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... in Santiago lockert Salsa die Muskeln

Auf den Spuren von Fidel Castro und Che Guevara per Velo durch Sierra Maestra im Osten Kubas

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Vom Balkon des Rathauses von Santiago de Cuba verkündete Fidel Castro am 1. Januar 1959 den Sieg der Revolution
Vom Balkon des Rathauses von Santiago de Cuba verkündete Fidel Castro am 1. Januar 1959 den Sieg der Revolution

»Sieh mal«, sagt Miguel, der Obstbauer verdutzt, »diese turistas strampeln hier völlig freiwillig in der Hitze.« Er zeigt auf eine deutsche Radgruppe, die mit rasselnden Gangschaltungen, verschwitzter Haut, teils blauen Flecken am Schienbein und geröteten Nasen an ihnen vorbei ächzt. »Wirklich seltsam«, murmelt auch sein Freund Maikel. Zwei weitere Männer, Jorge und Eduardo, nicken lächelnd. Dann wenden sie sich wieder Wichtigerem zu, dem Domino-Spiel.

Domino ist eine Art Nationalsport auf Kuba.
Domino ist eine Art Nationalsport auf Kuba.

Ein feuchtheißer Tag im Südosten Kubas. Die vier Bauern sitzen am Rand einer steinigen Straße zwischen den Kleinstädten Pilon und Chivirico. Mit freiem Oberkörper und oftmals einer Zigarre im Mundwinkel warten sie neben ihrer türkisfarbenen Verkaufshütte auf Käufer für ihre Bananen, Mandarinen oder Orangen. Die Straße ist seit den Tropenstürmen der letzten Monate offiziell gesperrt. Sie wissen: Wer hier trotzdem entlang muss, kommt per Rad oder per pedes. Das bietet viel Zeit fürs kubanische Nationalspiel. Nur das schnappende Atmen ehrgeiziger Radbesessener lässt sie aufhorchen. Wenn die Inselbewohner den Drahtesel nutzen, dann tun sie das meistens nur, um einzukaufen. Oder um ihr Kind zu einem Fest zu fahren. Oder, oder … Niemals würden sie einfach nur so durch die Gegend radeln. Zu viel Aufwand. Doch an den Anblick solcher Radtouristen werden sie sich noch gewöhnen. Denn gerade für Mountainbiker werden Rundreisen auf den fast autofreien Straßen Ost-Kubas immer interessanter. Und wenn die Kubaner sogar an ihnen verdienen können, ist das auch nicht schlecht.

Eine sechsköpfige Rad- und Wandergruppe aus Chemnitz trifft im Bergdorf Santo Domingo, am Fuße des 17 000 Hektar großen Nationalparks Turquino ein. Guide Riccardo, der hier aufgewachsen ist, bringt seine Gäste in drei Gehstunden zum ehemaligen Hauptquartier Fidel Castros, zur »Comandancia de la Plata«. Den mitunter erstaunt blickenden Besuchern erzählt er von der geschichtlichen Besonderheit dieser Berge: »Die Sierra Maestra hat mit ihrer landschaftlichen Schönheit schon den Máximo Líder beeindruckt. Später wurde sie zum Grundstein seiner Karriere als Rebell.« »Davon habe ich noch nie gehört«, sagt Ulrich, mit knapp 18 Jahren der Jüngste in der Gruppe. Riccardo winkt ihm zu und zeigt auf ein paar unscheinbar wirkende Palmhütten. »Hier versteckte sich Fidel fast zwei Jahre mit Che Guevara, seinem Bruder Raul und einigen Companeros vor den Truppen des Fulgencio Batista, eines von der US-Regierung gestützten Diktators und Freundes der Mafiabosse um Meyer Lansky. Hier hatten sie eine Krankenstation, eine Küche und die Radiostation ›Rebelde‹ aufgebaut, hier formulierten sie einige Eckpfeiler des karibischen Sozialismus. Unter anderem ein für Lateinamerika beispielloses Bildungs- und Gesundheitssystem.«

Auf den Spuren von Che und Fidel sehen die Rad- und Wanderfans die Königspalme, den Baum der Nation. »Sie kann 150 Jahre alt werden«, erzählt Riccardo. Und Palmen gibt es viele: »Auf ganz Kuba 77 Millionen.« Kaffee- und Bananenplantagen wechseln sich im Parque Turquino ab mit Zitrus-, Mango- und Guaven-Bäumen. Das Zirpen, Krächzen, Pfeifen ungewohnter Vogelstimmen vermischt sich mit dem Gebell wilder Hunde in der Ferne. Nach drei schweißtreibenden Rad- und Wandertagen durch Zedern-, Eukalyptus- und Mahagoniwälder, entlang an Flüssen, Orchideen und Wasserfällen, erklimmen sie den Pico, mit 1974 Metern über dem Meeresspiegel Kubas höchster Berg. »Das hat sich gelohnt«, sagt Ulrich zufrieden und blickt auf die ausladend grüne Gebirgskette der Sierra Maestra und das karibische Meer.

Nur die Hälfte der Gruppe hat jetzt noch Energie für einen weiteren fünf- bis sechsstündigen Marathon Richtung Nordosten. Auf dem Weg zum Bergdorf El Salton begegnen ihr öfters Kaffeebauern. Mit einem Jutesack auf der Schulter laufen die freundlich grüßenden Pächter in Richtung Stadt, nach Contramaestre. Dort verkaufen sie ihre Ernte, die rot-grünen Bohnen, an den Staat. Die Touristen bleiben hingegen in El Salton, wandern an den einfachen Holzhäusern der Bauern vorbei, an frei laufenden Hühnern, Schweinen und Enten, bis sie einen etwa 15 Meter hohen Wasserfall erreichen. Ein Bad im kleinen See unter den Kaskaden ist nun die richtige Belohnung.

Während Riccardos Gäste baden, setzt er sich auf einen Stein, mitten im Flussbett, das den Wasserfall umrahmt. Die müden Füße im glucksenden Wasser, blickt er in den tiefblauen Himmel, in der Hand eine Büchse »Bucanero«, das lokale Bier. Für den Naturführer steht fest: Kubas wilder Osten bietet Entspannung für Augen, Ohren, die Seele und den Körper. Im Hintergrund hört er Lachen und Sprünge ins Wasser, die sich mit bizarren Vogelstimmen verquicken. Auf Riccardos Schuh ruht ein brauner Schwalbenschwanz-Schmetterling. Äste aus dem Mangrovendickicht ragen bis an den Flusslauf. Ein einheimischer Vogel, der Kuba-Todi mit leuchtend grünem Rücken, sitzt auf einer Baumkrone, am Himmel kreisen mehrere Wanderfalken. Riccardo bringt seinen triefnassen Gästen viel über einheimische Tier- und Pflanzenarten bei: »Von Kubas mehr als 300 Vogelarten sind etwa 70 endemisch. Dazu zählen der Hummel-Kolibri mit dem Spitznamen Zunzuncito und der Nationalvogel Tocororo«, sagt er. »Der hat rote, blaue und weiße Federn – wie die Farben der kubanischen Flagge.« Er erzählt auch vom stachligen Schwiegermutterbaum und von den kleinsten Tieren der Welt, die auf Kuba leben. »Zum Beispiel der daumennagelgroße Frosch oder die Schmetterlingsfledermaus.«

Riccardo bietet den Gästen einen Ausritt an. Sein Freund Carlos hat sich mit geführten Reittouren vor Kurzem selbstständig gemacht. Seit den jüngsten Reformen im sozialistischen Inselstaat darf er das. In 178 Berufen können Kubaner nun als eigener Chef arbeiten – als Friseur, Pizzabäcker, Elektriker oder Souvenirverkäufer. Kleinbauern können Ackerland vom Staat pachten und vereinzelt sogar Mitarbeiter anstellen.

Wichtiger als die neue Einnahmequelle findet es Carlos aber, dass sich Touristen auf seinen Pferden wohl fühlen. Sogar Anfänger besänftigt er: »Ich habe vier Pferde, reite seit 50 Jahren und habe jede Menge Geduld. Erst recht mein Pferd! Mein Sohn ist mit einem zweiten Pferd immer dabei.« Und versichert: »Wer mit mir reitet, erlebt die Sierra Maestra hautnah. Ich kenne jeden Winkel hier. Nach einem Tagesausritt sind viele Gäste deutlich entspannter, die beruflich unter Stress stehen«.

Diejenigen Touristen, die es vom Pferderücken oder Drahteselsattel über die Gebirgszüge der Sierra Maestra bis nach Santiago, der heimlichen Hauptstadt Kubas, geschafft haben, werden von afro-kubanischen Rhythmen begrüßt. Aus Kneipen und offenen Fenstern Santiagos strömt der Son wie ein magischer Schwall in die Füße hinein. Hier vermischten sich vor rund 500 Jahren erstmals die Trommelrhythmen westafrikanischer Sklaven mit der Gitarrenmusik ihrer spanischen Kolonialherren. Und machten Santiago so zur »Wiege des Son« oder zum kulturellen Zentrum Kubas, wie viele sagen.

Die Stadt, in der 1959 Fidel Castro den Sieg der kubanischen Revolution verkündete, beherbergt heute überdurchschnittlich viele Salsakonzerthäuser. Zu den schönsten gehört das »Casa de la Tradicion«. Alt und Jung tanzen hier mit leidenschaftlicher Freude zu Salsa, Son und Rumba bis tief in die Nacht hinein. Am Stuhl kleben bleiben gilt nicht, das bringen einem die höflichen Einheimischen schnell bei, so dass man am Ende einer durchtanzten Nacht nur schnaufend sagen kann »no puedo mas« – ich kann nicht mehr.

Binnen weniger Tage hatten die radfahrenden Touristen sich in hüftschwingende Tänzer verwandelt und so ihre verkrampften Muskeln wunderbar gelockert.


  • Kubanisches Fremdenverkehrsamt, Kaiserstraße 8, 60311 Frankfurt am Main, Tel.: (069) 28 83 22, Fax: (069) 29 66 64, E-Mail: info@cubainfo.de www.cubainfo.de
  • Zu den Spezialveranstaltern für Rad- und Mountainbike-Reisen gehört u.a. »avenTOURa«, www.aventoura.de. Der Anbieter begleitet die Touren mit einem Fahrzeug, stellt Räder, Werkzeug, Ersatzteile und abends warmes Essen bereit. Die Tagesetappen betragen je nach Topografie zwischen 50 und 90 Kilometer. Weitere Anbieter sind Neckermann Reisen, Wikinger-Reisen und Cuba Star Travel.

    Literaturtipps:
    • Wolfgang Ziegler: Cuba, Michael Müller Verlag, 22,90 Euro, ISBN-10: 3899535316;
    • Biken in Kuba, Reise Know-How Verlag, (nur noch gebraucht zu bekommen über www.amazon.de)

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