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Auf die Nerven

Jelinek: Jahresbeste

Zum vierten Mal hat Elfriede Jelinek vor einigen Tagen den Mülheimer Preis als Dramatikerin des Jahres erhalten – diesmal für ihr Stück »Winterreise« (ND vom 22. Februar: »Das Wort hetzt durch überbordende Metaphorik, es knutscht jeden sich anbietenden Kalauer, es reißt Assoziationen auf wie Krater ein Stück Erde«).

Ein Preis für Jelinek, das ist ein Preis für Theater, das unspielbar bliebe, folgte man dem Text wie ein Diener. Man muss das Theater neu erfinden. Man muss aufbrechen, freilegen, Schleifen zerschlagen oder verdoppeln. Man darf nicht auf sicher gehen, sondern mit Lust auf Nerven gehen wollen. Mit Nagelschuhen an den Versfüßen. Bis die Nerven jaulen – die des Stücks und des Publikums. Es ist ein Preis für die Einsamkeit einer Langstreckennervläuferin. Sie legt bloß, die Wirklichkeit liegt ihr zu stampfenden, tretenden Füßen: der alltägliche Staatsdreck, der allmächtige Medienmüll, der allwaltende Fremdenhass. Bei Jelinek sind Worte Masochisten: Sie geben sich in ihrem Schlimmsten preis. Gemein-schaft, Bluts-bande, Menschen-schlag. Man darf bei Jelinek nicht Schönheit denken.

Ihr einen Preis zu geben, ist Lobpreisung einer Dramatik, die aus Liebe zum Folterauftrag des Gegenwartstheaters lieber Leute vertreibt, als ihnen einen Zeitvertreib zu erlauben. Sabine Stefan

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