»Es fällt mir schwer, mein Land zu lieben«

Pavel Chodorkowski über die Inhaftierung seines Vaters, einen Fehler und Patriotismus

Michail Chodorkowski war der reichste Mann im neuen Russland der 90er Jahre. Doch der milliardenschwere Emporkömmling beging einen Fehler: Er legte sich mit Präsident Putin an. In zwei Prozessen zu 13 Jahren Haft verurteilt, hat Chodorkowski Muße zum Schreiben gefunden. Seine »Briefe aus dem Gefängnis« sind jetzt auf Deutsch erschienen (Knaus, 288 S., 19,99 €). OLAF NEUMANN traf in Berlin den ältesten Sohn von Russlands derzeit prominentem Häftling, PAVEL CHODORKOWSKI.

ND: Seit der Verhaftung Ihres Vaters leben Sie in New York. Haben Sie Angst, in Russland zu leben?
Chodorkowski: Ich befürchte, in Sippenhaft genommen zu werden. Aber vor allem hat mich mein Vater gebeten, nicht nach Russland zu kommen, solange er im Gefängnis ist. Bereits zwei Monate vor seiner Verhaftung ging ich zum Studieren nach Amerika, im August 2003. Wir hatten in Boston noch eine längere Unterhaltung, bevor mein Vater nach Russland zurückkehrte. Das Risiko der Heimkehr war ihm bewusst.

Hielt Ihr Vater sich wegen seiner Finanzmacht letztlich jedoch für unantastbar?
Nein, das war nicht der Grund. Er fühlte sich persönlich verantwortlich für seinen Partner und Freund Platon Lebedew, der bereits inhaftiert war. Mein Vater glaubte, seine Unschuld jederzeit vor Gericht beweisen zu können.

Wollte Ihr Vater, der auch politische Ambitionen hatte, Putin persönlich herausfordern?
Nein, das glaube ich nicht. Er fühlte sich jedoch verpflichtet, ihn auf bestimmte Missstände aufmerksam zu machen, vor allem die Korruption. Heute kann man sagen, dass es ein Fehler war. Mein Vater hatte nicht erwartet, dass der Präsident das als persönlichen Angriff werten würde.

Laut »Forbes Magazin« war Ihr Vater der reichste Russe mit einem Vermögen von 3,7 Milliarden Euro. Was blieb davon nach der Zerschlagung des Jukos-Konzerns?
Vom privaten Vermögen meines Vaters ist noch so viel übrig, dass es für seine Anwälte und seine Familie reicht, die in Russland lebt. Der Titel »Reichster Mann Russlands« bezog sich auf seine Anteile bei Jukos. Das wurde ihm jedoch alles weggenommen.

Hat die Haft ihn verändert?
Seine Prioritäten haben sich verschoben. Er hat inzwischen kein Interesse mehr, in der Wirtschaft ganz oben mitzuspielen. Erst im Gefängnis hat er die Muße finden können, sich intellektueller Arbeit zu widmen. Vorher war er in seiner Stiftung »Offenes Russland« aktiv hinsichtlich der Entwicklung der Zivilgesellschaft und bei Bildungsprogrammen. Die Stiftung wurde leider 2006 zerschlagen, alle ihre Konten wurden eingefroren.

Bei der Buchpremiere in Berlin hieß es, der Druck von außen habe Ihrem Vater das Leben gerettet.
Das ist richtig. Im sibirischen Straflager Krasnokamensk wurde er von einem Mitgefangenen mit dem Messer attackiert. Das war eher eine Provokation als ein Mordversuch. Dieser Häftling namens Alexander Kutchma ist inzwischen wieder auf freiem Fuß und hat in Interviews zugegeben, dass er von der Gefängnisleitung verleitet wurde, meinen Vater zu attackieren. Als Belohnung sollte er bessere Haftbedingungen bekommen.

Zynisch gefragt: Ist Ihr Vater im Gefängnis vielleicht sicherer als in Freiheit?
Wenn mein Vater heute entlassen werden würde, würde ich darauf bestehen, dass er sofort das Land verlässt.

Wird das Buch Ihres Vaters in Russland gelesen?
Ja, und es hat sich ziemlich gut verkauft. Ich hatte zuerst die Befürchtung, dass es boykottiert würde, aber glücklicherweise kann man es überall kaufen. Ich vermute, dass Putin das Buch nicht als unmittelbare Bedrohung für sich betrachtet.

Wie denken die Russen über die Verurteilung Ihres Vaters?
Auch wenn es absurd klingt: Wir sind dankbar für die lächerlichen Anklagepunkte im zweiten Prozess. Viele Russen hatten vorher Zweifel, ob mein Vater wirklich unschuldig ist. Anfangs hielten 50 Prozent der Russen das Urteil für gerecht, heute sind es nur noch 15 Prozent.

Ihre Schwester Anastasia Chodorkowskaja ist Reporterin der unabhängigen Zeitung »Nowaja Gaseta«, berühmt für ihren investigativen Journalisus. Acht Journalisten dieser Zeitung wurden seit Mai 2000 schwer verletzt oder gar umgebracht.
Meine Schwester ist Studentin. Nebenher schreibt sie über regionale politische Themen. Über unseren Vater sollte sie lieber nicht schreiben. Sie lebt ihr normales Leben unbeirrt weiter, ohne Bodyguard. Ich mache mir Sorgen um sie. Ich wünschte, sie würde an einer Universität weit weg von Moskau studieren. Aber sie ist erwachsen und sehr patriotisch. Als ich 18 war, war ich ebenso patriotisch. Das hat sich geändert, seit mein Vater verurteilt wurde. Da fällt es mir schwer, mein Land zu lieben.

Ihr Vater schreibt von seiner ungebrochenen Vaterlandsliebe.
Bei diesem Thema sind wir unterschiedlicher Meinung. Irgendwie hat er es geschafft, sich seinen Patriotismus zu bewahren. Er macht nicht ganz Russland für sein Schicksal verantwortlich. Das ist sehr edel. Ich selbst kann aber kein Land lieben, das unsere Familie zerstört.

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