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LINKE will die Gemeinschaftsschule

Kritik an der Art und Weise, wie Bildungsministerin Münch die Inklusion durchsetzen wollte

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

Das pädagogische Prinzip der Inklusion ist nach Auffassung der Linkspartei mit erheblichem Widerstand in der Gesellschaft konfrontiert. Wie die Landtagsabgeordnete Gerrit Große gestern sagte, ist eine Durchsetzung des gemeinsamen Lernens von behinderten und nicht behinderten Kindern mit der vorhandenen Lehrerschaft »weder qualitativ noch quantitativ möglich«. Außerdem müsse ein Bauprogramm des Bundes diese Wende in der Schulpolitik unterstützen.

Vor einigen Wochen verkündete Bildungsministerin Martina Münch (SPD) den Plan, die Förderschulen mittelfristig zu schließen, um dem von der UNO geforderten Ziel der Inklusion Rechnung zu tragen.

Große zeigte sich skeptisch, was das angegebene Zieldatum 2019 betrifft. Es gehe nicht vordergründig um die Schließung von Schulen, sondern darum, optimale Bedingungen für das gemeinsame Lernen zu schaffen. »Die eine oder andere Förderschule werden wir über dieses Jahr hinweg wohl noch brauchen.« Die Bildungsexpertin gestand ein, dass bei den sechs Regionalkonferenzen zur inklusiven Schule vor allem Kommunalpolitiker mit »harscher Kritik« an den Plänen nicht sparten. Energische Ablehnung sei auch vom Landesschülerrat geäußert worden, in den allerdings nur Gymnasien Vertreter entsenden.

Die Politikerin forderte, die Debatte dennoch »unaufgeregt und ohne Zeitdruck« fortzusetzen und die Ziele des gemeinsamen Lernens auch auf Kindertagesstätten und weiterführende Schulen auszudehnen. Die Arbeit mit behinderten oder lernschwachen Schülern dürfe man den Oberschulen nicht allein aufbürden. Mit 28 oder 30 Kindern in einer Klasse sei Inklusion nicht möglich.

Vor allem viele Lehrer müssten ihre Haltung ändern, meinte Große. Sie räumte ein, dass es unter den Pädagogen »Ängste und Sorgen« gebe und dass die Meinung herrsche, die Inklusion könne nicht funktionieren. Erforderlich für ein Gelingen seien jedoch zuversichtliche und optimistische Lehrer, die eine Willkommenshaltung gegenüber schwierigen Kindern zeigen und nicht denken: »Du passt nicht hier her, dich schicke ich weg.«

Große erklärte, dass Berlin die zugesagte Ausbildung für brandenburgische Sonderschullehrer nicht durchführen werde, weil es diese Lehrer selbst benötige. Daher sei umgehend eine Ausbildung in brandenburgischen Einrichtungen sicherzustellen.

Bis zum Schuljahr 2014/15 müsse das Land etwa 3100 Lehrer ersetzen, sagte die Politikerin. Zirka 1500 Pädagogen gehen in Altersteilzeit. Durch Fluktuation verlassen rund 1000 Lehrer das Land. Von den 18 500 Lehrern in Brandenburg seien rund 600 dauerkrank, mit ihnen könne also auch nicht geplant werden. Es bestehe demnächst ein »riesiger Einstellungsbedarf«. Doch habe das Land nur knapp 700 Referendare im Vorbereitungsdienst. Das für 2012 formulierte Einsparziel von 27 Millionen Euro für den Schulbereich müsse vor diesem Hintergrund überdacht werden.

In Brandenburg gelten Große zufolge 336 Kinder als nicht schulfähig. Sie werden in »private Verweigererprojekte gedrückt«, wo ihnen alles Mögliche geboten werde, aber keine Schulbildung. Inklusion bedeute auch, Kindern, »die völlig ausgetickt sind«, wieder ein staatliches Angebot zu unterbreiten.

Aufgrund des demografischen Echos ist ab 2019 mit noch einmal erheblich sinkenden Schülerzahlen zu rechnen. Als Antwort darauf bietet die LINKE ihr Modell der Gemeinschaftsschule an. Danach würden alle Kinder gemeinsam lernen. Es bliebe den Schülern vorbehalten, ob sie das Abitur nach 12, 13 oder auch 14 Jahren erwerben.

Bildungsministerin Münch habe die Sache falsch angefangen und so für Verunsicherung gesorgt, glaubt der Landtagsabgeordnete Jürgen Maresch, der in der Linksfraktion für die Behindertenpolitik zuständig ist. Man müsse nicht über die Betroffenen reden, sondern mit ihnen. Immerhin habe er aber den Eindruck gewonnen, erzählte Maresch, »dass die Ministerin inzwischen verstanden hat, dass es so, wie bisher mit dem Thema umgegangen wurde, nicht geht«. Maresch findet die Erkenntnis richtig, dass die Inklusion Geld kosten wird. Wenn die Inklusion nicht von oben herab angewiesen wird, sondern mit allen zusammen etwas erreicht werden soll, dann werde er Bildungsministerin Münch unterstützen, kündigte Maresch an.

»Die SPD-Bildungsministerin sollte die Ratschläge ihres Koalitionspartners Ernst nehmen«, fand die Landtagsabgeordnete Marie Luise von Halem (Grüne). Martina Münchs Ziel, das Bildungssystem umzubauen, sei gut und genieße die volle Unterstützung der Grünen. »Das Problem besteht darin, wie sie diese Reform umzusetzen gedenkt.« Überstürzt einen Schließungstermin für die Sonderschulen bekannt zu geben, reiche nicht aus.

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