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Russlands singende Waffe

Mit der Macht der Musik mobilisierte das Alexandrow-Ensemble die sowjetischen Soldaten – und eroberte vieler Menschen Herzen

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 7 Min.

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Alexander Alexandrow (1883 –1946) – Komponist und Gründer des Gesangs- und Tanzensembles der Roten Armee, das nach Kriegsende auf dem Berliner Gendarmenmarkt (Foto unten) Triumphe feierte.
Alexander Alexandrow (1883 –1946) – Komponist und Gründer des Gesangs- und Tanzensembles der Roten Armee, das nach Kriegsende auf dem Berliner Gendarmenmarkt (Foto unten) Triumphe feierte.

»Die Fanfare möchte ich jetzt noch mal allein hören. Und bitte: Param param parampampam!« Es gibt nur einen, der sich über das Lied aller Lieder so blasphemisch hermachen darf: Igor Rajewski. Er ist seit drei Jahren der künstlerische Leiter des Tanz- und Gesangsensembles der russischen Armee, das sich nach seinem Gründervater nennt: Alexander Alexandrow. Er war es, der 1928 einen aus zwölf Soldaten bestehenden Chor zur singenden Waffe der Sowjetunion umschmiedete. Zu einem Markenzeichen wie das Bolschoi und dessen Ballett. Alexandrow komponierte 1944 die offizielle Hymne der Sowjetunion, die in Russland mit geändertem Text seit 2000 erneut Staatslied ist. Auch die Noten für die inoffizielle Hymne stammen aus seiner Feder: »Wstawai, strana ogromnaja, swjaschtschennaja woina« – »Steh auf, du großes Land, zum Heiligen Krieg.« Bereits siebzig Jahre alt, ist es nach wie vor die Zugnummer der Alexandrows.

Musik, die im Kampf geboren wurde

Russlands singende Waffe

Wo immer die Truppe dieses Lied vorträgt: In Russland stehen die Menschen spontan auf, erstarren zur Salzsäule, Militärs im NATO-Hauptquartier nahmen die Mützen ab, im Vatikan lauschte die Kurie mit gefalteten Händen.

Nicht der Text, den im Ausland die meisten ohnehin nicht verstehen, schlägt die Massen in Bann, es sind die Töne. Musik von elementarer Wucht mit der Wirkung einer harten Droge. »Musik, die im Kampf geboren wurde«, sagt Rajewski, »ich würde sie sogar als etwas grausam bezeichnen.« Hager, in hellbraunem Anzug, der ihm mindestens eine Nummer zu groß ist, steht er am Dirigentenpult, seine schlohweißen Haare fliegen. Schon 75 und nicht sehr gesund, gibt er auch bei den Proben alles. »Alexandrow«, sagt er, »hat sehr hohe Maßstabe gesetzt. Und die müssen wir unbedingt halten. Man darf nicht merken, wie schwer uns das manchmal fällt.«

Man sieht es dennoch, und vor allem hört man es. Welten liegen zwischen der historischen Aufnahme vor genau siebzig Jahren, als der »Heilige Krieg« aus dreihundert Soldatenkehlen zum ersten Mal auf dem Platz vor dem Belorussischen Bahnhof in Moskau erklang, wo Freiwillige an die Front verabschiedet wurden. Heute stehen ganze fünfzig Sänger auf der Bühne, auch das Orchester ist auf weniger als dreißig Musiker geschrumpft. Junge, glatte Gesichter, die Solisten guter Durchschnitt. Profis, aber keine Stars mehr wie Georgi Winogradow oder Viktor Nikitin, die sogar die Besiegten zu Beifallsstürmen hinrissen. 1946 in Berlin beim legendären Konzert vor den Ruinen des Gendarmenmarktes.

Das Konzert aus nur einem Lied

»Es war Großvaters letztes Konzert«, sagt Jewgeni Alexandrow. »Tags darauf starb er an Herzversagen.« Enkel Jewgeni hat in dem zehn Gehminuten vom Moskauer Gartenring entfernt liegenden vierstöckigen Gebäude, das Stalin 1939 eigens für die Alexandrows bauen ließ, gleich neben dem Saal für die Proben ein kleines Büro, vollgestopft mit Fotos und Briefen, sogar ein paar Noten, die der Maestro – im Treppenhaus auf einem überlebensgroßen Foto präsent – selbst zu Papier brachte. Das Allerheiligste – darunter die Partitur für den »Heiligen Krieg« – liegt allerdings hinter Panzerglas im Armee-Museum.

Jewgeni, ein Bilderbuchrusse mit rundem Gesicht und sanften graublauen Kinderaugen, war drei Jahre alt, als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel. Eigene Erinnerungen an das Konzert vor dem Belorussischen Bahnhof hat er daher nicht. Aber Onkel Boris, Alexandrows ältester Sohn, der damals das Orchester dirigierte und das Ensemble bis zu seinem Tode 1994 leitete, hat ihm offenbar so oft davon erzählt, dass Jewgeni die Geschichte inzwischen so wiedergibt, als wäre es seine eigene.

Gleich in den ersten Stunden nach Kriegsbeginn, sagt er, habe ein Politoffizier seinem Großvater ein Gedicht gezeigt, das Wassili Lebedew-Kumatsch gerade verfasst hatte. (Zwei Tag später erschien es in der »Prawda« und der Armeezeitung »Roter Stern«.) Vielleicht könne er dazu die passende Musik schreiben. »Großvater hat seinen Tee stehen lassen, sich ans Klavier gesetzt und schon am Abend ging es los mit den Proben. Am nächsten Tag haben sie das Lied vor dem Belorussischen Bahnhof gesungen und gespielt.

Als sie fertig waren, herrschte Grabesstille. Großvater und Onkel Boris schauten sich an und glaubten an einen Reinfall. Doch dann brandete Applaus auf. Sie mussten es ein zweites Mal spielen. Und dann ein drittes Mal. Immer wieder.«

Nie zuvor und nie danach, sagt Jewgeni, habe es ein Konzert gegeben, das aus einem einzigen Lied bestand. »Die Soldaten prägten sich Text und Melodie sofort ein und sangen das Lied auf dem Weg an die Front.« Noch lebende Teilnehmer der Kesselschlacht bei Smolensk, wo es der Roten Armee im Juli 1941 erstmals gelang, den Vormarsch der Wehrmacht aufzuhalten und so etwas wie eine neue Verteidigungslinie aufzubauen, schwören bis heute, das Lied hätte ihnen mehr gegeben als die hundert Gramm Wodka, die vor jedem Gefecht ausgegeben wurden.

Ein Phänomen, für das Experten wie Laien bis beute keine schlüssige Erklärung haben. Alexandrows Musik, sagt zu vorgerückter Stunde Albert Kurow, 26 und als Nachrichtenchef bei einem Dudelfunksender intellektuell hoffnungslos unterfordert, wirke auf die Menschen wie ein Wald. »Sie stehen im Schatten der Bäume, die sie um ein Mehrfaches überragen. Allmählich werden sie eins mit ihnen und richten sich gemeinsam nach der Sonne aus.«

Änderungswünsche vom Oberbefehlshaber

Stalin, sagt Alexandrow-Enkel Jewgeni, habe das Potenzial des Ensembles erkannt, als er es 1931 zum ersten Mal hörte. »Fortan traten sie bei allen Staatskonzerten auf. Der Generalissimus saß meist zufrieden da, rauchte seine Pfeife, manchmal verlangte er aber Änderungen.« Beispiel: die Hymne der Sowjetunion. »Großvater hatte die Melodie schon 1937 als Hymne der Partei« komponiert. Stalin meinte, sie müsse majestätischer klingen, »wie ein Schiff, das die Wogen zerteilt.« Seine Änderungswünsche habe er oft in tiefer Nacht mitgeteilt. »Großvater schlief meist schon und ist in Unterwäsche zum Telefon gerannt. Sie haben oft stundenlang diskutiert. Stalin ließ sich von Großvater sogar Widerspruch gefallen. Er mochte ihn, sie hatten ein paar Gemeinsamkeiten in ihren Biografien.«

In der Tat: Stalin war Zögling eines Priesterseminars, Alexandrow, der Mann, der die sowjetische Staatsmusik wie kein anderer prägte, war Sakralmusiker. 1884 in Plachino, einem Dorf bei Rjasan östlich von Moskau, als jüngstes von acht Kindern eines bitterarmen ehemaligen Leibeigenen geboren, zeigte er schon als Dreikäsehoch musikalische Begabung. Der Dorfpope verschaffte ihm eine Ausbildung für geistliche Musik am Konservatorium in Petersburg. Und 1922, beim letzten Gottesdienst in der Moskauer Erlöser-Kathedrale, die 1935 gesprengt wurde, dirigierte Alexandrow den Kirchenchor.

»Jeder, der auch nur ein bisschen Ahnung von Musik hat«, sagt Jewgeni, »merkt, dass in jedem seiner Lieder ein bisschen Folk und ein bisschen Choral steckt. Auch in der Hymne und im ›Heiligen Krieg‹.«

Das, sagt Ururenkel Boris, sei Alexandrows versteckte Rache. Für die Sprengung der Erlöserkirche und dafür, dass seine sakralen Kompositionen im Bürgerkrieg verbrannten. Boris, Anfang dreißig, gehört die Wohnung in dem berühmten »Haus an der Uferpromenade«, die Stalin seinem Ururgroßvater 1939 schenkte. Boris ist selten dort. Zunächst Chef einer Heavy-Metal-Band, jobbt er inzwischen als Tenor in Barcelona. Mit dem Ensemble, in dessen Kinderchor er einst sang, hat er sich hoffnungslos überworfen. Um Urheberrechte geht es dabei nur unter fernen liefen. Boris Alexandrow passt die ganze Richtung nicht in den Kram, die derzeitige Leitung, rügt er, setze die falschen Prioritäten: Kommerz statt Kunst.

Mehrfach gescheitert: Gastspiel in Berlin

Was Wunder: Allein mit dem, was aus dem Etat des Verteidigungsministeriums kommt, kann die Truppe nicht überleben. Oberst Leonid Malew, der militärische Leiter, ein blitzgescheiter Mittfünfziger, der noch zu Sowjetzeiten zum Kulturoffizier ausgebildet wurde, ist daher vor allem als effizienter Manager gefragt, wider Willen. Russland, meint er, täte gut daran, nicht nur seine Sportler zu fördern, sondern auch das Ensemble. »Wir verstehen uns als Propagandisten von gesundem Patriotismus, aber auch als Botschafter russischer Kultur im Ausland. Mit unseren Liedern – unserer Waffe – wollen wir eure Herzen erobern.« Mit der Macht der Musik, vor der sogar Polen kapituliert.

Dort gastiert das Ensemble jedes Jahr und feiert trotz des historisch belasteten Verhältnisses seine größten Triumphe. Er, sagt Malew, habe nach Konzerten schon öfter Sätze wie diesen gehört: »Ach diese verdammten Russen. Wegen ihrer Lieder muss man sie trotz allem lieben.«

Nach dem Ende von Sozialismus und Sowjetunion, erinnert sich Igor Rajewski, der künstlerische Leiter, habe es viele Versuche gegeben, das Ensemble auf den Mainstream einzuschwören und für Unterhaltung tauglich zu machen. »Wir brauchten unsere Lieder aber nicht zu schützen. Sie haben sich selbst geschützt und wir eine Nische besetzt, die wir unter allen Umständen halten werden.«

Wir sitzen bei Tee und Gebäck, reden über Gott und die Welt. Auch über Heikles. »Tabus«, versicherte Leonid Malew gleich zu Beginn unseres Gesprächs, »gibt es bei uns nicht.« Nur über einen mehrfach gescheiterten Herzenswunsch möchte er nicht reden. So wenig wie die Sänger, Musiker und Tänzer des Ensembles. Ein neues Konzert in Berlin, möglichst auf dem Gendarmenmarkt. Bisher fehlen Sponsoren.

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