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Weniger Schund, Tand und Plunder!

Einige Anmerkungen anlässlich des Kongress »Jenseits des Wachstums?!«

Bedeutet der Verzicht auf Wirtschaftswachstum den Verzicht auf Wohlstand? Müssen wir alle Asketen werden, um den Planeten zu retten? Das ist weder nötig noch wünschenswert. Deshalb sollte die mangelnde Qualität und Langlebigkeit unserer Produkte stärker in das Blickfeld der neuen Wachstumskritik rücken.
Der Flyer zum Kongress.
Der Flyer zum Kongress.

An diesem Wochenende, beginnend heute, findet in der TU Berlin der Kongress »Jenseits des Wachstums?!« statt. Zu ihm laden das globalisierungskritische Netzwerk Attac und die politischen Stiftungen von IG Metall, DIE LINKE, SPD und Bündnis 90 / Die Grünen. Inhaltliche Breite ist garantiert. Freundlicherweise übertragen die Veranstalter einige Diskussionen als Livestream über den weltweiten Rechnerverbund namens »das Internet«.

Das Thema Wachstumskritik, erstmals aufkommend in den 1970er-Jahren, ist wieder en vogue. Bücher werden auf den Markt geworfen – wohin auch sonst? Diverse linke und grüne Publikationen, darunter »Neues Deutschland« , die Zeitschrift »Luxemburg« und die »Politische Ökologie« , widmen dem Thema Schwerpunkte. Das Weblog »Lafontaines Linke« präsentiert uns einen gut recherchierten Überblick über die Debatte in Form einer Linksammlung. Und auch dieses Blog mochte die ökosozialen Grenzen des Wachstums durchaus nicht beschweigen: »Versiebzehntausendfachung der Produktion? Da hilft auch keine noch so effiziente Technik: Wirtschaftswachstum schafft Probleme – gerade auf Dauer.«

Ein Aspekt indes kommt aus meiner Sicht bis dato zu kurz: Es wird kein Lösungsansatz erkennbar, der nicht den Odem des Verzichts, wenn nicht gar der Askese verströmt, wenn von »Postwachstumsgesellschaft« und »Schrumpfung« die Rede ist. Allenfalls wird noch betont, wie reichhaltig ein Leben sein könnte, das Konsum durch Sinnstiftung und/oder mehr Zeitreichtum ersetzt.

Doch muss eine Ökonomie des Nicht-immer-mehr tatsächlich Verzicht bedeuten? Nicht unbedingt. Mit Blick auf die schöne bunte Warenwelt lässt sich nämlich nüchtern feststellen: Entgegen anders lautenden Behauptungen führt Marktwirtschaft gar nicht zu einer optimalen Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen.

Vielmehr werden wir überflutet von einem Tsunami aus Schund, Tand und Plunder, aus Ramsch, Murks und Pfusch. Das Telefon, das mit Ablauf der Garantiezeit den Geist aufgibt ; »Selfstorage«-Lager für all den Kram, der in der Wohnung keinen Platz mehr findet ; die hundsmiserablen Arbeitsbedingungen bei der Herstellung all des unnützen Zeugs – ich habe diesen und ähnlichen Phänomenen ein eigenes Weblog gewidmet: Das SPRUSKO-Prinzip (»Deine Jobbeschreibung: [S]chund [pr]oduzieren, [u]m [S]chund zu [ko]nsumieren«).

Derweil der Fernsehsender ARTE die »geplante Obsoleszenz« – also den Einbau von Schwach- und Bruchstellen, das vorzeitige Altern und Kaputtgehen eines Produktes als bewusste Strategie – als »den geheimen Motor unserer Konsumgesellschaft« ausmacht. Im Februar wurde dort der Dokumentarfilm »Kaufen für die Müllhalde« gesendet, hier kann man ihn noch anschauen.

Der Film irrt allerdings in einem wichtigen Punkt: Die Aussage »Reparatur lohnt nicht« entspricht oft schlicht der Wahrheit – weil schon der Kauf des Neu-Schrotts sich nicht lohnte, jedenfalls nicht für den Konsumenten. Des Händlers und des Herstellers Kassen klingeln natürlich dennoch – desto öfter, je schlechter die Ware.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer wettert unterdessen gegen die »Ikearisierung der Lebenswelt« (der Neologismus erinnert nicht umsonst an »Prekarisierung«!): Langlebige Gebrauchsgüter – wie Möbel – seien zu kurzlebigen Modeartikeln geworden. Das lasse »unseren Materialverbrauch und unsere Müllmengen beständig wachsen«. Welzer rechnet vor: »In den USA werden etwa 40 Prozent aller Lebensmittel nur noch gekauft und weggeworfen, in Europa sind es mehr als 20 Prozent.« Sein Resümee: »Das ist Entsorgungswachstum, die bloße Umwandlung von Ressourcen in Dreck.«

Was das mit dem Thema Wachstum zu tun habe? Genau beim oben skizzierten Problem muss die Umgestaltung von Produktion und Konsum ansetzen: Wir brauchen langlebigere, reparatur- und recycling-freundliche Produkte und längere Produktzyklen statt Pseudoinnovationen im Halbjahrestakt. Wenn dann »die Wirtschaft« unter dem Strich schrumpft, wenn das BIP sinkt, dann bedeutet das nicht Wohlstandsverzicht. Sondern den »Verzicht« auf immer mehr des Schlechten, Überflüssigen, Suboptimalen, Unausgereiften, dessen Massen-Produktion Arbeits-, also Lebenszeit en masse verschlingt.

Ob ein solches, nunmehr rationales, wenn auch nicht Askese-orientiertes Wirtschaften mit dem Fortbestehen von Profit-Prinzip und Warenproduktion, kurz: der Marktwirtschaft vereinbar wäre, bliebe zu diskutieren. Ich neige zur Skepsis.

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