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Eindimensionales Universum

MEDIENgedanken: Krise in Griechenland und die Arroganz der »Bild«-Zeitung

Wer an das Flaggschiff des Axel-Springer-Verlages denkt, dem fallen mit Sicherheit viele Aspekte ein. Das halbnackte junge Fräulein, welches sich tagtäglich auf der Titelseite der »Bild«-Zeitung räkelt. Eine Sportredaktion, welche aus kaum nachvollziehbaren Gründen nach Ansicht von Millionen, vorzugsweise männlicher Hobbyfußballtrainer, zu den Besten der schreibenden Zunft gehört.

Zu den Top-Leuten im Bereich Wirtschaft gehören seit Kurzem auch die beiden »Bild«Journalisten Nikolaus Blome und Paul Ronzheimer – zumindest wenn es nach der Jury des »Herbert Quandt Medien-Preises« geht. Blome und Ronzheimer wurden für ihre fünfteilige Serie »Geheimakte Griechenland« ausgezeichnet. Laut Aussage der Johanna-Quandt-Stiftung erhalten Journalisten diese Auszeichnung, wenn sie sich in »anspruchsvoller und allgemeinverständlicher Weise mit dem Wirken und der Bedeutung von Unternehmern und Unternehmen in der Marktwirtschaft« auseinandergesetzt haben.

Gegen allgemeine Verständlichkeit wäre ja nichts zu sagen, das Boulevardblatt »Bild« versteht es wie kein anderes Medium, Geschehnisse auf wenige Wortfetzen hin zuzuspitzen. Doch wie so oft lässt sich die Wahrheit, sofern jemand überhaupt einen Anspruch auf diese erheben darf, nicht in ein paar knackige Überschriften und Druckzeilen, garniert mit einer alles überlagernden Lawine an Fotomaterial, verpacken. Die Realität wehrt sich vehement gegen derartige Versuche, denn sie ist zu komplex, um mit einer Dichotomie in Schwarz und Weiß erklärt zu werden. Entspricht etwas nicht diesem Gut-Böse-Schema, ist es mit dem Konzept der Regenbogenpresse nicht kompatibel.

So verwundert es auch nicht, wenn die »Bild« -Berichterstattung zur »Griechenlandkrise« ein Sammelsurium an Klischees bereithält und sich aus nichts anderen als der stereotypen Darstellung des »typischen« Südeuropäers speist. Tatsächlich belegen lässt sich nämlich keine der von »Bild« in den letzten Monaten aufgestellten Behauptungen. Arbeitsscheue Griechen? Regelmäßig belegen statistische Erhebung, dass die Hellenen im EU-Vergleich eine überdurchschnittliche Wochenarbeitszeit von 43 Stunden malochen gehen. Derartige Informationen sind leicht zu finden und wären auch für einen »Bild« Journalisten jederzeit recherchierbar, sofern er dies wollte. So heißt es auf der Webseite der Auslandsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit: »Überstunden sind in nahezu allen Branchen an der Tagesordnung.«

Aber allein schon der Begriff »Griechenlandkrise« soll beim Leser den unverkennbaren Eindruck hinterlassen, wonach es sich bei der Problematik um eine allein von den Hellenen verursachte Krise handeln muss. Kämpft man sich durch die unzähligen »Bild«Beiträge zum Thema, allein 121 sollen es laut einer aktuellen Studie der Otto-Brenner-Stiftung (www.bild-studie.de) zwischen März und Mai 2010 gewesen sein, so erfährt man keinen einzigen Satz über die europäischen Hintergründe dieser Wirtschaftskrise. Kein Wort über die bedrohliche innereuropäische Schieflage der Handelsbilanzen, keine Silbe zum Exportwahnsinn Deutschlands, welcher durch massive Lohnkürzungen bei den Arbeitnehmern teuer erkauft wurde und laut Ökonomen die Krisen in Südeuropa, wenn schon nicht ausgelöst, so doch mindestens massiv befördert hat. In der Logik der »Bild« sind die »Pleite-Griechen« die alleinig überführten Täter.

Überhaupt scheinen die Journalisten der »Bild« das Fundament des europäischen Hauses nie so richtig verinnerlicht zu haben. Europas Grundgedanke wurde mit Sicherheit nicht aus dem Motiv heraus begründet, die beteiligten Nationen bei jeder erdenklichen Gelegenheit mit Hohn und Spott zu überschütten. Besonders geschmacklos wird die Berichterstattung durch die an unzähligen Stellen mit plumpem nationalistischem Dünkel aufgeladene Stimmungsmache. Welchen Stellenwert hat für einige Kollege eigentlich die journalistische Berufsehre?

Anscheinend gelten für so manchen »Bild«-Journalisten die Worte des deutschen Pressekodexes nur herzlich wenig. Leitlinien, wie die Achtung der Menschenwürde und Sorgfaltspflicht bei der Recherche, verkommen so zu leeren Worthülsen. Anders lässt sich jedenfalls nicht erklären, wie insbesondere der Quandt-Preisträger Ronzheimer den Tiefpunkt in der Berichterstattung landete, indem er sich Ende April dieses Jahres auf einen Platz im Herzen der griechischen Hauptstadt Athen stellte und den Hellenen ihre Drachme zurückzugeben versuchte.

Die inhaltliche Linie des Blattes und de facto aller anderen Springer-Medien im Fall Griechenland verwundert kaum, folgt sie in ihrer Konsequenz doch eindeutig den neoliberalen Glaubensgrundsätzen des einstigen Konzerngründers. Privatisierung des griechischen Staatseigentums samt des Verkaufs nationaler Denkmäler wie der Akropolis? Für »Bild« der einzig gangbare Weg. Der drastische Kürzungshammer des Internationalen Währungsfonds bei den Staatsausgaben? Für die »Bild« absolut alternativlos. Ein Austritt Griechenlands aus dem Euro? Für »Bild« führt kein Weg daran vorbei. Das Universum einer Boulevardzeitung ist schlichtweg eindimensional.

Die Autor ist freier Journalist und lebt in Chemnitz.

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