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Diplomaten Hitlers und der BRD

Bei einem Gespräch der Rosa-Luxemburg-Stiftung kamen Deutschlands Nachbarn zu Wort

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Aufarbeitung und Abrechnung haben gerade Konjunktur. In den Blick genommen wird dabei allerdings ausschließlich die DDR und die teilweise Übernahme von Eliten nach 1990. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg bewies am Donnerstag, dass es noch andere Baustellen gibt.

Bei einem Podiumsgespräch in Potsdam wurde die Übernahme der Nazi-Diplomaten in den bundesdeutschen Rechtsstaat beleuchtet, einer Tätergruppe, die an der Vernichtung der europäischen Juden erwiesenermaßen beteiligt war. In der BRD sei das jahrzehntelang vertuscht worden, hob Siegfried Prokop hervor. Der Professor beschrieb einführend die Reaktionen auf das Buch »Das Amt«. Schonungslos wird darin die Rolle des Auswärtigen Amtes bei der hitlerfaschistischen Politik offengelegt.

Nun konnte sich seit Erscheinen des »Braunbuches« 1965 in der DDR jeder davon überzeugen, wie tief verstrickt Hitlers Diplomaten gewesen sind und wie problemlos sie trotzdem in Westdeutschland in hoch bezahlte Positionen gelangten. In Potsdam kamen jetzt Deutschlands Nachbarn zu Wort und schilderten ihre Sicht.

Der Franzose Jerome Vaillant erklärte ungeschminkt: Deutschlands Diplomaten hätten sich die kaiserlichen Expansionsziele zu eigen gemacht und ab 1933 die Politik Hitlers. Zweifellos habe ein Teil des Personals im Auswärtigen Amt den braunen Machthabern reserviert gegenüber gestanden, was auf Gegenseitigkeit beruht habe. Doch nach der Besetzung des Rheinlands, dem Anschluss Österreichs und vor allem der Niederlage Frankreichs habe Hitler in diesen Kreisen auch geistig gesiegt. Es sei »eine große Portion Naivität« vonnöten, ausgerechnet in der Diplomatie ein Widerstandsnest vermuten zu wollen. Aber dieser Mythos der Bundesrepublik sei notwendig gewesen, um die Aufnahme des alten Personals in die neue Staatsstruktur zu erleichtern. Die belasteten Diplomaten bildeten Seilschaften und relativierten ihr früheres Handeln, urteilte Vaillant.

Seppo Hentilä von der Universität Helsinki beschrieb die widersprüchliche Rolle des deutschen Botschafters Wipert von Blücher in der fraglichen Zeit. Zum einen habe dieser maßgeblich dazu beigetragen, die rund 2500 Juden in Finnland zu retten. Zum anderen habe er die finnische »Waffenbruderschaft« mit dem Deutschen Reich befördert und sei nach dem Krieg mit der anfechtbaren Treibholz-Theorie an die Öffentlichkeit getreten, der zufolge Finnland in den Krieg mit der Sowjetunion hineingetrieben worden sei.

Im Haus der deutschen Botschaft in Warschau hängt heute noch das Porträt von Hans-Adolf von Moltke, dem Botschafter Hitlers in Polen und leidenschaftlichen Verfechters der These von der polnischen Kriegsschuld. Das teilte Holger Politt mit, der langjährige Leiter der Außenstelle der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Warschau. Das spätere Auftreten Moltkes in Spanien sei einmal mehr Beleg dafür, dass er ein überzeugter Antisemit gewesen sei. Das Bild des ersten deutschen Nachkriegsbotschafters, des jüdischen DDR-Diplomaten und Schriftstellers Friedrich Wolf suche man an diesem Ort indes vergeblich. Der Blick der polnischen Öffentlichkeit auf die Bundesrepublik sei aber davon geprägt, dass sie die BRD heute in vielen Fragen als Vorbild betrachte.

Dass es eine fatale personelle Kontinuität bei den bundesdeutschen Diplomaten gegeben hat, ist in Dänemark seit Jahrzehnten Thema gewesen, sagte Thomas Wegener Friis von der Universität Odense. Und so hätte man im Buch »Das Amt« nicht viel Neues gefunden. Die Deutschen, im dänischen Volksmund übrigens »Preußen« genannt, hätten 1940 ein »relativ mildes« Besatzungsregime errichtet, was mit »dänischer Lieferfreude« (vor allem Fisch und Fleisch) erkauft worden sei. Ein Großteil der dänischen Juden habe nach Vorwarnung aus der deutschen Botschaft nach Schweden entkommen können, eine Gruppe vor allem älterer Juden sei aber nach Theresienstadt ausgeliefert worden.

Rund 100 Todesurteile seien nach der Befreiung vom Faschismus im Zusammenhang mit der Besetzung Dänemarks verhängt und die Hälfte davon sei vollstreckt worden. Es traf beispielsweise dänische Angehörige der Waffen-SS, nicht aber den deutschen Reichsbevollmächtigten Werner Best. Sein Todesurteil habe die zweite und dritte Instanz in eine fünfjährige Freiheitsstrafe umgewandelt. Zu eng waren laut Friis die Kontakte Bests zu dänischen Regierungsstellen.

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