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Der Seele Grund

Heidrun Hegewald: Worte und Bilder

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 3 Min.

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Dass die Malerin Heidrun Hegewald auch schreibt, ist seit langem bekannt. Eine starke Affinität zur Literatur wird nicht zuletzt aus ihren zahlreichen Arbeiten zu Büchern der Dichter sichtbar. Nun sammelt der Band »Ich bin, was mir geschieht« Texte aus den letzten 20 Jahren, Notate, Tagebuchblätter, Reden. Und wir begegnen einer nachdenklichen, intuitiven, manchmal ganz expressiven Prosa. Einer Ausdrucksweise, die aufhorchen lässt, die keinerlei Beliebigkeit zulässt. Die in ihren besten Beispielen auf den Grund der Seele sehen lässt, so in den Tagebuchseiten 2008/ 2010 von ihrem kleinen Nebenwohnsitz in Wustrow auf dem Darß. Spät erst, im Alter, gönnt sie sich diese Erfüllung eines frühen Traums – den sie sich finanziell kaum leisten kann. Und muss auf einmal registrieren, dass man sieht, wie sie hier einmal etwas ganz allein für sich beansprucht. Darf sie das? Ja und ja, kann es nur heißen. Ihr, der Malerin, öffnen sich am Meer alle Sinne, Augen und Ohren, Herz und Hände. »Zu viel Schönheit ist wie ein Aufprall, bevor die Seele sich öffnet.« Was Heidrun Hegewald aber in ihren Reden zu Ausstellungen von Kollegen (etwa von Marguerite Blume-Cárdenas und Günter Blendinger oder der angolanischen Malerin Manuela Sambo) sagt, widerlegt jede Art von Egoismus. Da zeigt sie rückhaltlos respektvolle Anerkennung und unverhohlenen Genuss. Schön auch die Erfahrungen der Griechenland-Reise mit ihrer Freundin Gina Pietsch. Genaues Beobachten ist ihr Lebenselixier.

Die dem Band beigegebenen grafischen Arbeiten Heidrun Hegewalds verstehen sich nicht als Illustrationen, laden aber dazu ein, sich vom Text zum Bild, vom Bild zum Text zu bewegen und die geistige Welt dieser Künstlerin zu entdecken. »Darß, Mond-Nacht«, das »Pina-Bausch-Zitat« oder ein Blatt zu Bruno Apitz' »Esther« geben so Einblick in ganz verschiedene Bereiche von Heidrun Hegewalds Welt-Ansichten. Man kann in ihren Bildern lesen, wie man ihre Texte betrachten kann – immer führen sie mitten hinein in die Denkgebäude einer seit fünf Jahrzehnten produktiven Künstlerin, die zu den bedeutendsten zeitgenössischen Malern gehört. Die ihre innere Verankerung in der DDR auch heute nicht leugnet. Geboren 1936, aufgewachsen in Meißen und Dresden, gehört sie zur Generation der Kriegskinder und hat sich eine lebenslange Sensibilität für die Grausamkeit bewahrt, die in jeglicher Gewalt von Menschen gegen Menschen liegt. Dünnhäutig ist sie geblieben. Das Dunkle und Dramatische ihrer Bildsprache erklärt sich auch daraus. Ihr Betroffensein von dem, was die Welt umwirbelt und oft genug zu zerreißen droht, findet sie in dem Gedanken des französischen Aufklärers Pierre de Marivaux wieder: »Ich bin, was mir geschieht, denn ich bin ja derjenige, dem es geschieht.« Sie ist diejenige, immer wieder.

Die Kunst, von der man heute kaum leben kann, nennt sie sarkastisch »Geistig-ästhetischer Tand mit Anleitung für die Verfeinerung und Sinngebung von Leben«. Produkte, die sich so schwer verkaufen lassen. Ein Armutszeugnis unserer Gegenwartsgesellschaft. Deshalb versteht auch sie sich als eine Aufklärerin, noch immer. Sie hat die Kraft dazu.

Heidrun Hegewald: Ich bin, was mir geschieht. Neues Leben. 160 S. m. zahlr. Abb., geb., 9,95 €.

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