Werbung

Bryan Adams

Kindskopf mit Klassikerfaible

  • Von Christian Heinig
  • Lesedauer: 3 Min.

Für die Suche lässt er sich etwas Zeit. Blitzartig schießen hier und dort in den Reihen vor der Bühne Hände empor, es sind Hände von jungen Frauen, die zu ihm nach oben wollen – immerhin sucht er eine Partnerin für ein Duett. »Baby When You’re Gone« heißt der Song, den er vor dreizehn Jahren mit der britischen Künstlerin Mel C von den Spice-Girls aufgenommen hat. Nun sucht er eine Mel C in der Zitadelle in Spandau.

Neu ist diese Nummer nicht. Sie gehört bei Bryan Adams längst zum festen Konzertrepertoire. Viele hat er mit dieser Einladung zum gemeinsamen Bühnen-Duett bereits glücklich gemacht. Diesmal, beim Auftritt in der Hauptstadt am Pfingstsonntag, hieß die Glückliche Joanne, die erst ins Mikrofon frohlockt, sie sei aus Berlin, um direkt im Anschluss zu präzisieren: Kleinmachnow. »Ist das wirklich in Berlin«, fragt Adams leicht verdutzt zurück. Gelächter. Der Mann weiß zu unterhalten, nicht nur mit seiner Musik.

Überhaupt seine Musik. Adams kann noch immer beides. Er kann der gefühlvolle Balladen-Bryan sein, der die Robin-Hood-Hymne »Everything I Do I Do It For You« derart sanft und sacht in die laue Sommernacht hinaushaucht, dass es den Anschein hat, als würden sogar die Mücken ihr Surren einstellen. Er kann aber auch der wilde Kindskopf sein, den seine Fans so lieben, der zu rauen Gitarrenriffs den Willen zur ewigen Jugend beschwört, mit Stücken wie »Kids Wanna Rock«, »18 Til I Die« und »Summer of ’69« – ein Song wie ein Energieriegel.

Bryan Adams, inzwischen 51 Jahre alt, auf der Bühne traditionell in Blue-Jeans und schwarzem Shirt, ist einer dieser Künstler, dessen Songs hängen bleiben. Irgendwie. Man verbindet mit ihnen Erinnerungen. An einen Diskobesuch oder eine Gartenfete in den Achtzigern und Neunzigern, der musikalischen Blütezeit von Adams. Oder an einen seiner unzähligen Hits, an denen man im Autoradio nicht vorbeikam. Mainstream sagen dann einige, andere nennen es Musik für die Seele, ehrliche Musik mit Schmackes.

Am Sonntag begann alles ein wenig zaghaft, als habe Adams im altersmäßig bunt gemischten Publikum zunächst den Erinnerungsmodus eingeschaltet. Viele Blicke, viel Stille, vor allem in den hinteren Reihen. »Is there anybody out there?«, stimmte er als viertes Stück an, hielt kurz inne, mimte den Matrosen auf See, schaute in das weite Rund der Zitadelle, und er vernahm: ein luftiges Rauschen. Es war eine beinahe putzige Pointe.

Je höher aber die Adams-Dosis, desto mehr tourte auch die Stimmung hoch. Das lag wohl daran, dass der Kanadier, Wahl-Londoner und frisch gebackene Vater derzeit keine neue CD promotet. Auch auf Songs von den letzten Studioalben »Room Service« (2004) und »11« (2008), die in den Charts durchaus Erfolg hatten, verzichtete Adams und seine routinierte Vier-Mann-Band in Berlin. Stattdessen reihte sich Klassiker an Klassiker. 23 mal gab es die unverwechselbare Reibeisenstimme mit Songs, die alle hören und mitsingen wollen. Und das tat die Adams-Family dann auch mit vollem Enthusiasmus zwei Stunden lang.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung