Langsamer Abschied von »Iswestija«

Traditionszeitung geht auf den Boulevard

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Schon der Umzug aus dem eigens für die »Iswestija« erbauten Gebäude am Moskauer Puschkinplatz in den Nordwesten der Stadt war hart für die Macher der traditionsreichen russischen Qualitätszeitung. Noch härter treffen sie die Änderungen, die der »Iswestija« von ihren neuen Eigentümern verordnet werden.

Rund 200 Mitarbeiter der einstigen Stimme der Revolution sehen sich vor einer ungewissen Zukunft. Die neuen Eigentümer haben nur 38 übernommen, vor allem technisches Personal, Korrektoren und Schlussredakteure. Offiziell werden finanzielle Gründe dafür vorgebracht. Denn die »Iswestija« (eigentlich ein Pluralwort: »Nachrichten«) ist wie alle Qualitätszeitungen für die Verleger ein Verlustgeschäft. Die verkaufte Auflage beträgt derzeit knapp 130 000 Exemplare, einst waren es mehrere Millionen.

Der »Umorganisation« soll den Abwärtstrend stoppen. Medienexperte Rustam Arifdschanow, früher Vizechefredakteur, nennt das, was derzeit bei der »Iswestija« abläuft, hingegen ein beredtes Beispiel für die Degradierung russischer Druckmedien. Wsewolod Bogdanow, Vorsitzender des russischen Journalistenverbandes, sieht das ähnlich und gab seiner Sorge um das Traditionsblatt in einem Interview für die Nachrichtenagentur RIA Nowosti Ausdruck: »Gott verhüte, dass die letzte Bastion von seriösem Journalismus in Russland geschliffen wird.« Die Ängste sind durchaus begründet.

1917 als Mitteilungsblatt der Petrograder Arbeiter- und Soldatenräte gegründet und später amtliches Regierungs- und Parlamentsorgan in gewisser Konkurrenz zum Parteiorgan »Prawda«, wurde die »Iswestija« nach dem Ende der Sowjetunion 1991 zu 49 Prozent von einer Aktiengesellschaft übernommen, die von der Redaktion gegründet worden war. 50,2 Prozent dagegen hielten Konzerne wie Lukoil, Gazprom und die Oneximbank. Ihre Versuche, aus der »Iswestija« eine Wirtschaftszeitung zu machen, scheiterten. Die Konkurrenz hatte die Marktlücke früher entdeckt und die besseren Autoren.

Im Frühjahr 2008 wurde die Nationale Mediengruppe Hauptaktionär. Sie gehört dem Petersburger Bankier Juri Kowaltschuk, einem Freund Wladimir Putins. Kowaltschuk sorgte dafür, dass die »Iswestija«, die zu den Reformen der frühen Jelzin-Ära kritische Distanz gewahrt hatte, zur »Wandzeitung« für die Regierungspartei »Einiges Russland« wurde, wie es eine Medienexpertin formulierte.

Die besser verdienende apolitische Spaßgeneration lockt man damit jedoch nicht an die Wahlurnen. Sie soll durch die »Umorganisation« gewonnen werden. Im harten Konkurrenzkampf mit Blogs und sozialen Netzwerken setzt der neue Verleger Aram Gabreljanow vorrangig auf die Online-Ausgabe, die seit Dienstag in neuer Gestalt daherkommt. Auch die Inhalte sollen sich wandeln: Statt politischer und ökonomischer Analysen sollen schnell verfasste Glamourtexte und detailverliebte Berichte zu Gewaltverbrechen das Primat haben. Die Druckausgabe am kommenden Tag gilt nur noch als »Ergänzung«. Und für dieses Konzept seien die meisten der bisherigen Mitarbeiter nicht brauchbar, verriet Chefredakteur Alexander Maljutin ungeniert.

Ein ähnliches Schicksal hat bereits die »Neue Iswestija« (Nowyje Iswestija) erlitten. Unzufriedene Journalisten hatten sie 1997 gegründet, mussten jedoch mangels Geld ihren hehren Anspruch auf Qualitätsjournalismus bald aufgeben und frönen inzwischen dem »Mainstream«. Auch dieses Wort gibt es im Russischen inzwischen.

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