Von Dieter Hanisch, Kiel

Murmel-Addiermaschine und ipod

In Kiel wird seit Kurzem die bundesweit drittgrößte Schau zur Computergeschichte präsentiert

Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel ist um eine Attraktion reicher: In einem noch bis vor wenigen Jahren genutzten Hochbunker auf dem Gelände der Fachhochschule wurde jetzt – wenige Tage vor dem Start des Kieler-Woche-Volksfestes – ein Computermuseum eröffnet.
Entwickelt in Peenemünde, jetzt in Kiel zu sehen: ein elekt
Entwickelt in Peenemünde, jetzt in Kiel zu sehen: ein elektronischer Analogrechner

Nach dem Heinz-Nixdorf-Museumsforum in Paderborn und dem Deutschen Museum in München wird nun die bundesweit drittgrößte Schau zur Computergeschichte in Kiel präsentiert. Die Ausstellung auf dem Kieler Ostufer im Stadtteil Dietrichsdorf lässt nicht nur jeden Informatiker frohlocken, die rund 300 Ausstellungsstücke reihen sich ein in entsprechende Werkschauen, die es in Amsterdam, Paris oder Zürich zu sehen gibt.

Konrad Zuses »Z 11«

Einen exponierten Platz nimmt dabei der Computer-Pionier Konrad Zuse ein, nach dem in Hoyerswerda ebenfalls ein Computermuseum benannt ist, das gerade auf sein 15-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Der gebürtige Berliner Zuse stellte 1941 mit seinem »Z 3« den weltweit ersten funktionsfähigen Digitalrechner vor. Bereits einige Jahre zuvor hatte er vergeblich die Rechenmaschine »Z 1« beim damaligen Reichspatentamt anzumelden versucht. Zuses Tatendrang bahnte einer technischen Errungenschaft den Weg, von der man lange Jahre nicht ahnen konnte, dass sie heutzutage in nahezu jedem Haushalt stehen würde. Auf 800 Quadratmetern wird anschaulich der IT-Siegeszug dargestellt. Der älteste ausgestellte Originalcomputer ist ein Zuse »Z 11« aus dem Jahr 1958. Ältestes Ausstellungsstück ist eine Archimedes B-Rechenmaschine (1911/13).

Mit 17 interaktiven Medienstationen hat in der Kieler Schau modernste Museumspädagogik Einzug gefunden – eigentlich aber auch eine Selbstverständlichkeit, wenn nicht hier, wo denn sonst! Rechner mit Relais- und Röhrentechnik sind zu sehen, wie sie bis in die 80er Jahre ganze Räume füllten. Einzelne Objekte längst ausgestorbener und vergessener Computerhersteller waren so sperrig, dass sie nicht durch den regulären Türeingang, sondern über Fensteröffnungen ins Gebäude befördert werden mussten. Einige der teils tonnenschweren Exponate sind denkmalgeschützt.

Jahrzehntelang hatte ein Förderverein viele Sammlungsstücke aufbewahrt, besaß aber keine geeigneten Räumlichkeiten für eine würdige Präsentation. Erst als der 1941 erbaute Bunker vor wenigen Jahren ausgedient hatte, ließ sich das Museumskonzept realisieren. Dafür wurden insgesamt drei Millionen Euro eingesetzt. Auf mehreren Etagen kann man sich jetzt auf eine spannende Zeitreise begeben, die durch einen geschichtlichen Zeitstrahl angereichert wird.

Raumschiff Enterprise

Im Kieler Computermuseum finden sich kleine Rechenschieber aus der Schulzeit, eine Murmel-Addiermaschine, aber auch Lochkartenmaschinen, eine erste elektronisch gesteuerte Zeichenmaschine Graphomat (auch von Zuse), Kostbarkeiten der Datenverarbeitung und alle baulichen Entwicklungsstränge von Rechenanlagen und PCs im Zeitalter zwischen Platinen und Mikroprozessoren. Bedeutsame Etappen des Fortschritts waren zum Beispiel die Speichertechnik und die Erfindung des Transistors, geradezu revolutionär ist die grenzenlose Nutzung des Internets.

Nicht selten kommt man sich wie in der Umgebung der Science-Fiction-TV-Serie »Raumschiff Enterprise« vor. Was seinerzeit futuristisch anmutete, wird heute oftmals nur noch belächelt.

Computermuseum Kiel, Eichenbergskamp, geöffnet freitags von 17 bis 20 Uhr und samstags von 15 bis 20 Uhr. In unmittelbarer Nachbarschaft kann auch der Mediendom besucht werden. Informationen im Internet unter: www.computermuseum-kiel.de

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