nd-aktuell.de / 23.06.2011 / Kultur / Seite 17

Wer von Antisemitismus redet ...

Philosophische Interventionen von Georg Meggle als humanitäres Gegengift

Simon Zeise

Es ist ein landläufiges Vorurteil, analytische Philosophen seien nicht in der Lage, grundsätzliche Positionen zu tagesaktuellen Fragen zu formulieren. Georg Meggle, der aus dieser Schule kommt, tritt den Gegenbeweis an. Nach seinen eigenen Worten wendet er sich mit philosophische Interventionen »der semantischen Kriegsführung und der mit ihr einhergehenden Gehirnwäsche durch die Massenmedien« zu und empfiehlt seine philosophische Richtung als »Gegengift«. Der Autor, der sich schon in der Vergangenheit mit »Terror und der Krieg gegen ihn« (2003) sowie »Humanitäre Interventionsethik« (2004) kritisch geäußert hatte, versammelt in seinem neuen Buch zumeist öffentlich gehaltene Reden, in denen er u. a. Stellung zu Krieg, Terrorismus und dem Nahost-Konflikt bezieht.

Als der deutsche Außenminister Joseph Fischer 1999 unter der Parole »Nie wieder Auschwitz!« die Deutschen aufforderte, Verständnis für die NATO-Angriffe auf Jugoslawien zu haben, pochte Meggle, der seit 1994 in Leipzig lehrt, öffentlich auf die Einhaltung des Völkerrechts. Keineswegs selbstverständlich zu einer Zeit, in der große Teile der deutschen Bevölkerung auf die Lügen zur Rechtfertigung des Krieges hereinfielen. Seit diesem Feldzug wurde in der NATO unter dem Deckmantel einer »humanitären Intervention« durchgesetzt, ohne Beschluss des UN-Sicherheitsrats Kriege zu führen. Meggle warnt angesichts dessen davor, dass eine neue Zeitrechnung drohe, die hinter die Zeit des Westfälischen Friedens von 1648 zurückfalle: »Von den meisten NATO-Mitgliedern als Sieg der Moral über das bloße Recht, als Sieg der Menschenrechte über das Völkerrecht« umschrieben, begriffen andere den Angriff auf Jugoslawien »als Rückfall in die vor-völkerrechtliche Barbarei«.

Wenige Tage vor dem Einmarsch der US-Armee in den Irak, im März 2003, fragte Meggle in einem Vortrag an der Universität Leipzig nach Sinn und Zweck des bevorstehenden Krieges. Nach eingehender Analyse von Argumenten der US-Administration erinnerte er daran, dass er von langer Hand geplant war. Mehrere Zeitungen lehnten den Abdruck des Textes »dankend ab«. Drei Jahre später warnte Meggle in einem weiteren Beitrag vor »Bomben auf den Iran«. Die westlichen Argumentationsmuster weisen seiner Meinung nach beängstigend viele Parallelen zur Irak-Invasion auf.

Ein weiteres Thema, das er grundlegend abhandelt, ist Terrorismus. Meggle erklärt sich mit der gängigen Definition nicht einverstanden, wonach nur derjenige Terrorist ist, der sich, um Menschen zu töten, nicht als Angehöriger einer Streitmacht ausweist. Sollen moralische Grundsätze für jedermann gelten, ist auch das Töten von Zivilisten durch hochgerüstete und offizielle Armeen ein Terrorakt und nicht bloßer »Kollateralschaden«. Der Autor verweist darauf, dass es deshalb so wichtig ist, genau zu definieren, was Terrorismus ausmacht. Denn die Herrschenden definieren ihn nach eigenen Gesetzen.

Der Band enthält auch drei Stellungnahmen zum Nahost-Konflikt. So formulierte Meggle für die Grundsatzkommission von »pax christi« Thesen zur Menschenwürde im Palästina-Konflikt, in denen er sich gegen Doppelmoral wendet. Wer Antisemitismus verneine, müsse sich auch gegen Antiislamismus und Antiarabismus wenden. Angesichts des oft erhobenen Antisemitismus-Vorwurfs in diesem Zusammenhang wandte sich Meggle 2008 dem Thema zu und unterschied aus sprachphilosophischer Sicht zwischen Antizionismus, Antisemitismus und der Kritik am Handeln der israelischen Regierung. Am 2. Juni 2010 gab der Philosoph auf dem Leipziger Augustusplatz ein Statement zu den Toten auf den Schiffen der »Bewegung für ein freies Gaza« ab. Er folgte dem Aufruf eines Friedensbündnisses, das gegen den Angriff der israelischen Armee auf den Hilfskonvoi im Mittelmeer protestierte.

Meggles »Philosophische Interventionen« sind das politische Zeugnis eines Intellektuellen, der mutig für Frieden und Menschenwürde eintritt. Außerdem stellt er aus Sicht der analytischen Schule präzise Definitionen vor, die für aktuell-politisch Interessierte äußerst hiflreich sind. Sein Buch ist somit auch ein unverzichtbares Nachschlagewerk.

Georg Meggle: Philosophische Interventionen. Mentis Verlag, Paderborn 2011. 226 S., geb., 29,80 €.