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So radikal ändern sich die Zeiten

Vor 30 Jahren zogen die ersten Grünen Parlamentarier ins Abgeordnetenhaus – und blieben dort

West-Berlin war in den 70er Jahre ein Sammelbecken für Alternative, Ökos und Hippies. Es gab Kinderläden, Bürgerinitiativen und radikale politische Gruppen. Am 5. Oktober 1978 wurde in diesem Umfeld die Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz (AL), der Vorläufer der Grünen gegründet. Rund 3000 Menschen fanden sich dafür in »Huxleys Neue Welt« zusammen. Wenige Monate trat die AL zur Abgeordnetenhauswahl an. Die große parlamentarische Bühne wurde erobert: 1981 war die AL mit 7,2 Prozent und neun Parlamentariern ins Rathaus Schöneberg eingezogen. Damit war der Grüne Vorläufer zur drittstärksten Partei in Berlin geworden. 1989 trat die AL in eine Regierungskolaition mit der SPD unter Walter Momper ein – und machten erste Zugeständnisse. Dann verließ sie die Koalition.

Für die einen bedeutete dies eine Erfolgsgeschichte, für die anderen war es das Ende einer politischen Bewegung. Schließlich hatte die AL zuvor eine Regierungsbeteiligung kategorisch abgelehnt. »Dieser Regierungseintritt war der Genickbruch der Partei-Linken«, resümiert Thomas Ebermann, der die Grünen auf Bundesebene mitbegründete. Er kehrte der Partei schon 1990 den Rücken. Wenn die linken Aktivisten von Damals den Grünen heute politischen Verrat vorwerfen, winkt Ebermann ab. »Die Wähler wollten es ja so«, sagt er. »Mit uns wäre der Kahn eben anders untergegangen.«

In Berlin regierten die Grünen nun mit Wählergunst. Darum feierten die Berliner Grünen gestern 30 Jahre Parlamentsgeschichte – ganz seriös im Festsaal des Abgeordnetenhauses. Zur Feier des Tages wird ein Relikt aus vergangenen Zeiten ausgestellt: »ein selbst gestrickter Pullover mit Anti-Atomkraft-Emblem«, wie es in der Einladung der Grünen angekündigt wird. An die Widerstandskultur, die K-Gruppen und linksradikalen Kleinverbände, aus denen die Grünen hervorgegangen sind, erinnert nichts mehr.

In den Zeitungen liest man zur selben Zeit Anekdoten über Anekdoten, die 30 Jahre Grüne Parlamentsgeschichte auf die ersten fünf herunterbrechen: Wollpullis, Turnschuhe, Beschimpfungen und Proteste im Parlament, Ausfälle konservativer Abgeordneter. Davon, dass damals auch Politik gemacht wurde, die über die Aufgaben der staatstragender Berufspolitik hinausging, redet hingegen kaum jemand. Noch 1983 wurden die Berliner Grünen Benedikt Härlin und Michael Klöckner wegen ihrer journalistischer Arbeit für die Zeitschrift Radikal zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die AL war von dem Urteilsspruch empört und ließ die beiden für die Europa-Wahl aufstellen. Sie zogen ins Parlament ein, genossen Immunität und die Haftbefehle wurden aufgehoben. Klöckner ist heute verheiratet mit Marianne Rosenberg, Härlin blieb bei den Grünen. So ändern sich die Zeiten.

Viele Mitglieder der ersten Stunde, wie Michael Wendt, der die Mitgliedsnummer 001 trug, sind verstorben. Andere Protagonisten verbitten sich die Nachfragen, die sich zu jedem Grünen Jubiläum wiederholen. Viele haben die Partei längst verlassen. Am gefragtesten ist, wer am kürzesten bei den Grünen ausgehalten hat und darum anrüchig geblieben ist. »Ich möchte mich dazu nicht mehr äußern«, sagt ein Gründungsmitglied gegenüber ND. »Was soll ich dazu noch sagen?«, ein anderes.

Und was gibt es noch zu sagen? Die Ökopartei erreicht auf Bundesebene Spitzenwerte, auch in der Hauptstadt liegt sie mit der SPD fast gleichauf. Doch Thomas Ebermann bezweifelt, dass Spitzenkandidatin Renate Künast so seriös sei, wie Baden-Würtembergs Ministerpräsident. »Kretschman war beim Papst, Künast nicht.«

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