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Im Bunker

»Macbeth« an der Deutschen Oper Berlin

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 4 Min.

Eine Schwadron Besenweiber tut so, als ob sie Blutflecken von einer Betonwand schrubbt. Das Orchester hatte sie mit lauen Takten zu diesem durchaus harmlosen Hexen-Tun eingestimmt. An dieser Stelle war es also noch keineswegs ausgemacht, ob die Berliner Einstudierung der seit 13 Jahren erprobten Kölner »Macbeth«-Produktion wirklich einen großen oder doch nur mittleren Abend ergeben würde.

Am Ende rauschten dem Chor der Deutschen Oper und insbesondere den Damen die Ovationen des Publikums entgegen, auch Roberto Rizzi Brignoli und das Orchester der Deutschen kassierten hochverdienten Jubel. Ein allmähliches Erfassen der Spannung, ein förmliches Hineinleben des Orchesters in den Gesang und die Rage der Handlung war zu erleben gewesen, wie man es selten genauer beobachten kann.

Die von Miruna und Radu Boruzescu entworfene Szenerie ist eine betongraue Bunkerlandschaft, die mit ihrer buchstäblich endlosen, bei jedem Szenenwechsel weiter in die rechte Seitenbühne hineinfahrenden Hinterwand die Wahrnehmung betäubt. Hin und wieder eröffnen Türen Durchblicke aus dem Bunker in andere Bunker. An Stangen hochgehobene dutzende Königsbilder im Shakespeare-gemäßen Wechsel von Duncan über Macbeth zu Malcolm, lustlos geschwenkte Winkelemente, ein Bett und zwei Kleiderschränke für Lord und Lady, eine endlose Festtafel und eine schreibtischgespickte Geheimdienstbüroeinrichtung sind so etwas wie eine Bunkerflora, die nie das Tageslicht erblickt.

Die entsprechende Bunker-Fauna trägt vor allem operetteneitle Uniformen. Zum Bankett wird formvollendetes Zivil gewählt, die Damen bevorzugen Pastell. Die Ausnahme in der Kleiderordnung macht Banquo, der betont zivile, vom Geheimdienst vernichtete Hoffnungsträger. Ante Jerkunica sang ihn mit sonorem Verdi-Sound.

Unter den tageslichtscheuen Grottenolmen – die allesamt heftigst so tun, als seien sie Männer – lebt eine Sensation. Lady Macbeth. Kraftvoll und prächtig in der Erscheinung, im selbstbewussten Gestus ihrer Entscheidungen, in der Liebe, in der wirkungsmächtigen Stimme könnte sie anderenorts das Leben selbst sein. Im kalten Schlaglicht des Bunkers ist sie dessen Perversion: Ihre Entschlossenheit gilt dem mörderischen Weg zur Macht, die Liebe der Ertüchtigung des Gatten. Die Moskauer Sängerin Anna Smirnova stattet diese Lady Macbeth mit einem so unerschütterlichen Furor aus, dass ihr Abfall in die Zwangsneurose nahezu unerklärlich ist.

Regisseur Robert Carsen wählt entsprechend starken Tobak, um die Seelen-Erschütterung der Lady zu motivieren. Er lässt Verdis Trauerchor um das geschändete Vaterland »Patria oppressa« von einer Menschengruppe singen, die ihre Toten und Verschwundenen sucht. Die Chorsänger heften deren Fotos an den Beton. Dieser Massen-Leichenzug aus Bildern gibt dem Wahnsinn Lady Macbeth' erst den letzten Schub. Den allerletzten verpasst ihr dann der Gatte per schallgedämpfter Pistole. Was könnte sie alles ausplaudern in ihrer Umnachtung!

Macbeth ist in seinem Blutrausch längst über sie hinausgewachsen, so weit, dass er nicht einmal mehr eine reine Uniform besitzt. Blutbesudelt trotzt Thomas Johannes Mayer noch einmal gegen den Untergang an, mit einem Stimmvolumen und einer Flexibilität, die ihm eine kluge Einteilung der sparsam und differenziert begonnenen Partie bescheinigten.

Der Rächer ist Pavol Breslik als junger Macduff. Seine kurze Arie, mit der er Kampfesmut aus dem Gedenken an die ermordete Familie zieht, war in ihrer puren Schönheit der Gänsehaut-Moment dieser Aufführung.

Insgesamt erfreute sie durch die musikalische Qualität, getragen vor allem vom Chor und von der Lady. Der Inszenierung muss man ihre Schnörkellosigkeit in der Personenführung zugutehalten und den eindringlichen Schauplatz. Insofern hat sich die scheidende Intendantin Kirsten Harms zum Ende ihrer Ära ein anständiges, auch anständig bejubeltes Präsent aus Köln überreichen lassen.

Wenn aber Political Correctness zum Maßstab für die konzeptionelle Seite der Regie-Kunst wird, drückt dies trotzdem auf die Gähndrüsen. Welche aufmüpfige Sensation, die 1998 entstandene Produktion in einem zusammenbrechenden Diktatorenhaushalt des Ostblocks zu lokalisieren. Das Ehepaar Ceausescu im Bunker, wer hätte das gedacht. Und Banquo wird ermordet beim Versuch der Akteneinsicht! Das putzigste daran sind nun doch die Putzfrauen, die »Wolfskraut, Dorn, Alraunenwurzel« aus den weggekippten Essenresten der besseren Bunkerbewohner destillieren.

Welchem Bunker auch immer der Wald von Birnam entgegenrückt – wer sich neu darin einrichtet, wird kaum besser sein als der Vorbesitzer. Auch dies keine Überraschung, aber darin hat Regisseur Robert Carsen mit hoher Wahrscheinlichkeit Recht.

Nächste Vorstellungen: heute, am 19. und 21.6.

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