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Zwischen allen Stühlen

Gregor Gysi im Gespräch mit Andrej Hermlin

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Andrej Hermlin beim ND-Pressefest am 28. Mai auf der Roten Couch bei Gregor Gysi: Wir dokumentieren das Gespräch in Auszügen.
Andrej Hermlin beim ND-Pressefest am 28. Mai auf der Roten Couch bei Gregor Gysi: Wir dokumentieren das Gespräch in Auszügen.

Gysi: Andrej, geboren wurdest du am 21. September 1965. Du hast eine russische Mutter und hattest einen jüdischen deutschen intellektuellen kommunistischen Vater. Wo ist eigentlich deine Heimat?
Hermlin: Natürlich habe ich immer in Berlin gelebt, wenn auch ein bisschen zwischen allen Stühlen. Es gab stets eine feine, fast unsichtbare Trennlinie zwischen den meisten meiner Freunde und mir. Zum einen, weil ich ja zur Hälfte russisch bin, so dass zum Beispiel bestimmte Musik, Gerüche, aber auch politische Bewertungen Russlands, der Sowjetunion etwas ganz anderes in mir auslösen als bei ihnen. Zum anderen, weil ich auf Antisemitismus sensibler reagiere. Heute befinde ich mich in einer ganz merkwürdigen Lage. Wenn ich nach Kenia fliege – meine Frau stammt von dort –, habe ich ebenfalls das Gefühl, nach Hause zu kommen. Auch in New York fühle ich mich sehr wohl: Aus dieser Stadt, teilweise zumindest, kommt die Musik, die ich spiele.

Die Musik ist deine Heimat.
Das hat mein Vater auch immer gesagt. Und es stimmt: Die Musik ist ein Körperteil von mir. Insofern ist sie eine vergleichweise sichere Heimat, ich kann sie überallhin mitnehmen.

Dein Vater: Wie war er als Vater?
Nicht wie andere Väter, er war schon älter. Fußball hat er nicht so oft mit mir gespielt. Er hat mir vorgelesen, wir sind viel gereist, haben zusammen Musik gehört, und ich hatte immer das Gefühl, er interessiert sich für mich. Er hat mir die Freiheit gelassen, mich so zu entwickeln, wie ich wollte.

Er war 18, als die Nazis die Macht errangen. Wann ist er emigriert?
1931 war er, noch in Berlin, in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands eingetreten. In Berlin, wo er illegal gearbeitet hat, blieb er bis Anfang 1936. Dann ging er mit seiner Frau zunächst nach Palästina, von dort Anfang 1937 nach Paris. Er gehörte einer Organisation an, welche die Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg unterstützte – er hat Krankenwagen rüber nach Spanien gefahren. Später war er in einer Hilfstruppe der französischen Armee und ist, als die Deutschen kamen, in Kriegsgefangenschaft geraten. 1942, als es die ersten großen Judenaktionen gab, wurde er in ein Lager gebracht. Jeden Morgen kamen sie dort mit Listen von der SS und riefen Leute auf. Eines Tages – mein Vater hieß ja Rudolf Leder – hörte er: »Leder, vortreten!« Er hat mir erzählt, wie er beschloss: Ich lebe nicht, ich bin nicht da, ich existiere nicht, ich melde mich nicht. Der Offizier brüllte: »Leder, Leder!« Und plötzlich hob ein kleiner Mann seine Hand und sagte: »Ich bin es.« Er wurde abtransportiert. Mein Vater wusste bis zum Schluss nicht, ob da eine Überschneidung vorlag oder ob sich jemand geopfert hatte. Jedenfalls ging er am nächsten Tag zum Lagerkommandanten und sagte: »Ich bin kein Jude. Dass ich hier bin, ist ein Irrtum.« Der Kommandant, ein Vertreter der Vichy-Regierung, ließ das überprüfen und rief meinen Vater wieder zu sich: Er habe Recht, er könne gehen. Unerklärlich. Vielleicht gab es keine Akten, vielleicht wollte er mal einen Juden retten. Jedenfalls floh mein Vater kurz danach mit seiner Tochter in die Schweiz und erlebte dort das Kriegsende. Im Juni 1945 kam er nach Deutschland zurück, als einer der ersten.

Ein ganzer Staat wollte ihn ermorden – nur wegen seiner Herkunft. Wie prägte ihn das?
Das weiß ich nicht. Aber mein Vater ist immer wieder, auch in der DDR, mit Antisemitismus konfrontiert gewesen. Und wenn ich mir die augenblickliche Situation ansehe, frage ich mich, wie er sich fühlen würde. Ich glaube, miserabel. Wir tun so, als wäre der Antisemitismus ein Problem einiger weniger Unbelehrbarer. Aber es ist eine Frage der Definition. Wenn ich sage, Antisemiten sind diejenigen, die die Juden ins KZ schicken wollen, dann sind das relativ wenige. Wenn ich aber sage, Antisemiten sind diejenigen, die Vorurteile verbreiten, dann sind es sehr viele. Was sich in den letzten Wochen in der LINKEN abgespielt hat, der ich immer noch angehöre, ist widerlich. Seit Jahren sind wir Diskussionen aus dem Wege gegangen. Anfang der 90er Jahre, damals war ich noch im Landesvorstand, kam der stellvertretende Parteichef der damaligen PDS in Berlin zu mir und sagte: »Weißt du, Andrej, das Schlimmste, was den Juden in 2000 Jahren Geschichte widerfahren ist, ist die Gründung ihres Staates Israel.« Nicht die Shoah, nein, Israel, das war das Schlimmste!

Du hast von Antisemitismus in der DDR gesprochen. Ich habe das immer als Intellektuellenfeindlichkeit wahrgenommen. Die ist sehr verbreitet, übrigens bis heute.
Aber es gab auch ganz direkten Antisemitismus. Ich hatte einen Klassenkameraden, der hieß Steffen und war in der FDJ-Leitung meiner Klasse zuständig für Wehrerziehung. Eines Tages sagte er auf dem Schulhof – es standen ein paar Schüler drumrum – zu mir: »Andrej, weißt du was, ich bin ja auch Jude.« Worauf ich ihn grenzenlos naiv anguckte und entgegnete: »Was, Steffen, das wusste ich überhaupt nicht.« Daraufhin sagte er: »Ja, immer wenn ich besoffen bin und kotzen muss, dann bin ich ein richtiger Jude.« Das werde ich nicht vergessen. Das war übrigens an einer EOS, die »Carl von Ossietzky« hieß. Ich hatte viele solcher Erlebnisse, auch bei der Armee.

Ich erzähle auch diese Geschichte von meinem Vater: 1979 gab es in der Akademie der Künste eine Versammlung, auf der über seinen Vorschlag diskutiert wurde, für das DDR-Fernsehen die US-Serie »Holocaust« aufzukaufen. Da stand ein gewisser Otto Gotsche auf und sagte: »Ich sehe die Judenfrage vom Klassenstandpunkt.« Worauf mein Vater aufsprang und rief: »Natürlich Otto, das ist völlig klar, denn ich bin der Sohn eines jüdischen Vaters, und du bist ein Antisemit.« Worauf Otto Gotsche meinte: »Nein, nein, Stephan, ich bin kein Antisemit, ich habe auch jüdische Freunde. Aber wenn ich mir die Listen vom MfS ansehe und stelle fest, dass von zehn observierten Personen sieben Juden sind, dann denke ich mir meinen Teil.« Worauf Alexander Abusch, der genau so stalinistisch war wie Otto Gotsche, aber Jude, ebenfalls aufsprang und rief: »Otto, das geht zu weit!« Ich dachte lange, mein Vater hätte bei der Geschichte übertrieben. Bis ich die Akademie-Protokolle in die Hand bekam: Es war genau so. 1979 in der DDR.

Wann bekam dein Vater ein kritisches Verhältnis zu seiner Partei?
Eine Rolle spielten sicher die politischen Prozesse in Moskau, von denen er in der Emigration gehört hatte. Wahrscheinlich auch die Field-Affäre Anfang der 50er Jahre. Auch die Aktion gegen die jüdischen Ärzte in der Sowjetunion 1952, zweifellos der XX. Parteitag und dann die erste Biermann-Affäre – mein Vater hatte in der Akademie der Künste einen Aufruf gestartet, junge Autoren sollten sich bei ihm melden, und darunter waren dann eben Leute wie Kunert und Biermann. Also ich denke, das kritische Verhältnis zu seiner Partei entwickelte sich bereits in den 50ern.

Du warst elf, als Biermann ausgebürgert wurde. Was hast du damals mitbekommen?
Ich kam mit meiner Mutter von der Musikschule nach Hause, mein Vater stand in der Tür und sagte: »Die haben den Biermann ausgebürgert, jetzt reicht's!« Man muss wissen, dass mein Vater mit Biermann alles andere als befreundet war. Aber es ging ihm ums Prinzip. Darum, dass eine Methode gegen den Sohn eines Auschwitz-Opfers angewandt wurde, die die Nationalsozialisten angewendet hatten. Auch mein Vater ist von den Nazis ausgebürgert worden.

Die Beratung der zwölf Erstunterzeichner der Petition für die Rücknahme von Biermanns Ausbürgerung fand bei uns zu Hause statt. Den Text hat mein Vater geschrieben. Das hat große Wirkung gehabt, natürlich auch auf mich. Am nächsten Tag in der Schule umringten mich in der Pause ältere Schüler. Sie drückten mich gegen die Mauer und sagten: »Ihr konterrevolutionären Schweine, geht doch endlich in den Westen, haut doch ab nach drüben!« Ich weiß noch, dass meine Mutter zum einzigen und letzten Mal bei der Direktorin erschien und nachfragte, ob nun die Sippenhaft wieder eingeführt sei. Die Eltern dieser Schüler haben sich später vom Verhalten ihrer Kinder distanziert, sie hätten damit nichts zu tun gehabt. Erst haben sie sie aufgehetzt und dann fallen lassen. Tolles Verhältnis.

Dein Vater hat vielen in der DDR geholfen. Wie haben sie ihn nach der Wende behandelt?
Meistens nicht gut. Es gab etliche Leute, denen die Wachen in Bautzen gesagt haben: »Dass du hier rauskommst, hast du nur diesem Hermlin zu verdanken.« Und kaum waren sie im Westen, haben sie ein Interview gegeben und meinen Vater beschimpft.

Zwischen deinem Vater und Erich Honecker gab es einen Draht?
Ja. Der ist aber überbewertet. Von einer Freundschaft konnte keine Rede sein. Sie trafen sich in größeren Abständen, und wenn mein Vater, entweder als Vizepräsident des Internationalen PEN oder einfach nur als Stephan Hermlin, zu ihm kam und ihn um die Freilassung eines Menschen oder um das Erscheinen eines Buches bat, hörte Erich Honecker in der Regel auf seinen Rat. Aber wenn die sich alle zwei Jahre einmal sahen, war das schon viel.

Wie hast du die Wende erlebt? Bedrückt oder befreit?
Es war eine Mischung. Einerseits von unglaublicher Spannung: Jetzt geht's endlich los. Und im Hinterkopf arbeitete es: aber in die falsche Richtung. Mir war klar, das Land wird verschwinden. Und ich suchte nach einer Heimat. Es muss im November gewesen sein, da sah ich im Fernsehen eine Demonstration der SED vor dem ZK. Die Leute waren nicht mehr siegesgewiss, sondern verloren, hilflos. Und mit einem Mal schoss es mir durch den Kopf: Verdammt, da musst du hin, da ist dein Platz. Von meinen Freunden habe ich damals sehr viel Prügel bekommen, sie verstanden nicht, warum ich ausgerechnet in die SED/PDS eintrat. Aber für mich war das eine zwangsläufige Entscheidung. Weil jetzt aus der Partei etwas hätte werden können. So glaubte ich damals.

Ich hoffe, du glaubst es immer noch. Aber abgesehen davon: Bist du mit der Zeit ein Linker geworden, oder warst du es, und es hat sich verfestigt?
Wenn man Musiker ist und relativ viel auftritt, lebt man ganz gut. Und das korrumpiert schrecklich. Wenn ich in den 90ern zu einer PDS-Versammlung kam, dachte ich mir oft: Wovon reden die eigentlich, ist doch alles gar nicht so schlimm. Und dann wurde ich in die Realität zurückgeholt: Ich lernte Kenia kennen. Denn wenn man nach Kenia kommt und nicht einfach nur Tourist ist, sondern in einem Dorf wohnt, dann erlebt man, wie Kapitalismus wirklich ist. Nicht getarnt durch Sozialsysteme, sondern schonungslos, offen, klar. Ein paar Familien besitzen alles, während alle so gut wie nichts besitzen. Die Politik führt die Menschen an der Nase herum, in einer geradezu zynischen Offenheit, dass einem schlecht werden kann dabei. Ich sage mal: Wenn man mit offenen Augen und Ohren nach Kenia kommt, zurückkehrt und ist kein Sozialist, hat man kein Herz. Das, was sich dort abspielt, kann Gott nicht gewollt haben.

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