Werbung

Das Augenaufgehen einer Geschichte

»Der Große Fall« – die neue Erzählung von Peter Handke

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Das Augenaufgehen einer Geschichte

Peter Handke hat vor Jahren einen Zyklus von Erzählungen geschrieben, Versuche über die Jukebox, über die Müdigkeit, und: über den geglückten Tag. Darin die Fügung vom »entdeckerischen Verirren« – einer umkreisenden Erzählweise, die auch auf Wesen und Methodik der neuen Erzählung zutrifft. Überhaupt mischt sich dem Lesen des »Großen Falls« ständig eine Erinnerung an andere Werke des Dichters bei. Erinnerung? Eher Leibhaftigkeit. Ein schönes Bedrängtsein durch einen treuen Wortschatz, in dem seit eh und je Zeit und Schwelle und Gehen und Sphäre und Verwandlung und Niemandsland, ja: was? Herrschen? Nein. Es gibt Worte, die können nicht herrschen, so, wie die Feststellung falsch ist, ein Frieden herrsche.

Es sind Worte, die besonders oft vorkommen. Aber das nicht als bloßes Da-Sein, sondern es geschieht ein Hervortreten dieser Worte durch inständiges Hervorgerufenwerden. Durch Erzählen, und das ist bei Handke keine Nachzeichnung von Realität; Schreiben ist die Suche nach einer Poesie der »Offenbarung«, im Erzählten geschieht das »Offenbarwerden des Anderen, eines Größeren, des Großen, in dir und mir, oder schlicht das Sich-Offenbaren des kaum erst Geborenen in einem Sterbenden, eines leeren Schuhs für einen stummen Todesschrei, eines aus der Hand fallenden Teelöffels als Gleichnis für einen größeren Fall.«

Entdeckerisches Verirren also. Handlungsverlauf? Ja, ein Handlungs-Verlaufen. Von hier nach da, ohne dort anzukommen. Stehen, Umsichschauen, Losgehen. Blütenschnüre im Blick, überm Kopf Finsterwolkenbänke. Was sich zwischen Natur und dir abspielt, es gilt für »dein Leben quer durch die Welt«. Des Dichters Gestalt auch diesmal ein Wanderer, er sieht jede Landschaft für ein Bilderrätsel, das ihn meint. Er fühlt den Blick der Dinge auf sich ruhen und spürt, dass es Zeit sei. Und Zeit ist keine Uhrzeit, Zeit ist Schwelle, »das feine Aufreißen der Nußschalen eine Zeitschwelle im Vorherbst«, so, wie »das Platzen des Springkrauts, wenn man es nur leicht streifte, eine Zeitschwelle im Sommer« war.

Nicht, wie einer über Land geht, entscheidet; es entscheidet, wie einer über Land schaut. Auf eine Art des Gehens kommt es an, dass dem Wanderer die Dinge entgegenkommen und unter die Haut gehen, »der einzige Horizont die Schuhe an seinen Füßen«. Der Wanderer verlässt alles und vergisst nichts. Sehnsucht und Erinnerung geraten durcheinander und färben aufeinander ab. Das ist es, was einer Geschichte »zum Augenaufgehen« verhilft.

Hier ist es ein Schauspieler, ein Star, der schon lang nicht mehr auftritt: Fern von Zuhause, dem Bett einer Frau entstiegen, durchgeht er den Tag, das ist alles in dieser Erzählung, er umkreist die Lebensschichten einer Stadt – ihre ganzheitlichen Viertel, ihre Vor- und Hinterwälder, ihre Ghettos – wie planetare Atmosphären.

Er wacht morgens auf unter Donnerschlag, seine ersten Worte richtet er an einen Vogel, geht nackt durch Grasland, plötzlich ein Hubschrauberknattern: das Hemd im Gehwind; dann aber hat er einen Anzug an – solch Wechsel ist möglich, ist »ein Ding der Möglichkeit« wie vieles, etwa, dass sich ein im Gras liegender Stuhl durch den Windruck wieder aufstellt. Oder sich ein alter Baumstrunk in einen Greis verwandelt, in den »einsamen Steher«, den »letzten der Menschen«, aus östlichem Land.

Morgen soll für den Schauspieler die Arbeit an einem Film beginnen, er als Amokläufer – und wie »mein« Schauspieler (mit solcher Anrede begleitet Erzähler Handke den Geher), da nun durch die Welt geht, die ihm stets Vorstellungswelt ist, ohne unreal zu werden, wie er da so läuft, da kann einem Leser durchaus, für fälschliche erste Sekunden, Michael Douglas' Amokmensch in »Falling Out« in den Sinn geraten. Wie der mit fester Krawatte, racheschwitzend – eine verlorene Liebe steckt ihm zudem im Gemüt wie ein Messer – durch die Stadt stampft. Falling Out. Der Große Fall. Der Ausfall. das Ausfälligwerden. Und wie diesem Douglas-Amokläufer im Stau eine sirrende Fliege am Autofenster Anlass für seinen Weltkrieg ist, so sinniert Handke über das mögliche Ausrasten, wenn einem ein Zitronenkern zwischen den Fingern wegschnippt und unauffindbar wird in der Wohnung. Und Zitronenkern steht hier für Wutanlässe wie »Nazischweine, Rollkoffer, SMS-ler ...«

Handkes Erzählung aber ist ein tief anrührender Gegenentwurf zu jenem Falling-out-Schicksal des Menschen, der tagtäglich von der Welt vernutzt, missverstanden, geprüft und so mehr und mehr ins notwehrveranlasste Blindwüten getrieben wird. Der Schauspieler hatte vieles gespielt, die Idioten der Poesie vor allem, jene Unverwendbaren fürs Nützliche. Aus gutem Grunde hat er nie den Faust gespielt – unangenehm, dessen »ewiges Tätigsein zum Gerettetwerden«. Gerettetwerdenwollen ist kein Antrieb. Nützlichkeit, diese Sinngeschundene, die gilt dem dichter nur noch so: »Kein Tag ohne Brotschneiden.«

Statt Falling Out: Falling In. Nicht ausrasten, sondern einrasten. Nicht Heimkehr, nicht Abkehr, aber doch Einkehr. Dieses Schauspielers Bereitschaft zur »Konfrontation« (ein Wort, das früh fällt) ist eine sehr eigene Art, einzugreifen. Eingreifen nie aus Ungeduld, »Ungeduld vernichtet die Existenz«. Eingreifen als: entwaffnend auf andere wirken, sie heiter stimmen, und im so Heitersein selber ganz stimmig werden.

Er geht. Geht sein »Hindernisgehen«: die Bewegung direkt auf die Dinge zu – den alles leicht machenden Umweg meidend. Geht gern rückwärts. Trifft auf Verlorene, Verlogene, Vereinzelte, Vermessene, Verwurzelte, Verwehte, Verwundete, Verluderte, Verlederte, trifft all das Zivilisationspersonal, die Nachbarschaftskrieger, die Lichtungsbesetzer und skistockbewehrten Altwandergruppen, die sehnigen Lebensdurchmarschierer, die altgeworden Überzähligen, die vielgründig Zusammengeballten. Sieht all die Verdächtigen, Blöden, Verhassten, Gefürchteten, begegnet Polizei und Pastor, sieht in allen, die er in den ersten Blick nimmt, seine Vorurteile bestätigt. Aber gingen jene Zusammengehorteten da, die mit den Baseballschlägern, nicht wirklich nur zum Platz ihres Sports? Ach, wieder so ein Vorurteil des ersten Blicks – und die Idee wahrer Lebenskunde: »den zweiten Blick lehren«.

Schönste Idee dieses Reiseführers, gegen die vielen Lehrpfade in Wald und Welt: die Idee eines »Irrtumslehrpfades« – die Dinge so ausstellen, dass sie Dingen ähnlich werden, die sie gar nicht sind. Das Vorgetäuschte aber als Wert. »Eine eingerollte und in Zeilenform gestrichelte Birkenrinde erschiene als mittelalterliche Handschriftenrolle. Ein Viereck von wie ineinanderverknüpften Edelkastanienschnüren wäre ein Orientteppich ... ein ausgebleichter Insektenpanzer eine Miniaturstatue des Buddha im Lotussitz«. Handke weiter: »Der Blitzmoment, der die Erkenntnis des Irrtums begleitete, hätte den Blick geschärft, und die Irrtumsgegenstände würden zu Neuigkeiten, unbekannten, bisher jedenfalls nicht so gesehenen.« Huldigung des Übergangs »vom achtlosen Hinschauen zum achtsamen Betrachten«. Das ist: Erfinden durch Insichaufnehmen. Kinder-Spiel. Ehe Leben dann ein Abbruch-Unternehmen wird. Und die Pfade ein Lehrreich werden, betoniert.

Wandern. Die Wälder rückwärts verlassen. Eine Autobahn überqueren. In einem Sperrgebiet landen. Als Attentäter behandelt werden. Dann hinlegen und an einen anderen Schauspieler denken, der sich am Meer von der Flut wegspülen ließ (Ulrich Wildgruber). Nein, selber ist dem Wander-Schauspieler noch nicht nach Sterben, »höchstens nach Vergehen, und dabei Bestehen«. Schönes Leben, ehrgeizlos, aber ehrvoll, weil so natürlich.

Vom Regen schreibt Handke, man werde unbändig in ihm. In diesem Buch, Leser, wirst du auch unbändig. Dann endlich ist sie da, die Frau, die der Schauspieler am Morgen verließ. Das Wandern war ein Warten. Und die Rede ist plötzlich knapp vom Großen Fall. Der kommen wird, und wir wissen nicht, was. Unerklärt bleibendes Bild. Die Welt ist, was der Fall ist. Wittgenstein. Und was fällt nun hier? Masken, Hüllen, der Vorhang. Schön, wenn der Dichter rätselhaft endet und mit dem letzten Satz seine Frage weitergibt an den Leser: Nun, was fällt nun dir ein?

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen