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Es ging um Sein oder Nichtsein

Wie Moritz Mebel Soldat der Roten Armee wurde und die Faschisten vor sich her trieb

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Professor Moritz Mebel, geboren am 23. Februar 1923 in Erfurt, emigrierte 1932 mit der Familie in die Sowjetunion. Von 1945 bis 1947 arbeitete er für die SMAD in Deutschland. Mit dem international anerkannten Urologen und langjährigen Vorsitzenden DDR-Sektion der IPPNW sprach Karlen Vesper.
Es ging um Sein oder Nichtsein

ND: Herr Mebel, Sie waren in Moskau, als Deutschland die Sowjetunion überfiel. Wie haben Sie den 22. Juni 1941 erlebt?
Mebel: Ich war damals noch keine 18 Jahre alt. Ich studierte am 1. Moskauer Medizinischen Institut und bereitete mich auf meine erste Semesterprüfung vor. Die Stimmung war damals generell gedrückt. Die Sowjetunion hatte gerade den Krieg mit Finnland hinter sich. Nazideutschland hatte Polen überfallen und die Sowjetarmee Ostpolen besetzt. Als Vorsichtsmaßnahme für den Fall eines deutschen Angriffs, wie es hieß.

Am 22. Juni 1941 saß ich in der Bibliothek über Chemie-Büchern gebeugt. Als ich mal aufblickte, gegen 11 Uhr, sah ich durch das Fenster, wie sich eine Menschentraube um den großen Lautsprecher vor unserem Institut bildete. Diese Lautsprecher gab es in Moskau an allen Ecken und Enden. Durchs geöffnete Fenster hörte ich die Ankündigung: »›Hier spricht Radio Moskau! Angeschlossen sind alle Rundfunksender der Sowjetunion! Um 12 Uhr hören Sie eine wichtige Erklärung der Regierung vom Vorsitzenden des Ministerrates Molotow.«. Daraufhin sind wir alle aus der Bibliothek gestürmt.

Und Molotow verkündete dann die Hiobsbotschaft.
Molotow stotterte. Es lag nicht nur an seiner Sprachstörung. Seine Stimme zitterte aus innerer Erregung, wegen der Ungeheuerlichkeit der Nachricht, die er kundtat: »Heute Morgen um vier Uhr haben deutsche Truppen unsere Grenzen von Murmansk his zum Schwarzen Meer ohne Kriegserklärung überschritten. Kiew, Minsk, Sewastopol, Brest wurden bombardiert.« Das Oberkommando der Sowjetarmee hat den Befehl erlassen, die Aggressoren zurückzuschlagen.

Ich bin nach Hause geeilt, um das Unfassbare mit meinem Vater mit Tante und Onkel zu besprechen. Meine Mutter ist schon 1936 an Krebs verstorben. Wir waren alle schockiert und doch optimistisch: Der Krieg wird ein paar Wochen dauern, dann haben die Unsrigen die Faschisten vertrieben.

Dies glaubten auch viele Antifaschisten in Deutschland und die bereits unter deutscher Okkupation leidenden Völker: Mit dem Überfall auf die Sowjetunion bricht sich Hitler das Genick.
Wir glaubten damals auch: Wenn man den deutschen Arbeitern Waffen in die Hand gibt, werden sie diese umdrehen gegen das ganze Nazipack. Pustekuchen.

Sie haben dann die Uniform eines Rotarmisten übergestreift ...
Nicht gleich. Ich habe erst meine Prüfung absolviert. Wie gesagt, wir gingen davon aus, dass die Eindringlinge recht bald wieder verjagt sein werden.

Wurden sie aber nicht. Woran Stalin nicht ganz unschuldig war – durch die Enthauptung der Roten Armee vier Jahre zuvor und seinem Irrglauben, ein Vertrag wäre für Hitler & Co. sakrosankt.
Der Hitler-Stalin-Pakt hat uns sehr irritiert. Und dabei wussten wir noch nichts vom geheimen Zusatzprotokoll. Wir haben uns diesen für uns bis dahin undenkbaren Schritt mit der Weigerung der Westmächte erklärt, auf die Bündnisofferten der Sowjetunion einzugehen. Nach dem 22. Juni jedoch war das alles obsolet.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich bin am 14. Oktober 1941 in ein kommunistisches Arbeiterbataillon eingetreten. An diesem Tag hatte Sowinformbüro mitgeteilt, dass sich die Lage an der Front verschlechtert habe. Ausschlaggebend für mich war der Kommentar von Juri Lewitan, einem landesweit bekannten und beliebten Rundfunksprecher.

Der später auch die erfolgreichen sowjetischen Heeresberichte von der Front verlas. Laut Marschall Rokosowski war er »mindestens eine ganze Division wert«.
Im Oktober 1941 musste Lewitan allerdings mitteilen, dass es trotz des heldenhaften Widerstandes der Truppen der Roten Armee den deutsch-faschistischen Truppen gelungen war, die Verteidigungslinien bei Moshaisk, etwa 120 Kilometer westlich von Moskau, zu durchbrechen. Lewitan sagte in der ihm eigenen, unverkennbaren, eindringlichen Art: »Der Hauptstadt der Sowjetunion droht tödliche Gefahr.« Diese Worte haben mich so aufgewühlt und erschüttert, da gab es für mich kein Halt mehr. Ich war Mitglied des Komsomol. Das Einschreiben war eine Sache von ein paar Minuten. Dann wurde uns gesagt, wo man sich am nächsten Tag einzufinden habe. In meinem Fall war es just jene Schule, die Simonow in seinem Buch »Soldatami nje roschdajutsa« verewigt hat. In Deutsch erschienen unter dem Titel: »Man wird nicht als Soldat geboren«.

Den Arbeiterbataillonen gehörten also auch Intellektuelle an?
Ihnen gehörten Arbeiter und Ingenieure, Studenten und Parteilose an. Man hat nicht danach gefragt, wer von wo stammt. Es ging um Sein oder Nichtsein.

Sie waren militärisch nicht vorgebildet. Trotzdem ging es gleich an die Front?
Wir haben in der Timirjasew-Akademie, eine Akademie für Landwirtschaft, Exerzieren gelernt. Statt uns beizubringen, wie man ein Gewehr bedient und wie wir uns an der Front schützen, hat man uns gelehrt, wie man an den Vorgesetzten heranmarschieren und ihn grüßen muss. Ein absoluter Schwachsinn. Dann wurden wir ausgerüstet – mit Gewehren, die aus dem Museum stammen konnten: Vorderlader.

Als am 20. Oktober vom Staatlichen Komitee für Verteidigung, an dessen Spitze Stalin stand, der Ausnahmezustand über Moskau verhängt wurde, marschierten wir über die Wolokolamsker Chaussee im Eilmarsch dem Feind entgegen. Wir waren alle erhitzt. Es war schon kalt. Und dann lagen wir auf offenem Feld. Wir dachten, jetzt holen wir uns den Tod ...

Noch vor der Feindberührung durch Erkältung?
Das befürchteten wir, aber dem war nicht so. Am nächsten Tag sind wir noch einmal zehn bis zwanzig Kilometer vorgerückt. Dort waren schon richtige Schützengräben ausgehoben, und es gab auch Erdhütten zum Übernachten. Vor uns lag eine reguläre Division der Roten Armee, die Panfilow-Division, die in schweren Abwehrkämpfen mit dem Feind stand. Die Arbeiterbataillone wurden zur 3. Moskauer Kommunistischen Division zusammengeschlossen. Wir hatten die Zugangswege zu Moskau zu sichern. Granaten flogen über uns und schlugen bei uns ein. Feindberührung hatten wir aber erst im November.

Als in Moskau, trotz tödlicher Gefahr, der Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution begangen wurde?
Richtig, wie zu Friedenszeiten fand auf dem Roten Platz die Parade zu Ehren der Oktoberrevolution statt. Stalin nahm sie ab. Seit Beginn des Krieges haben wir kein einziges sowjetisches Flugzeug am Himmel gesehen. Nun kreisten sie ununterbrochen über unseren Köpfen. Wie wir später erfuhren, hatten sie die Parade abzusichern. Anschließend sind sie gen Westen geflogen, wie auch die Truppen gleich nach der Parade an die Front marschiert sind.

Haben Sie sich damals gefragt, warum sich nicht Stalin selbst am 22. Juni 1941 an die Bevölkerung gewandt hat?
Natürlich haben wir uns gewundert. Er hat sich erst am 3. Juli an das Volk gewandt. Seine Anrede: »Liebe Brüder und Schwestern!« Nicht »Towarischtschi«, Genossen. Er erinnerte an die alten Helden russischer Freiheitskämpfe wie Alexander Newski und den Befreiungskrieg gegen Napoleon. Das Banner sollten wir hochhalten und die Faschisten vertreiben.

Wann konnten Sie diese Erwartung erfüllen?
Schon am 8. November, einen Tag nach der Parade in Moskau, gingen wir zum Angriff über und trieben die faschistischen Truppen etwa 120 Kilometer zurück.

Kamen Sie auch an Tatorte der Verbrechen des Aggressors?
Mehrfach. Zum Beispiel in Istra, einem idyllischen Vorort von Moskau, wo wir vor dem Krieg im Haus der Pioniere herrliche Ferien verbracht und Ausflüge in die Umgebung gemacht hatten. In einem Ziehbrunnen entdeckten wir nun Kinderleichen. Die überlebenden Bewohner berichteten uns, dass nicht nur SS-Leute, sondern auch reguläre Soldaten an dieser Schandtat beteiligt waren.

Mir braucht also niemand was zu erzählen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen: Die Wehrmacht hat keinen »sauberen«, ritterlichen Krieg geführt. Natürlich waren nicht alle, die in der Wehrmacht gedient haben, Banditen und Mörder. Aber: Übergriffe, Plünderungen, Erschießungen und Geiselnahmen waren von der Wehrmachtsführung nicht nur geduldet, sondern gewünscht.

Also hatten Sie, als der Krieg auf Deutschland zurückschlug und Sie mit den Siegern einmarschierten, auch kein Mitleid mit den ausgebombten oder vertriebenen Deutschen?
Mitleid? Natürlich haben auch die Deutschen nachher gelitten. Keine Frage. Aber wer hat denn den Krieg angefangen? Wer hat denn überall Verwüstungen hinterlassen, geplündert und geraubt, die Bevölkerung bewusst ausgehungert? Wer hat junge Frauen zur Zwangsarbeit nach Deutschland oder in die Bordelle der Wehrmacht verschleppt? Wer die Juden in die Vernichtungslager? Wer hat bei seinem Rückzug »verbrannte Erde« hinterlassen? Das war die Wehrmacht.

Haben Sie etwas vom Judenmord hinter den Linien erfahren?
Ja. Als wir Balta, eine Stadt in Moldawien, befreiten, waren die Straßen und Gassen von erschossenen Juden, darunter viele Kinder, übersät. Man hat die Ghettobewohner, die man nicht mehr hat deportieren können, beim Rückzug einfach »liquidiert«. Hier waren es aber SS und Feldgendarmerie.

Haben solche Erlebnisse Ihren Hass und Kampfesmut angestachelt?
Ich hasste die Faschisten schon lange. Ich bin in Deutschland als »Itzig« gehänselt und drangsaliert worden. Noch vor Hitlers Machtantritt. Wir sind ja schon 1932 in die Sowjetunion übergesiedelt. Und ich war von Anfang an ein mutiger Soldat. Das hat man mir jedenfalls bescheinigt. Ich war stets an vorderster Front. Bis zuletzt.

Hatten Sie nie Angst?
Nein. Als junger Mensch ohne Verantwortung für eine eigene Familie nimmt man vieles viel leichter. Angst hatte ich nur davor, zum Krüppel geschossen zu werden. Dann lieber tot, dachte ich damals.

Das kann man sich doch nicht wünschen!
Doch. Ich glaubte nicht, dass ich diesen Krieg überlebe. Das schien mir unmöglich, angesichts der vielen Toten, die ich täglich sah. Da macht man sich keine Illusionen, nicht unnötige Hoffnungen. Sicher, der natürliche Überlebenstrieb funktioniert. Das ist mehr eine Sache der Instinkte, als des Verstandes. Ich hatte keine Angst vor dem Sterben. Eher davor, den Faschisten in die Hände zu fallen. Als Jude, Rotarmisten und außerdem Polit-Offizier, der ich dann wurde. Falls mir die Gefangennahme droht, so habe ich mir geschworen, erschieße ich mich mit der Pistole.

Bestand diese Gefahr mal real?
Ja, aber ich ahnte sie nicht. Das war 1944. Wir fuhren mit einem Lautsprecherwagen über eine vermeintlich feindfreie Chaussee. Als wir zur Truppe zurückkehrten, guckten uns alle entgeistert an: »Wo kommt ihr denn her? Die Straße ist doch von der Wehrmacht besetzt.« Sie hatte sich kurz vor unserem Eintreffen aus dem Staub gemacht. Glück gehabt.

Wieviel Glück muss man haben, um einen Krieg zu überleben?
Viel Glück, und ich hatte reichliches. Ich bin erst am 9. März 1945 bei der Einnahme von Nitra, in der Slowakei, verwundet worden. Der Granatsplitter steckt noch heute in mir.

Ich möchte übrigens noch eine Sache korrigieren: Der Krieg war nicht am 8. Mai 1945 zu Ende!

An der fernöstlichen Front ging er weiter. Und Sie waren dann noch in der Mongolei im Einsatz.
Nicht nur das. Den 8. Mai 1945 erlebte ich in Vyškov, östlich von Brno. Uns, also der 2. Ukrainischen Front gegenüber lag die 6. Heeresgruppe unter Generalfeldmarschall Schörner. Er befahl seinen Soldaten, trotz der Kapitulation in Berlin-Karlshorst, weiter zu kämpfen. Er selbst bestieg ein Flugzeug und setzte sich ab. Soviel zu den großen deutschen Heerführern. Die Soldaten haben tatsächlich noch bis zum 11. Mai weitergekämpft. Wie viele Menschen mussten da noch sinnlos sterben?!


22. Juni 1941
Es war der längste Tag des Jahres, und er dauerte wirklich sehr lange – fast vier Jahre, ein Tag großer Prüfungen, großer Tapferkeit, großer Not, an dem das Sowjetvolk seine seelische Kraft unter Beweis stellte.
Ilja Ehrenburg (1891-1967)

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