Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Hilflos, harmlos, anstellig

Matthias Wedel
Matthias Wedel

Es gibt diverse Möglichkeiten, seinem Leben Sinn einzuhauchen. Man kann sich vornehmen, für die kommunistische Weltrevolution zu streiten. Oder man tritt dem Orden der heiligen Brigittinnen bei. Aber welche junge Frau heißt heute noch Brigitte und ist außerdem bereit, eine Keuschheitsverpflichtung vor der APO-Leitung abzulegen? Und wer weiß noch, was Kommunismus ist? Von 100 Hauptschülern in Oberfranken gaben 19 an, beim Kommunismus handele es sich um ein Verfahren der Kompostierung unter starkem Druck und Hitzeentwicklung, nur 80 kreuzten richtig an, dass Kommunismus ein Zwangssystem zur Einführung von Lebensmittelmarken und Arbeitslagern sei – einer machte keine Angaben.

Nicht Kommunist und nicht Brigitte – bleibt eigentlich nur, Arbeitnehmer oder Arbeitsloser zu werden. Ekelhaft! Oder man geht als Freiwilliger zur Bundeswehr. Kürzlich malte der zuständige Minister die Reize dieser Karriere aus. Sie liegen – wie immer, wenn man töten oder getötet werden soll – im hochmoralischen und idealischen Bereich. Süß und ehrenvoll ist es nämlich, für die demokratische Grundordnung und für unsere Freundin Angela Merkel in Afghanistan ins Mohnfeld zu beißen.

Außerdem ist unsere Heimat mehr oder weniger bedroht. Wahrscheinlich durch Übergriffe aus Tschechien. Schließlich, so der Minister, gibt es jede Menge seltene Erden, die Länder, in denen keine ordentliche Diktatur und keine lupenreine Demokratie herrscht, nur ungern rausrücken. Denen muss humanitär geholfen werden.

Das ist so einfach, dass es auch der dämlichste Freiwillige (und nur um solche kann es sich handeln) verstehen wird. Aber reicht das als Motivation? Nein! Deshalb betont der Minister das hohe Sozialprestige der Freiwilligen. Es ist so hoch wie bei Anwälten, Mitgliedern des FDP-Präsidiums oder Gewinnern eines Superstar-Castings. Das belegt schon die Statistik: Im Unterschied zu frühpensionierten Lehrern, die praktisch keine Chance haben, eine neue Frau unter 30 zu finden, werden Bundeswehrfreiwillige relativ häufig innerhalb von zehn Jahren weggeheiratet (zumeist von Friseurinnen über 50). Wenn nicht, werden ihnen – wie das die Ergo-Versicherung mit eigenen Mitarbeitern in einem Feldversuch ausprobierte – regelmäßig Damen zugeführt, denen sie nach Gebrauch lediglich einen Bundeswehrstempel aufdrücken müssen.

Überall in der Gesellschaft erfahren sie Hilfe. Auf Bahnhöfen sollen Servicekräfte ihnen beim Lesen des Fahrplans beistehen, wenn sie sich mit Dienstgrad und Namen der Einheit melden. Im Straßenverkehr soll auf sie besondere Rücksicht genommen werden. Ist ihr Auto mit »Freiwi. d. Bundesw.« gekennzeichnet, haben sie Vorfahrt. Sie verdienen gutes Geld, das sie nicht für weite Reisen ausgeben müssen, denn sie kommen viel herum in der Welt. Und wenn ihr Freiwilligendienst endet, schulen sie zu Kindergärtnern um. Am Montag erst zeigte das öffentlich-rechtliche Frühstücksfernsehen, welche Grabesstille in einem Kindergarten herrscht, wenn der neue Kindergärtner (Spitzname »Scharfschütze«) Dienst tut. Sein Lieblingskommando: »Kinder, das Essen nicht vergessen!«

Leider gibt es für die freiwilligen Kämpfer noch keinen hübschen Namen. »Legion Condor« ist im Gespräch oder »Die Rommels«. Aber das ist vielleicht historisch zu beziehungsreich.

Da war Ministerin Kristina Schröder schneller. Auch sie brauchte einen Namen für jene jungen Sinnsucher ohne spezielle Talente, aber mit niedrigem Schulabschluss, die bald als freiwillige Sozialdienstleistende durchs Land vagabundieren. Sie hat einen: Bufdis – Bundesfreiwilligendienstleistende! Bufdis – das klingt nach hilflosen, harmlosen und überaus anstelligen Personen, die netterweise überall den Dreck wegmachen, lustige Häubchen tragen und von Speiseresten leben. Sie werden dringend gebraucht. Und sie brennen darauf loszulegen. Denn wie heißt der Slogan für den Freiwilligendienst so schön? Nichts erfüllt mehr, als missbraucht zu werden!

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln