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Geliebt und gehasst – eine Stimme des Ostens

Brandenburgs langjähriger Ministerpräsident Manfred Stolpe wird heute 75

  • Von Matthias Krauß, Potsdam
  • Lesedauer: 3 Min.
Wie mag es einem Politiker zumute sein, der mit hohem persönlichen Einsatz gearbeitet hat und dessen Lebenswerk von nachgeborenen Besserwissern nach Kräften herabgewürdigt wird? Manfred Stolpe war Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche, von 1990 und 2002 Ministerpräsident von Brandenburg. Eine Enquêtekommission des Potsdamer Landtages ist nun »Fehlern« und »Defiziten« seiner Amtszeit auf der Spur. Heute wird Stolpe 75 Jahre alt.

Getrieben und gejagt zu werden, ist Manfred Stolpe nicht fremd geblieben. Fast drei Jahre lang untersuchte ein Ausschuss des Landtags Anfang der 90er seine politische Vergangenheit und kam mehrheitlich zu der Auffassung, dass Stolpe zwar Kontakte zum MfS unterhielt, nicht aber als deren Mitarbeiter anzusehen sei. Nirgends wurde die DDR-Zeit intensiver beleuchtet, und doch muss sich Brandenburg bis heute gegen den Vorwurf wehren, es habe die Vergangenheit ungenügend oder gar nicht aufgearbeitet. Altkanzler Helmut Schmidt, der heute in Potsdam als Gratulant erwartet wird, wies die Anwürfe dieser Tage erneut zurück, weil sie »zumeist aus Unwissenheit, aber auch aus Scheinheiligkeit« resultieren würden. Er habe es sehr geschätzt, »dass ich Manfred Stolpe bitten konnte, als eine Art Briefträger zu fungieren. Ich konnte mich auf seine Integrität verlassen.«

Damit wird er allerdings Stolpes Gegner so wenig überzeugen wie vor 15 Jahren. Gehalten wurde Stolpe seinerzeit vor allem von der Treue der Brandenburger zu ihm, die ein Markenzeichen des Bundeslandes wurde. Sie betrachteten Angriffe auf ihn als Angriffe auf sich selbst. Diese Treue hatte etwas Absonderliches, später sogar Gespenstisches. Anderen aus seiner Zunft wird nach erfolgloser Amtszeit die Gnade der Abwahl zuteil. Stolpes Popularität hingegen wuchs mit Pleiten, die es in der brandenburgischen Politik reichlich gab. Als er 1996 bei seinem wichtigsten Projekt, der Fusion mit Berlin, spektakulär einbrach, tat das seiner Beliebtheit in Brandenburg keinen Abbruch.

Seine Gegner hatte und hat er vor allem in der politischen Sphäre, in Medien, unter Bürgerrechtlern und anderen DDR-Hassern. Immer wieder wurde Stolpe die »kleine DDR« unter die Nase gerieben, die er angeblich in Brandenburg bewahren wollte. Stolpe war seit der Wende immer mal für einen echten Durchbruch gut – gedanklich und politisch-praktisch. Er hat 1992 beispielsweise mit der Formel von der »punktuellen Zusammenarbeit mit der PDS« Türen aufgestoßen und eine bis heute anhaltende Debatte über Regierungsbündnisse in Gang gesetzt. Das war seinerzeit auch in Ostdeutschland ausgeschlossen, galt als Sakrileg. Mit Stolpes Regierungsstil fand das Land zum viel zitierten »Brandenburger Weg« – der Einbeziehung von Opposition in die Regierungsarbeit. Zwar hatte das auch seine Grenzen, war mitunter eine Illusion – punktuell jedoch war es mehr.

Öffentlich distanzierte sich Manfred Stolpe 1998 vom Bombenangriff auf Jugoslawien und stand damit in der brandenburgischen SPD allein auf weiter Flur. Erneut wurde sichtbar, dass ein Stolpe seine Grundsätze nicht auf dem Markt des politischen Tagesgeschehens feilbietet. Unterstützt wurde er damals nur von der PDS.

Bis heute hat er sich als selbstständig Denkender und Handelnder erwiesen. Auch nach der Pensionierung brachte er sich ein. In einer Zeitung wandte er sich gegen den fortgesetzten Versuch, die DDR »total zu verteufeln«. Angesichts der unverhohlenen Einseitigkeit, mit der seit Jahren die DDR und ihre Geschichte betrachtet werden, schrieb Stolpe von der gewachsenen Neigung, »kein einziges gutes Haar an dem untergegangenen Staat zu lassen«. »Vernichtungsurteile über die DDR« seien zur »gängigen Meinung in der Öffentlichkeit und in vielen Medien geworden«. Aufs Korn nahm der Ex-Regierungschef die zum Teil hysterisch propagierte Einseitigkeit in der heutigen Geschichtsbetrachtung und den Versuch, die DDR »als Hölle darzustellen«. Wenn aber mehr als die Hälfte der einstigen DDR-Bürger an ihrem Staat auch gute Seiten sahen und sogar jeder Dritte mehr Gutes als Schlechtes an ihm findet, dann ist das für Stolpe ein Ergebnis, mit dem sich manche Politiker, Journalisten und Historiker nicht abfinden können. »Schließlich wollen sie mit ihrem westdeutsch geprägten Urteil über die DDR Recht behalten.«

Wenn ich die Wut auf mich schon nicht ausräumen kann, wird er sich sagen, dann will ich sie mir wenigstens verdienen.

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