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»Unsere Erfolge totgeschwiegen«

Wolfgang Behrendt, der erste Olympiasieger der DDR, wird am Dienstag 75

Jene, die Wolfgang Behrendt lange genug kennen, den klingt's noch immer in den Ohren. Wenn er nämlich durch die Tür der ND-Sportredaktion trat, fröhlich grinsend, hatte er stets einen flotten Spruch auf den Lippen. Sein beliebtester: »Tach Leute, ach hier schläft alles!«

Ein Berliner Unikum, ein Mann mit Herz und Schnauze, immer einen Witz auf Lager. Über 25 Jahre war er Sportfotograf beim ND. Vor allem aber: Er nimmt einen Platz in der Sportgeschichte ein, von dem ihn niemand verdrängen kann: als erster Olympiasieger der DDR. Er feiert heute seinen 75. Geburtstag.

Am 1. Dezember 1956 hatte er im Boxring des West Melbourne Stadiums im Finale des Bantamgewichts den körperlich robusteren Südkoreaner Soon Chung Song besiegt und war mit seinem intelligenten und technisch versierten Boxstil zum Publikumsliebling der Spiele von Melbourne aufgestiegen. »Damals, mit 20, habe ich nicht gesagt, ich muss jetzt unbedingt Gold holen, weil das mal eine große politische Bedeutung haben wird«, sagt er über fünf Jahrzehnte später. »Natürlich war ich immer ehrgeizig, wollte jeden Kampf gewinnen. Im Boxen der Verlierer zu sein, das tut weh, weil du ja was abkriegst.«

Die Spiele von Melbourne 1956 mit dem Auftritt der sogenannten gesamtdeutschen Mannschaft sieht Behrendt wegen seines Olympiasieges nicht bloß euphorisch. »Wir sind damals von Berlin erst nach Hamburg geflogen. Da kamen einige westdeutsche Ruderer dazu. Hinter mir saß einer, der hat erst mal getönt, er fliege nicht mit Kommunisten in einer Maschine. Die beiden Teamteile waren in Melbourne auch nach Ost und West getrennt untergebracht. Wir trainierten nicht mal zusammen. Gesamtdeutsch? Das stand bestenfalls auf dem Papier.«

Seinen Olympiasieg aber reklamierten beide Seiten, Ost wie West. »Ich bekam zweimal Post von oben. Mit Wilhelm Pieck und Theodor Heuss gratulierten gleich beide Präsidenten telegrafisch.«

Nach zwei vergeblichen olympischen Anläufen (1960 und 1964) – bedingt auch durch eine Handverletzung – beendete der vierfache DDR-Meister und EM-Dritte von 1955 seine Karriere nach 201 Amateurkämpfen mit 195 Siegen und sechs Niederlagen. Warum war er niemals Profiboxer geworden? »Das hat mit meinem Verständnis von Boxen nichts zu tun. Auch das Umfeld war nicht mein Ding.« Und das heutige Boxen? »Heute ist alles auf Kraft und Schlägerei ausgelegt. Ich vermisse die Schönheit unseres Sports, das Faustgefecht.«

Er boxte sich immer durch

Behrendt machte sich später als Sportfotograf einen Namen. Für das ND berichtete er von acht Olympischen Spielen und erwarb etliche nationale und internationale Preise. Sein berufliches Ende beim ND nach der Wende mit 55 Jahren traf ihn schwer. Aber er boxte sich auch als freier Fotograf durch, mit unterschiedlichen Erfahrungen: »Ich habe einige Jahre für eine Zeitschrift in Düsseldorf gearbeitet. Dann rief mich der stellvertretende Chefredakteur an und sagte: Der Chef hat gesagt, in unserer Region braucht man keine Bilder von Ossis. Wir können dir keine Aufträge mehr geben.« Und das im 20. Jahr der Wende.

»Zu DDR-Zeiten war ich ein Pro-Wessi«, sagt Behrendt, »heute bin ich nach all den Erfahrungen ein Pro-Ossi geworden. Man hat uns das Selbstbewusstsein genommen, unsere Erfolge werden totgeschwiegen. Man erkennt unser bisheriges Leben nicht an und hat uns keine neue Chance gegeben.«

So wurde er als langjähriges persönliches Mitglied des NOK der DDR und später des NOK für Deutschland kurzerhand eliminiert. Als sich NOK und DSB 2006 zum Deutschen Olympischen Sportbund vereinten, brauchte man den ersten Olympiasieger aus der DDR nicht mehr.

Geblieben sind bis heute seine Liebe zu Fotografie und Trompete. Der Hobby-Bläser nimmt immer wieder Einladungen zu Feiern an und begeistert mit Solos. Mit Sicherheit hat der zweifache Familienvater und dreifache Opa Kamera und Trompete dabei, wenn er heute mit seiner Frau Monika seinen 75. Geburtstag begeht – »vermutlich in Zinnowitz, das hängt vom Sponsor ab«, witzelte er. Ein Tusch auch vom ND für Dich, Wolfgang!

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