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Fuß fassen im eigenen Leben

Das Bildungszentrum im thüringischen Menteroda versucht, Jugendlichen eine neue Chance zu geben

Seit 1991 kümmert sich das Bildungszentrum Menteroda (Thüringen) um Jugendliche ohne Schulabschluss oder mit anderen Vermittlungshemmnissen. Auf das Erreichte ist man stolz.
Desiree und ihr Baby
Desiree und ihr Baby

Mühlhausen. »Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt.« Gotthold Ephraim Lessings Erkenntnis prangt an der Wand der Lehrwerkstatt im Bildungszentrum Menteroda bei Mühlhausen in Thüringen. Hier kümmert sich die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) seit 1991 darum, Jugendlichen ohne Schulabschluss oder mit anderen Vermittlungshemmnissen die Tür zum Arbeitsmarkt zu öffnen. Leicht ist das nicht in dieser strukturschwachen Region, doch es gibt Erfolge.

Leise, aber mit klarer Stimme lässt Steffi Neumann ihr wildes Leben Revue passieren. 19 Jahre alt ist sie erst, doch stand die junge Frau mit dem Pferdeschwanz bereits am Abgrund. »Früher habe ich mir von niemandem etwas sagen lassen. Ich war überzeugt, dass mir alle nur Böses wollen.« Heute sei sie »der KAB sehr dankbar«, dass die Mitarbeiter des bundesweit tätigen Sozialverbandes sie aufgefangen haben. Steffi Neumann stammt aus einer zerrütteten Familie, der Vater ist tot, zur Mutter besteht kein Kontakt. Nach dem Hauptschulabschluss findet sie keine Lehrstelle, kommt ins Berufsvorbereitungsjahr. Eine Ausbildung in Hauswirtschaftslehre scheitert nach nur drei Monaten, ebenso andere Qualifizierungen. Drogenkonsum, Alkohol, die falschen Freunde: »Ich hatte mich aufgegeben.«

»Wir können nicht zaubern«

Dass die junge Frau heute mit »Hund, Katze und einem Frettchen« die eigene Wohnung teilt und im zweiten Lehrjahr zur Beiköchin ist, grenze an ein Wunder, sagt Lutz Görlach, Geschäftsführer der KAB gGmbH und Chef von rund 50 Mitarbeitern an sechs Standorten in Thüringen. Für ihn ist Steffi Neumann konkreter Beweis, dass es gelingen kann, benachteiligte Jugendliche zu qualifizieren: »Wir können nicht zaubern, aber wir können viel tun als Arbeitsmarktdienstleister.« Neumann macht ihre Lehre in der »Villa Theresa«, dem Ausbildungsrestaurant der KAB, das derzeit rund 35 Jugendliche durchlaufen.

Görlach zählt auf, wo die KAB aktiv ist: Es gibt Projekte für behinderte Menschen mit Förderbedarf, ausbildungsbegleitende Hilfen und die sogenannte Berufseinstiegsbegleitung an vier Schulen. Dazu kommen Qualifizierungen und Beschäftigungsprogramme zur Eingliederung jugendlicher Arbeitsloser, die vom Jobcenter finanziert werden. Zudem ist die KAB unter anderem in der offenen Kinder- und Jugendarbeit aktiv sowie in der Schulsozialarbeit.

Dass lernschwache Jugendliche weiter gefördert werden müssen, belegen die Ergebnisse der Ausbildungsumfrage 2011 des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Zwar sieht DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben bei erwarteten zusätzlichen 40 000 Lehrstellen in diesem Jahr »glänzende Chancen für Jugendliche auf einen Ausbildungsplatz«. Aber Licht und Schatten liegen dicht beieinander. Denn: »Die Unzufriedenheit der Firmen mit der Leistungsbereitschaft, der Belastbarkeit und der Disziplin mancher Schulabgänger steigt seit 2006 kontinuierlich an. Damit werden Erziehungsdefizite zum Ausbildungsproblem.«

Desiree Schwalm wiegt ihr vier Wochen altes Baby im Arm. Die 17-Jährige lebt in der Jugendwohngemeinschaft Angerhof im Mühlhausener Ortsteil Windeberg, ebenfalls getragen von der KAB. Qualifizierte Mitarbeiter helfen den jungen Bewohnern, ihre psychosozialen Probleme zu bewältigen und geben den minderjährigen Müttern die Möglichkeit, Schule oder Ausbildung zu beenden.

Ausbildung ab August

»Sie sollen lernen, im eigenen Leben Fuß zu fassen«, sagt Beatrice Kotainy, die Leiterin der Jugendpflege im Angerhof: »Desiree ist ein Idealfall und hat die nötige Willensstärke. Da haben wir schon andere Schicksale erlebt.« Die junge Mutter fühlt sich nach eigenen Worten gut aufgehoben: »Im August beginne ich eine zweijährige Ausbildung als Kinderpflegerin.«

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