teilnahme am Hochschulranking des CHE mehr Nach- als Vorteile mit sich bringt. So hat die Universität Köln schon im letzten Jahr mit dem Gedanken gespielt, sich aus der Befragung zurückzuziehen. Nach Erscheinen der letzten Ergebnisse vor einigen Tagen macht die Universitätsleitung jetzt ernst. »Wir finden die Methodik des Rankings nicht sehr sinnvoll«, begründet Pressesprecher Patrick Honecker die Entscheidung. Besonders kritisch sieht man in Köln das vom CHE verwendete Ampelsystem. In der Tat kann dieses für reichlich Verwirrung sorgen. So kann es sein, dass im Vergleich zwischen Fachbereichen zweier Universitäten der eine Bereich in einer Kategorie zur Spitzengruppe gezählt wird und der entsprechende Fachbereich an der anderen Hochschule in der gleichen Kategorie nur in der Schlussgruppe landet, obwohl beide Einrichtungen in ihren Notendurchschnitt nur 0,6 Punkte auseinanderliegen.

Die Uni Köln ist mit ihrer Entscheidung jedenfalls nicht allein. Ebenfalls ihren Austritt aus dem Ranking haben die Universitäten Bonn und bereits im letzten Jahr die Hochschule in Siegen erklärt. An anderen Unis, etwa Christian-Albrechts-Universität in Kiel, haben sich immerhin schon einige Fakultäten aus dem Vergleich verabschiedet. Die Begründungen sind häufig dieselben: Zu viel Aufwand, wenig Objektivität, methodische Mängel und daher kaum Nutzen für die potenziellen Studienanfänger. Anni Fischer, Leiterin des Referates Hochschulpolitik des Studentenrates an der Technischen Universität Chemnitz, rät ihren Kommilitonen deshalb, zukünftig Befragungen des CHE zu boykottieren. Für Studieninteressierte gebe es ohnehin genug andere Informationsmöglichkeiten. »Am besten ist es natürlich immer, sich vor Ort umzuschauen und die Angebote der persönlichen Studienberatung wahrzunehmen. Auch ein Blick auf die Internetseiten der jeweiligen Fachbereiche ist sehr hilfreich«, sagt Fischer. »Studieninteressierte sollten aber definitiv nicht auf Grundlage dieses Rankings ihre Entscheidung treffen«, so Fischer abschließend.

www.zeit.de/hochschulranking

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