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Siebzig Kilo Fisch im Netz

Unterwegs mit einem Berufsfischer auf dem Rhein. Der Fluss galt lange Jahre als Kloake Europas

  • Von Marc Strehler, dpa
  • Lesedauer: 6 Min.
Fische aus dem Rhein: Vor drei Jahrzehnten hätte das noch kein Restaurant auf die Karte gesetzt. Heute können Rheinfischer wieder von ihrer Arbeit leben. Leicht ist der Job nicht.

Waldsee. Am Ufer watschelt ein Gänsepaar mit Nachwuchs, hin und wieder ist aus dem Wald das Keckern eines Vogels zu hören. Ansonsten: Stille. Nichts als Stille. Bis der Motor eines Transporters näherkommt. Franz Schwab biegt mit seinem Fahrzeug in einen kleinen Weg ein, der direkt ans Ufer des Altrheins führt. Auf dem Anhänger hat er ein Aluminiumboot mit Motor. Seine Mission: Fische fangen. Und zwar möglichst viele. Denn er lebt davon.

Der 53-Jährige ist Berufsfischer an einem Fluss, der lange als Kloake Europas galt: dem Rhein. Mehrmals die Woche ist Schwab auf dem Fluss selbst und seinen Nebenarmen mit dem Boot unterwegs. Ein rheinland-pfälzischer Abschnitt südlich der Chemiestadt Ludwigshafen ist sein Revier. Die Fische verkauft er und kann auch einigermaßen davon leben. »Reichtümer gibt es nicht zu verdienen«, sagt Schwab.

Das Wasser ist zu klar

In seinem Boot hat er ein Dutzend Körbe verteilt und es sieht aus, als würde er heute mit einem großen Fang rechnen. Denkt zumindest der Laie. Wie sich herausstellt, sind die Körbe für die Netze, die Schwab aus dem Wasser zieht und später zum Flicken mit nach Hause nimmt. Für die Fische hat er einen einzigen schwarzen Bottich dabei. »55 Kilo Fisch passen da rein, wenn er eben voll ist.« Er wird an diesem Tag nicht ausreichen.

Als Schwab kurz nach 7 Uhr den Motor seines Bootes anwirft, ist es mit der Ruhe endgültig vorbei. Mit Schwabs Sohn Robert am Steuer tuckert das Boot los. Der Altrhein bei Waldsee, südlich von Ludwigshafen, liegt an diesem Morgen vollkommen glatt da. Schwab glaubt nicht, dass er heute viel fangen wird. »Das Wasser ist zu niedrig und zu klar.« Da könnten Hecht, Zander und Co. womöglich die Maschen des Netzes erkennen und rechtzeitig einen Bogen darum machen. Schwab hat lieber Hochwasser, da fängt er in der Regel mehr.

Die Stellnetze hat er am Vorabend ausgebracht. Im Abstand von einigen hundert Metern hat er sie ins Wasser gelassen. Ein in der Nähe des Ufers in den Grund gerammter Stock markiert den Standort der Netze. Wenn das Boot das Netz erreicht hat, schaltet Schwab Junior den Motor aus. Sein Vater zieht dann den Stock aus dem Wasser und wirft ihn ins Boot. Anschließend holt er mit den Händen Zug um Zug das Netz ins Boot. Und alle paar Meter zappelt ein stattlicher Fisch darin.

Weißfische, getrocknet

Ein großer Teil des Fangs sind Brachsen und andere Weißfische. Also Fische mit vielen Gräten, die kulinarisch nicht besonders begehrt sind. Etwa einen Euro kriegt Schwab hier für das Kilo. Seine Hauptabnehmer für diese Fische seien Spätaussiedler aus den früheren Sowjetstaaten, erzählt er. Die trocknen die Fische erst mal. Und essen sie dann später. Deutlich mehr in die Kasse bringen Schwab die edleren Fischarten: An diesem Morgen hievt er ein halbes Dutzend Zander aus dem Wasser und einige Welse. Für ein Kilo Zander bekommt er sieben Euro. Meist verkauft er den Fang eines Morgens an eine einzige Gaststätte. Seine Abnehmer bedient er abwechselnd.

Ein Lachs ist diesmal nicht dabei, aber im vergangenen Jahr hatten sich zwei Exemplare in Schwabs Netz verfangen. Andere Fischarten, die im Rhein lange Zeit nicht mehr zu finden waren, sind ebenfalls wieder dorthin zurückgekehrt. Die Wasserqualität des Flusses hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Schwab nennt als Beispiel den ganz in der Nähe gelegenen Stammsitz des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen. »Früher gab es alle 50 Meter ein Rohr. Dort lief gelbe Brühe in den Fluss, da blaue ...« Heute hat die BASF eine eigene Kläranlage und leitet deutlich sauberere Abwässer in den Fluss.

In den 70er Jahren, als der Rhein eher einer Kloake als einem lebenswerten Gewässer glich, gab es gerade noch etwas mehr als 20 Fischarten in dem Strom, erzählt Thomas Oswald. Er arbeitet als Fischereireferent für die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd in Neustadt an der Weinstraße. Die Behörde vergibt unter anderem die Fischereirechte auf diesem Flussabschnitt an Pächter.

Warnung des Ministeriums

»In den letzten 20 Jahren sind fast alle Arten, die verschwunden waren, wieder zurückgekehrt«, sagt Oswald. Mehr als 60 Arten werden nun wieder im Fluss nachgewiesen. »Wir haben aber noch nicht die Populationsdichte, wie es ganz früher war«, sagt Oswald. Arten wie der Lachs etwa haben das Comeback auch nicht aus eigener Kraft geschafft. Der Mensch hat nachgeholfen.

Trotz gestiegener Wasserqualität gibt es für die Rheinfische – wie für die Fische aus anderen Flüssen auch – Verzehrempfehlungen. Vor allem Fische mit fettreichem Fleisch sind nämlich unter anderem mit dem giftigen Stoff PCB belastet, den der Mensch nur in begrenzten Dosen aufnehmen sollte.

Einem Merkblatt des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums zufolge sollte man aus dem Rhein maximal eine Portion Weißfisch à 200 Gramm im Monat essen. Besonders hoch sind die Werte an bedenklichen Stoffen im fettreichen Fleisch des Aals. Vom Verzehr der Aale wird deshalb derzeit prinzipiell abgeraten.

Allerdings wird das Merkblatt derzeit überarbeitet, weil es neuere Erkenntnisse gibt, wie es im Mainzer Ministerium heißt. So hat man inzwischen festgestellt, dass die Aale, die in den Seitenarmen des Flusses leben, deutlich weniger belastet sind. Tendenziell könnten die Einschränkungen weiter gelockert werden, heißt es. Franz Schwab isst am liebsten Wels. Ihm liegt die Fischerei quasi in den Genen. Auch sein Vater war Fischer. Schwab selbst macht den Job seit 30 Jahren, seit 2005 als Haupterwerb. Nach dem Fischen steht täglich noch etwa eine Stunde Netze-flicken auf dem Programm. Der Job macht ihm Spaß. Aber: »Ohne die Angler würde er noch einmal so viel Spaß machen.«

Manche Angler räumen Schwab bei Nacht und Nebel die Netze aus, andere machen sie kaputt. Er ist froh, dass die Wasserschutzpolizei ab und zu vorbeikommt und nach dem Rechten sieht. Außerdem ist natürlich immer er als Berufsfischer schuld, wenn der Hobbyangler nichts fängt. Weil er angeblich alles wegfischt. Dabei sei es umgekehrt, sagt Schwab. In befischten Gewässern gebe es erwiesenermaßen sogar mehr Fische. Weil die Berufsfischer die großen Fische holten, die sonst alle andere Fische fressen würden.

Es gibt auch Angler, die Schwab mag. Einen älteren Herren, der gerade sein Boot bereit macht, grüßt Schwab vom Wasser aus und zeigt ihm einen Fisch. Der Mann komme jeden Tag hierher zum Angeln, erzählt der Fischer. Nicht, um etwas zu fangen, sondern wegen der Natur. Der grauhaarige Angler grüßt freundlich zurück.

Ein Blesshuhn im Magen

An diesem Morgen sind es etwa 70 Kilogramm Fisch, die in Schwabs Boot landen. Ein überdurchschnittlicher Fang für solch einen Tag. »Dabei wollte ich heute gar nicht rausfahren«, sagt er. 50 bis 100 Kilogramm zieht er in der Regel aus dem Fluss, zu Spitzenzeiten kann es auch mehr werden. Nach zweieinhalb Stunden legt das Boot wieder am Ufer an.

An diesem Morgen bringt der größte Fisch etwa acht Kilo auf die Waage. Es ist ein Wels, »eine reine Fressmaschine«, wie Schwab über die Fischart sagt. Schwabs Rekordfang war sogar etwas größer als er selbst: Fast zwei Meter maß der kapitale Wels, 55 Kilo brachte er auf die Waage. Und das sei kein Fischer-Latein, beteuert Schwab. Dass Welse fast alles fressen, was ihnen in den Weg kommt, kann er bezeugen. Bei einem stattlichen Exemplar fand er mal ein komplettes Blesshuhn im Magen.

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