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Das »Krieger-Gen«

  • Von Reinhard Renneberg, Hongkong
  • Lesedauer: 3 Min.
Vignette: Chow Ming
Vignette: Chow Ming

Ich bin ein friedlicher Mensch. Dachte ich zumindest. Aber ich liebe auch schnelle und klare Entscheidungen. Hongkong ist genau der richtige Platz für mich. Hier werden E-Mails beantwortet, bevor man sie gelesen hat. Deutsche Langsamkeit macht mich kribbelig ...

Ich habe also kurz entschlossen zugestimmt, als die schweizerische Gentest-Firma Igenea mir anbot, mein »MAOA-Gen« zu testen. Die Genvariante MAOA-L bewirkt eine erhöhte Risikobereitschaft, lässt sie aber auch ihre Erfolgschancen in kritischen Situationen besser einschätzen. MAOA ist das Enzym Monoamino-Oxidase Variante A. Das Enzym baut Neurotransmitter im Körper ab, das sind Stoffe, die Nervenimpulse übertragen (z. B. Dopamin).

Das L in MAOA-L bedeutet »low« (niedrig). Das Enzym wird nur in geringer Menge produziert. Dementsprechend wird weniger Dopamin abgebaut, seine Konzentration bleibt hoch. Der Körper steht unter »Hochspannung«.

Für eine kürzlich veröffentlichte Studie ließen Wissenschaftler des California Institute of Technology (CalTech) männliche Studenten der Uni in Santa Barbara in einer Finanzsimulation ihr Startkapital von 25 Dollar vermehren. Die jungen Männer konnten zwischen der sicheren Option (garantiert kein Gewinn und kein Verlust) oder der riskanten Option (verschiedene Verlustrisiken und Gewinnchancen) wählen. Die Träger der Genvariante MAOA-L nahmen finanzielle Risiken eher in Kauf, doch nur dann, wenn es für sie wirklich vorteilhaft war. Frühere Studien hatten gezeigt, dass mit dieser Gen-Variante oft auch impulsiveres und aggressives Verhalten verbunden ist. Deshalb bekam diese Ausprägung den Namen »Krieger-Gen«. Aber ist so etwas auch im Interesse der Gesellschaft?

Keine Frage: Menschliches Verhalten ist sehr komplex und wird sowohl durch Gene als auch durch die Umstände beeinflusst. Deshalb sprechen Forscher auch von erhöhten oder niedrigeren Risiken. Gewaltbereitschaft oder Kampfgeist mit einfachen Gentests voraussagen zu wollen, ist etwas zu kurz gegriffen.

Das »Krieger-Gen« liegt auf dem X-Chromosom, Männer erben es also von ihrer Mutter. Da Männer nur ein X-Chromosom (bekanntlich im XY-Verbund) besitzen, kann das Krieger-Gen, wenn es denn vorliegt, seine volle Wirkung entfalten. Frauen dagegen besitzen zwei X-Chromosomen, weshalb sich ein einzelnes Krieger-Gen gar nicht oder weniger stark auswirkt.

Und wie ist es nun bei mir? Igenea bescheinigt mir gleich drei Kopien des Gens. Der geborene General also! Doch den Heldentod fürs Vaterland zu sterben, ist nicht meine Philosophie, ich bin auch ziemlich unmilitärisch ...

Deshalb interessiert mich nun eine weitere Gen-Kombination: die Mutation »Avoidance of Errors« (Vermeiden von Fehlern). Wie ausgeprägt ist meine Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen? Das Ergebnis soll in vier Wochen vorliegen.

Ketzerischer Gedanke: Wäre es nicht wichtig, Banker und erst recht künftige Armee-Oberbefehlshaber aller Länder diesem letzteren Gentest zu unterziehen?

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