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Einsam zu Gipfeln

Kleist-Jahr und -Preis

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Der diesjährige Kleist-Preis geht an die Erzählerin Sibylle Lewitscharoff; sie wurde 1954 in Stuttgart geboren. 2009 bekam sie für ihren Roman »Apostoloff« den Preis der Leipziger Buchmesse.

Preise, nach großen Poeten benannt, sind mitunter wie Abstands-Zahlungen: einkassieren, ohne zu leiden. Unsterblich gewordene Dichter: so ferne, unerreichbare Welten; sich im Leben Windende; Aufrührer gegen das Geläufige, oft zum Schweigen gebracht. Nun sind sie klingende Münze. Hölderlin, Büchner, Kleist – wie könnte jemand diesen Paten gerecht werden, der nicht ihren Schicksalen nah ist. Was also will Preisvergabe außer Finanzhilfe?

Kleist war kein Pathetiker, kein Idealist und in diesen Absagen nicht mal Ironiker. Für ihn hatte die Welt keinen bestimmbaren Sinn mehr – dem Weltbild der Klassik widerspricht jedes seiner Worte. Die sogenannte Wirklichkeit wird für Kleist von keiner Idee mehr durchdrungen. Die Realität ist nur noch der unheimliche, wahnhafte Partner jedes einzelnen Menschen – je mehr dem Einzelnen dies klar wird, desto einsamer wird er. Auch Gott und Göttern ist einzig beschieden, an dieser Welt und also der Verwirrung des Menschen teilzunehmen, nicht mehr: richtend, regelnd darüber zu stehen. So bleibt dem Individuum grundsätzlich nur, am Gefühl für und von sich selber festzuhalten.

Man stelle sich vor, ein Kleist-Preis würde in einer undemokratisch durchstrafften Gesellschaft verliehen, und ein Preisnehmer käme, bezüglich Kleist, auf so kleistnahe Gedanken. Oder ein Büchner-Preisträger spräche wie weiland Wolfgang Koeppen: »›Frieden den Hütten, Krieg den Palästen!‹ Ich hätte mich gern dem Ruf des ›Hessischen Landboten‹ verpflichtet. Aber ich musste erkennen – und dies fing schon bei Büchner an: ›Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie‹ –, dass es immer schwieriger wird, die Hütten und die Paläste auseinanderzuhalten. Zuweilen flüchtet die Freiheit in den unterhöhlten Palast, und aus der Hütte tritt der neue Zwingherr. Der Schriftsteller ist kein Parteigänger, er freut sich nicht mit Siegern, er sorgt, nicht zu ihnen zu gehören.«

Das kann man nicht überall sagen. Darf also gemutmaßt werden, dass Preise, die nach einem wie Kleist benannt werden (oder nach Büchner, Hölderlin, und dies als Beginn einer langen Reihe) im Grunde, ganz im ehrlichen Grunde, nur in freien Gesellschaften vergeben werden können? Wo der kritischste Gedanke laut ausgesprochen werden kann? Wo ein Preis den Geehrten ermuntern darf, im Kritischen noch schärfer zu werden?

Irgendwann, Dichter, zählt nur noch, wie einsam du warst, als du dich zum Höhepunkt hinschriebst. Es zählt dann nicht mehr, wie einsam du geworden bist, weil du selbiges, im Wohlgefallen einer Macht-Teilhabe, versäumtest.

Vielleicht ist das keine einleuchtende These, eine heimleuchtende schon. Freilich: Wir leben in Zeiten, da selbst diese Tugend der bewussten Fremdheit, des konsequent gelebten Unterscheidungsvermögens auf dem Basar der Beliebigkeiten sehr schnell seinen Marktwert erhält. (Siehe Christoph Schlingensief – ach, bald wird wohl auch ein Preis, nach ihm benannt, aus der Taufe gehoben ...)

Der Kleist-Preis für Sibylle Lewitscharoff: Ermunterung für eine fantasievolle Melancholikerin. In ihren Romanen ist sie eine skurril, grotesk, schelmisch Fabulierende. Ihre seltsam vibrierenden Gestalten finden doch immer wieder überraschende Punkte, wo das Paradies sichtbar wird: in einer Liebe zum Leben, deren Echtheit sich einzig darin zeigt, dass es die gebrochene Liebe ist.

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