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Die Bezwinger der Salzhalde

Demonstranten forderten in Gorleben, nach anderen Endlager-Standorten für Atommüll zu suchen

  • Von Hagen Jung, Gorleben
  • Lesedauer: 3 Min.
Mehrere Hundert Atomkraftgegner demonstrierten am Sonntag gegen die weitere Erkundung des Salzstocks Gorleben als Atommüllendlager – und begannen schonmal, das herausgeholten Salz zurückzubringen. Für einige wird das mit Anzeigen enden.

Eine Leiche liegt in der Gorlebener Salzhalde. Diese Szene einer »Tatort«-Folge hatte vor ein paar Jahren über neun Millionen Fernsehzuschauern das graue Abraumgebirge nahe gebracht. Ganz nahe, teils näher als erlaubt, waren am Pfingstsonntag Atomkraftgegner dem aufgeschütteten Salz. »Bringt Schubkarren mit!« So hatte die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) zu der Aktion gegen das laufende Weitererkunden des Salzstocks als mögliches Endlager für hochradioaktiven Müll aufgerufen. Salz sollte dorthin gebracht werden, wo es in Gorleben seinen richtigen Platz habe: in die Erde. Diese Forderung hatten einige Aktivisten bereits in der Nacht in 70 mal 8 Metern auf den Salzberg gemalt. Sie waren auf dem Rückweg am Zaunloch von der Polizei erwischt worden. Schnell macht diese Meldung am Sonntag die Runde.

Nein, etwas Illegales, ein Kaputtmachen des Zaunes gar, werde es heute nicht geben: So heißt es stets am ersten Pfingsttag auf die Frage, »was denn heute passiert«. Nur ein Spaziergang um das Bergwerksgelände sei geplant.

Rund 800 Menschen, mehr als erwartet, erscheinen. Die Verschiebung der Blockaden am AKW Brokdorf mag das Wendland für einige zum Alternativziel gemacht haben. Etwa 50 auswärtige Unterstützer campieren im nahen Gedelitz. Die weiteste Anreise hatte ein Teilnehmer vom Bodensee. Auch Besuch aus Hamburg ist zugegen: Mitglieder des Motorradclubs »Kuhle Wampe«, die trotz der Wärme in ihrer Lederkluft verharren. Die im Laden oder von der atomkritischen Firma »Salinas« gekauften Salzpäckchen werden auf die Schubkarren verteilt.

Mit der allerkleinsten Karre, so einem Blechding für Dreijährige, kommt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Er wird ein wenig angefrotzelt, aber niemand verübelt dem Info-Mann die leichte Last, hat er doch gut zu tun: Immer wieder befragen ihn Fernsehleute und hören dann: Bei der Debatte um den Ausstieg aus der Atomkraft sei das Thema Lagerung ausgeklammert worden. Gorleben sei als Endlager bekanntlich aus vielerlei Gründen ungeeignet. Die Pfingst-Aktion solle die Forderung unterstreichen, mit der Suche nach anderen Standorten zu beginnen und den Salzstock wieder mit dem herausgeholten Salz zu verfüllen. »Wir glauben, dass es sonst immer wieder Begehrlichkeiten geben könnte, bei politischen Wechseln etwa, das Bergwerk als Lager zu nutzen«, sagt Ehmke.

Trommler geben das Zeichen zum Start. Nach gut einem Kilometer Fußmarsch ist der Salzberg in Sicht – und eine Überraschung: Auf der Halde stehen vier Atomkraftgegner, schwenken Fahnen. Irgendwo muss ein Loch im Zaun gewesen sein. Ein paar Leute singen »Olé, we are the Champions!«

Applaus für die Bergbesteiger – dann geht es weiter am Zaun entlang. In ihm hat sich wenige Minuten später ein weiteres Loch aufgetan. Einige Demonstranten schlüpfen durch; doch die Polizei stoppt weitere Aktivisten. Nun wird Kerstin Rudeck laut. Die Vorsitzende der Bürgerinitiative appelliert: »Wir wollen keine Gewalt – wir wollen keine Sachbeschädigungen – wir haben einen Spaziergang angemeldet, nichts anderes!«

Es bleibt nicht bei zwei Zaunlöchern. Durch eines flitzen zwei Teenies die Salzhalde hinauf. Ein Polizist hetzt hinterher, doch er kann die flinken Mädels nicht einholen. Verstärkung rückt an: Beamte einer Festnahmeeinheit schnappen sich nahezu die vielleicht 30 Protestierer auf dem Salzgelände, teils mit hartem Griff. Es soll Anzeigen wegen Sachbeschädigung, Landfriedensbruch und Körperverletzungen geben, denn einige Polizisten seien angegangen worden, lautet die Polizeibilanz, als sich die Demo am Nachmittag auflöst. Abgeschlossen sind die Aktionstage damit wohl noch nicht. Für Mittwoch ist eine Nachtwanderung zu den Atomanlagen angesagt, und das Camp ist noch bis Freitag präsent. »Mit Überraschungen darf gerechnet werden«, schmunzelt BI-Sprecher Ehmke, bevor er seine Mini-Salzkarre wieder verstaut.

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