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Wie teuer ist gratis wirklich?

Getestet: Kurzreiseangebot aus dem Werbekatalog an die türkische Mittelmeerküste

  • Von Wolfgang Richter
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Sinterterrassen von Pamukkale gehören zu den bekanntesten türkischen Sehenswürdigkeiten.
Die Sinterterrassen von Pamukkale gehören zu den bekanntesten türkischen Sehenswürdigkeiten.

Erstaunliche Angebote flattern seit einiger Zeit in viele Haushalte. Sie umfassen den Zeitraum von Anfang November bis Ende April und führen stets in die Türkei. Die Einladungen richten sich an »treue Kunden« und locken mit »1 Woche Aktionsreise Mittelmeer – Gratis«. Eingeschlossen sind Hin- und Rückflug, Hoteltransfers, 5-Sterne-Strandhotel, zweitägiger Ausflug nach Pamukkale mit Zwischenübernachtung in einem 4-Sterne-Thermalhotel sowie eine schwungvolle VIP-Gala.

Natürlich, der durch viele ungute Erfahrungen misstrauisch gewordene Reisewillige fragt wie wir: Wo ist der Haken? Wir jedenfalls fanden keinen! Nichts von dem, was man uns versprach, wurde nicht auch gehalten. Wir folgten als »treue Kunden« der Einladung eines Versandhauses. Viva D'or heißt das Reiseunternehmen mit Sitz in Berlin, das die Organisation besorgte.

Das Ganze funktioniert so: Eine Reihe von Unternehmen, überwiegend Versandhäuser, auch Verlage oder Versicherungen bilden einen Pool, der über spezielle Reiseveranstalter sowie Partner vor Ort die Touren organisiert. Und zwar in der tourismusarmen Zeit in der Türkei – eben zwischen November und April. Auf diese Weise werden die komfortablen Hotels entlang der Mittelmeerküste gefüllt und das Personal wird weiterbeschäftigt. Alles, was mit dem Hotelwesen zu tun hat, verdient; von den Wellness-, Fitness- und Kosmetikeinrichtungen, den Wäschereien bis hin zu den Gefügelfarmen, die Unmengen Hühner für die Büffets liefern. Die außerordentlich gut ausgestattete Busflotte ist ununterbrochen im Einsatz, die Restaurants an den Ausflugsstrecken, die zum Mittagessen angefahren werden, haben ihr Stoßgeschäft, die Ausflugsziele, allen voran Pamukkale, sind täglich von Heerscharen an Urlaubern bevölkert. Es verdienen die Händler in den Basars und an den Straßen, und keine Reisegruppe kann sich gegen den Besuch einer Teppichknüpferei, Leder- und Schmuckmanufaktur wehren. Nicht zu vergessen die bestens ausgebildeten Reiseleiter. »Unser« Ismail ist in der Hauptsaison ausschließlich mit Reisegruppen von Studiosus und Biblische Reisen unterwegs – Qualitätsausweis bester Güte.

Und so gestalten sich die meisten dieser Kurzreisen: Nach kurzer erster Nacht wurden die Neuankömmlinge mit den Gegebenheiten und Abläufen durch die Veranstalter vertraut gemacht. Diese Art von Kundenpflege und -werbung ist durchaus sympathisch und keineswegs aufdringlich, denn es handelte sich dabei nicht um Werbeveranstaltungen für Produkte der Einlader. Dennoch, für Produkte geworben wurde auch hier – nämlich für zusätzliche Ausflugsangebote zu einigen der Welterbestätten, mit denen die Türkei so überreich gesegnet ist. Anschließend ging es zu einer interessanten Tropfsteinhöhle und zur malerischen Promenade, die den Jachthafen in Alanya säumt.

Am nächsten Tag hieß es um 5.30 Uhr aufstehen, denn auf dem Programm stand die lange, lange Fahrt ins Taurusgebirge nach Pamukkale mit dem weltweit einzigartigen Gebilde der Kalkstein-Sinterterrassen, die sich wie ein riesiger Gletscher auf einer Länge von 2,7 Kilometer weit hinunter ins Tal strecken. Bei Sonnenschein glitzern sie schneeweiß, und die mit Wasser gefüllten Mulden leuchten wie blaue Lagunen. Uns verdarb Regen den Sehgenuss. Oben auf dem Plateau entschädigten die Überreste der antiken Stadt Hierapolis, deren Größe ahnen lässt, dass hier an der Königsstraße einst 80 000 Menschen wohnten. Nach einer Zwischenübernachtung mit Besuch des Thermalbades folgte anderntags der Besuch einer Teppichknüpferei mit einer perfekt inszenierten Show handwerklichen Spitzenkönnens. Dennoch entschloss sich keiner aus unserer 33-köpfigen Busbesatzung, einen Teppich zu kaufen. Aber in der zur Manufaktur gehörenden Kurzwarenabteilung mit preiswerten Hemden, Blusen, Schals aus reiner Baumwolle wechselte so mancher Euro den Besitzer. Bei 20 bis 30 Bussen pro Tag, wie uns versichert wurde, kommen allein dadurch an die zehntausend Euro zusammen. Auf der Rückfahrt zum Hotel stand noch der Besuch des quirligen Basars in Antalya auf dem Programm. Die folgenden Tage waren für uns Kür, für andere die Pflicht, die bezahlten Zusatzprogramme zu absolvieren. Auch der versprochene VIP-Galaabend hielt ohne Abstriche, was er versprach.

Möglicherweise verlaufen nicht alle Reisen nach diesem Muster, doch Bekannte, die einem anderen Einlader folgten, waren gleichermaßen zufrieden.

Aber wie teuer ist »gratis« nun eigentlich? Wir haben gerechnet: Saisonzuschlag: 93 Euro, Flughafenzuschlag: 19 Euro, Halbpension (dringend zu empfehlen): 99 Euro, Versicherung (Reiserücktritt, Krankheit): 27 Euro, Galaabend (Pauschalbeitrag für Getränke): 12 Euro – summa summarum: 250 Euro pro Person. Hinzu kommen die fixen Kosten, die ohnehin bei jeder Reise anfallen.

Wissen sollte, wer sich für ein derartiges Angebot entscheidet: Die Flugtickets werden leider erst zehn Tage vor Beginn zugestellt. Erst dann stellt sich – wie bei uns – heraus: Abflug in Berlin-Schönefeld um 19.25 Uhr mit überraschender Zwischenlandung in Leipzig. Ankunft in Antalya: 1.05 Ortszeit. Nach langer Busfahrt und chaotischer Zimmersuche in den im Park verteilten Häusern kamen wir kurz vor vier ins Bett. Wer auf den im Reisepaket enthaltenen zweitägigen Ausflug nach Pamukkale mit Zwischenübernachtung verzichten möchte, muss die nicht geplante Übernachtung im Stammhotel selbst bezahlen (69 Euro). Zusatzangebote für Ausflüge gibt es je nach Ziel für 129,89 und für 69 Euro. Der Euro wird überall als Zahlungsmittel akzeptiert (1 Euro etwa 2 TL). Es ist keine Badesaison, doch Sonnenbaden ist möglich. Dringend zu empfehlen sind warme, regenfeste Sachen für die Ausflüge ins Landesinnere; Pamukkale z. B. liegt fast 2000 m hoch.

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