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Entwicklungshilfe allein reicht nicht

Vertreter der Zivilgesellschaft sind von der UNO-Konferenz für die ärmsten Länder enttäuscht

  • Von Jan Keetman, Istanbul
  • Lesedauer: 4 Min.
Die vierte UNO-Konferenz für die 48 ärmsten Länder der Welt in Istanbul macht wenig Hoffnung auf mehr globale Gerechtigkeit. Vertreter der Zivilgesellschaft kritisieren, dass vor allem kommerzielle Interessen im Vordergrund stehen.

In dieser Woche fand in Istanbul die vierte UNO-Konferenz für die am wenigsten entwickelten Länder statt. Es handelt sich dabei um 48 Länder, nach dem Englischen Least Developed Countries auch als LDC abgekürzt, die aufgrund der Kriterien Pro-Kopf-Einkommen, Alphabetisierungsrate und Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt als unterentwickelt eingestuft werden. Die Kriterien sind jedoch etwas willkürlich. Zum Beispiel kann man sich fragen, ob angesichts der wachsenden Bedeutung von Dienstleistungen, das letzte Kriterium nicht überholt ist und ob man andere Kriterien wie die Gleichberechtigung der Geschlechter, Meinungsfreiheit und Umweltschutz nicht zusätzlich berücksichtigen sollte.

Bei der Eröffnung meinte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül, der auch zum Vorsitzenden der Konferenz gewählt wurde, Istanbul werde die Stadt sein, in der der Ruf nach einer ganz neuen und gerechteren Weltordnung das erste Mal gehört wurde. Nach einem »Völker, hört die Signale!« sieht es aber nicht gerade aus. Es ist erstaunlich, über wie viele Firmen man bei der Konferenz stolpert, zum Beispiel über Coca Cola. Soll noch mal jemand sagen, den Habenichtsen könne man ohnehin nichts verkaufen.

Von den 2000 bei der Konferenz vertretenen Firmen kommt ein erheblicher Anteil aus dem Gastland Türkei. Dies liegt sicher nicht nur daran, dass eine Konferenz vor der eigenen Haustüre immer mehr besucht wird als eine am anderen Ende der Welt. Die meisten LDCs liegen in Afrika, genauer gesagt in einem breiten mittleren Band. Nur die meisten Länder im südlichsten und nördlichsten Teil sowie einige Staaten im Westen Afrikas zählen nicht zu den ärmsten Ländern. Damit liegen sie an der Peripherie des ehemaligen Osmanischen Reiches und sind zu einem großen Teil islamisch geprägt. Das gilt auch für zwei wichtige asiatische LDCs, Afghanistan und Bangladesch. Türkische Geschäftsleute können in diesen Ländern auf einen kulturellen Vorteil hoffen.

Anders als die türkische Wirtschaft hat die mit dem Wahlkampf beschäftigte türkische Öffentlichkeit die hermetisch abgeschirmte Konferenz kaum wahrgenommen. Die Vertreter der Zivilgesellschaft, die an der Konferenz teilnahmen, und zwar sowohl die türkischen als auch die ausländischen Teilnehmer waren keineswegs begeistert. In einer Erklärung der Vertreter der Zivilgesellschaft wurde das Programm der Konferenz kritisiert, weil es »kommerzielle und finanzielle Interessen« in den Vordergrund rücke. Sie vermissen den »politischen Willen« zu einer »erneuerten Partnerschaft zwischen den am wenigsten entwickelten Ländern und ihren entwickelten Partnern«. Die Teilnehmer seien von überall auf der Welt gekommen, um »die Stimme der globalen Gerechtigkeit zu hören« und seien enttäuscht worden. Mit anderen Worten: Es fehlt den schönen Floskeln an der Umsetzung. »Wir sind zornig, wir sind nicht zufrieden«, sagt Dr. Arjun Karki, der Vorsitzende des Forums der Zivilgesellschaft, auf der Konferenz. Karki will auch den Blick von der rein ökonomischen Betrachtungsweise weglenken. Die ärmsten Länder würden unter einer Vielzahl von Krisen leiden, einschließlich der Klimakrise und der Lebensmittelkrise. Biosprit lässt grüßen.

Auch Demba Moussa Dembele, Vorsitzender von LDC Watch, sagt, es gehe nicht einfach um die Ausweitung von Ressourcen, die den weniger entwickelten Ländern zur Verfügung gestellt werden. »Wir müssen das Modell und die Praxis einer nachhaltigen Entwicklung neu durchdenken.« Dass es alleine mit »Entwicklungshilfe« der reichen Länder und mit Hoffnung auf den Markt nicht weitergeht, ist jedenfalls offensichtlich. 1971 gab es 25 LDCs, heute sind es 48.


Die ärmsten Länder

Nur drei der 51 vom UNO-Komitee für Entwicklungspolitik als am wenigsten entwickelt eingestuften Länder haben es jemals geschafft aufzusteigen (Botswana, 1994; Kap Verde, 2007; Malediven, 2011).

In Afrika konzentriert sich die größte Armut vor allem auf die Regionen südlich der Sahara. Hier gibt es lediglich wenige Ausnahmen weiter entwickelter Länder. Mit 33 armen Staaten weist der Kontinent den Großteil der am wenigsten entwickelten Länder der Welt auf.

Ostafrika: Äthiopien, Burundi, Dschibuti, Eritrea, Komoren, Madagaskar, Malawi, Mosambik, Ruanda, Somalia, Sudan, Uganda, Vereinigte Republik Tansania

Westafrika: Benin, Burkina Faso, Gambia, Guinea, Guinea-Bissau, Liberia, Mali, Mauretanien, Niger, Sao Tome und Principe, Senegal, Sierra Leone, Togo

Zentralafrika: Äquatorialguinea, Angola, Demokratische Republik Kongo, Sambia, Tschad, Zentralafrikanische Republik

Südliches Afrika: Lesotho

Die ärmsten Staaten Asiens liegen ausschließlich im Südteil des Kontinents. Eine Konzentration ist hier im Südosten zwischen den großen Staaten China und Indien sowie bei Inselgruppen im Pazifik zu erkennen. In Asien gelten 14 Staaten als am wenigsten entwickelt.

Südostasien: Kambodscha, Demokratische Volksrepublik Laos, Myanmar, Timor-Leste

Pazifik: Kiribati, Samoa, Salomoninseln, Tuvalu, Vanuatu

Südasien: Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Nepal

Arabische Halbinsel: Jemen

In Lateinamerika und der Karibik zählt allein der kleine Karibikstaat Haiti, der in den vergangenen Jahren von Naturkatastrophen und bewaffneten Konflikten heimgesucht wurde, zu den ärmsten Ländern der Welt.
ND

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