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Love, Dreams und Tralala

Aserbaidshan gewinnt Eurovison Song Contest in Düsseldorf

  • Von Oliver Händler
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Startnummern zehn bis zwölf zeigten einmal mehr, was den Eurovision Song Contest (ESC) ausmacht. Zuerst der James-Dean-Verschnitt Alexej Worobjow aus Russland mit einem langweiligen Popsong, extra für ihn geschrieben vom Komponisten des Superstars Lady Gaga. Durchgestylte Frisuren und durchgestylte Tanzschritte – selbst das Augenzwinkern ist choreografiert.

Es folgte eine Opernarie des Franzosen Amaury Vassili, gesungen auf Korsisch, untermalt von Sonnenuntergängen auf der Riesenleinwand hinter ihm. Ein gut aussehender junger Mann mit langen Haaren und toller Stimme, die so gar nicht reinpassen wollte in diesen Wettbewerb – genau deshalb gaben ihm die Wettbüros Außenseiterchancen. Das Andere, die Überraschung zählt.

Anders war auch der Italiener Raphael Gualazzi. Der spielte guten Jazz beim ESC. Unpassender ging es kaum. Der Lohn war Platz zwei, während Favorit Worobjow auf Platz 16 und Geheimtipp Vassili auf 15 landete. Überraschung ja, nur nicht auf Platz eins. Den holte sich Aserbaidshan mit einer Popschnulze, wie sie im Buche steht.

Auch sonst hielt der ESC, was sich die Fans erhofften, und Kritiker stets bemängeln, wenn sie – ganz zufällig – beim Zappen durch die Kanäle gleich bei der ARD hängenbleiben. Feuerwerk, Nebelmaschine, tanzende Sänger, rappende Tänzer, Zaubertricks und austauschbare Castingshowsieger, so weit das Auge reicht. Bei all den Salti und Flickflacks im Hintergrund wähnte sich der Beobachter manchmal eher beim Turnwettkampf als beim Liederwettstreit. Die Wörter »Liebe«, »Morgen« oder »Engel« tauchten in jedem zweiten Musiktitel auf, und fast alle sinnierten über die bessere Welt, die so nah ist, wenn wir nur alle an einem Strang ziehen würden. Der ESC ist Ablenkung vom Übel der Welt. Das will er zumindest sein. Für manche ist er Teil davon.

Der Gesang konnte sich in Düsseldorf durchaus hören lassen; man hat jedenfalls schon viel Schlimmeres vernommen. Der Klamaukfaktor aus Zeiten, als Stefan Raab die Show nicht moderierte, sondern sie mit »Waddehaddeduddeda« noch singend aufs Korn nahm, ist merklich geschrumpft. Die Halbfinals hatten auch kräftig ausgesiebt. Tiefpunkt in diesem Jahr war eindeutig der Beitrag »I love Belarus!«, den Präsident Alexander Lukaschenko nicht besser hätte schreiben können. Klar, ist der ESC bei aller Blumensprache vom neuen Miteinander in der Welt ein Nationenwettstreit mit Fahnengeschwenke, aber so dummdreist hat es mit der Ablenkung bislang noch niemand versucht.

Guter Gesang bedeutete aber auch in diesem Jahr nicht unbedingt gutes Niveau. Dazu fehlten gute Lieder. Selbst der Gewinner »Running Scared« bestach eher durch regnende Funken von der Hallendecke und die sich gegenseitig anschmachtenden Interpreten Ell und Nikki. Ein bisschen Wind zum Herumwedeln ihrer Haare, ein eingängiges Intro aus »Oh – Oh – Oho« und fertig ist der Siegertitel. ESC steht in diesem Fall für »Eurovision Show Contest«.

Und doch sahen geschätzte 125 Millionen Menschen weltweit diesem Spektakel zu, allein 13,8 Millionen hierzulande. Fast jeder zweite deutsche Fernsehzuschauer wollte Lena wieder siegen sehen. Es wurde Platz zehn, und auch hier hat der Fan schon Schlimmeres erlebt. Die sonst so gelassene, aber flippige Hannoveranerin wollte mal auf sexy und geheimnisvoll machen – echte Stars wechseln schließlich stets ihr Image. Zur Titelverteidigung reichte es aber nicht. Immerhin verzichtete sie ganz erfrischend auf »love«, »dreams« und »tralala«.

Man kann sich über diese Veranstaltung sehr leicht lustig machen, doch viele nehmen sie ernst, vielen bedeutet sie etwas – nicht zuletzt den meisten Sängern. »Ich bin der glücklichste Mann auf der Welt«, schluchzte Ell im Moment des Triumphs. Selbst die coole Lena feierte im vergangenen Jahr tagelang.

25 Millionen Euro soll das Event angeblich gekostet haben. Vor dieser Summe sollte ein dickes »mindestens« stehen. Die skurrilste Ausgabe waren wohl die drei Millionen Euro für ein neues Fußballstadion. Die Zweitligatruppe von Fortuna Düsseldorf, in deren üblicher Heimstätte der ESC abgehalten wurde, musste für drei Spiele umziehen. Aber bevor der Düsseldorfer nach Köln geht, baut er sich lieber ein neues Stadion für eine Million Euro pro Spiel und reißt es danach gleich wieder ein! Solche Geschichten werden mit Stolz erzählt rund um ESC.

Die Frage nach der Essenz stellt sich beim Eurovision Song Contest nicht. 2012 geht's wieder von vorne los. Dann in Baku. Nach den üblichen Regeln beginnt die Show dort dann um 1 Uhr nachts. Egal! Wie sang Nikki so schön: »Willkommen in Aserbaidshan.«

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